Digitale Transformation: Wie gelingt die Balance zwischen Strategie, Business Anwendungen und Technologie?

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Posted 3. Oktober 2016 by Redaktion IT-Onlinemagazin in Geschäftsführer

Wir fragten Professor Dr. August-Wilhelm Scheer, Gründer der Scheer GmbH und Vorsitzender des Beirats, zu den aktuellen Herausforderungen, dem Digitalisierungsdruck, Entwicklungsschritten und möglichen Empfehlungen für Entscheider.

Die Wichtigkeit der Digitalen Transformation ist in den Unternehmen angekommen. Im nächsten Schritt suchen Entscheider nach innovativen Strategien, neuen Geschäftsmodellen, Business Lösungen und Technologien, um das eigene Unternehmen zu transformieren und fit für die Zukunft zu machen.

 

Herr Professor Scheer, wie bewerten Sie den Status Quo zur Digitalen Transformation und welche Herausforderungen haben Unternehmen aktuell?

August-Wilhelm Scheer DigitalisierungJedes Unternehmen muss sich der Wirkung der Digitalisierung stellen. Das sture Beharren auf bisher erfolgreichen Konzepten ist gefährlich. Die grundsätzlichen Treiber von digitalen Produkten, Prozessen und Geschäftsmodellen wie z.B. Personalisierung von Produkten und Prozessen, Selbststeuerung von Menschen und Systemen, Sharing von Ressourcen, Ersatz geistiger Arbeit durch Algorithmen (KI) müssen verstanden und zur Weiterentwicklung des eigenen Geschäfts genutzt werden. Neue Businessmodelle werden sonst bestehende kannibalisieren.

Es zeichnet sich schon jetzt deutlich ab, dass digitale internationale Plattformunternehmen in branchenfremde, bisher von Fertigungstechnologie beherrschte Märkte wie den Automobilbau, eindringen und die klassischen Marktführer bedrohen.

Diese Trends muss jedes Unternehmen für sich analysieren, eine Digitalisierungsstrategie entwickeln und z.B. entscheiden, ob es Plattformanbieter oder Zulieferer anderer Plattformen sein will.

Nach innen gerichtet ergeben sich auch neue Herausforderungen. So benötigen digitalisierte Unternehmen eine neue Führungskultur, die, nicht zuletzt, einen beschleunigten Generationswechsel erfordert.

Klassische Unternehmen und digitale start-ups stehen gleichermaßen vor Herausforderungen. Dazu gehört, dass neue Entwicklungen wie Cloud Computing, Big Data Analytics, mobile Anwendungen oder Omni – Channel- Zugang hohe Entwicklungsinvestitionen zur Modernisierung bestehender Softwareprodukte erfordern. Klassische Unternehmen können dieses intern finanzieren, start-ups benötigen externe Quellen.

 

Drängt die Zeit oder kann man gelassen bleiben? Wie hoch ist der Druck, die Digitalisierung weiter voranzutreiben und wo drängt es am meisten?

Die Zeit drängt in der Tat. Der ehemalige amerikanische Botschafter in Deutschland hat es in einem WELT-Interview überspitzt auf den Punkt gebracht: Bei der Digitalisierung „kommt der brain aus den USA, die Produkte aus Asien und Europa kauft“.

Europa ist der viertgrößte Absatzmarkt für ITK und das spricht zunächst für die Aufgeschlossenheit von Wirtschaft und Konsumenten für die neuen Technologien. Eine vornehmliche Käuferposition ist aber gefährlich, da man nicht an der Entwicklung der Technologie beteiligt ist, ihre Richtung bei Datenschutz und anderen Bedingungen kaum beeinflussen kann und eher Zweiter bei der Anwendung ist.

Wir müssen uns fragen, woran es liegt, dass Europa und auch Deutschland diese Entwicklung zugelassen haben, obwohl man die Industrialisierung angeführt hat. Und wir müssen den Trend umkehren, um wieder zum Anbieter zu werden. Dabei dürfen wir uns nicht alleine auf die mittlerweile rund 50 Jahre alten, erfolgreichen Unternehmen SAP und Software AG verlassen.

Es gilt also, mit vereinten Anstrengungen von Politik, Forschung und Unternehmen, die Bedeutung der Digitalisierung nicht nur zu erkennen, sondern auch eben diese Digitalisierung umzusetzen. Die Wettbewerbsposition unserer bestehenden erfolgreichen Branchen muss bei der Digitalisierung unterstützt werden. Wir brauchen den Mut, neue Unternehmen zu gründen, die auch international bestehen können. Das können übrigens auch Ausgründungen aus bestehenden, etablierten Firmen sein, die so neue Geschäftsmodelle entwickeln können.

 

Welche Schritte sind notwendig, um Unternehmen weiter zu digitalisieren?

Die Voraussetzungen sind durchaus günstig: Deutschland hat gegenüber anderen Ländern wie USA, Großbritannien oder Frankreich seinen Standort für die Produktion materieller Produkte erhalten und einen internationalen Marktzugang. Dadurch besitzt es eine gute Ausgangsbasis auch für neue Technologien wie 3D- Druck und Industrie 4.0 zum Ausbau seiner Wettbewerbsposition.

Kleinere, mittelständische ITK Unternehmen sollten – ähnlich wie SAP und Software AG – die neuen Themen nicht nur erkennen, sondern umsetzen. Das gilt insbesondere für den Markt für Business Software, denn hier besteht großes Wachstumspotenzial. Ein Anfang ist hier gemacht: Traditionelle deutsche Industrieunternehmen haben große ITK-Abteilungen aufgebaut und sind dabei, sie als selbstständige Unternehmen auszugründen. Sie können dann frei auf internationalen Märkten auftreten und Ausgang für neue große ITK- Unternehmen werden.

Generell ist es spätestens jetzt an der Zeit, branchenübergreifend in etablierten Unternehmen die Position des CDO (Chief Digital Officer) zu schaffen, der die digitale Transformation im Unternehmen vorantreibt, indem er Chancen erkennt und mutig umsetzt.

 

Wie kann die Balance zwischen Strategie, Business und Technologie gelingen?

Strategie, Business und Technologie dürfen nicht separat betrachtet werden, sie sind integrale und interdependente Bestandteile der digitalen Transformation. Dabei ist die Technologie der Enabler für die Umsetzung digitaler Businessmodelle. Letztere entstehen durch die strategische Neuausrichtung eines Unternehmens, das technologische Möglichkeiten als Herausforderung und Chance begreift. So bilden alle drei Elemente einen Kreislauf, bei dem die schnelle Entwicklung neuer Technologien als Impulsgeber auftritt, aber gemeinhin keinen Eigenwert an sich darstellt.

In vielen Unternehmen ist die SAP-Technologie derzeit in vielen Bereichen als de-facto Standard gesetzt – was erwarten Sie zukünftig?

SAP hat die neuen Themen rechtzeitig erkannt und umgesetzt. Man hat sich durch mutige Entscheidungen, wie die, auf SAP HANA zu setzen, erneut zum wesentlichen Zukunftsplayer auf dem Markt für innovative Business Software etabliert. Damit hat man es wieder geschafft, Standards zu setzen. Dies gilt nicht nur für die etablierte Kundenbasis. Wer heute ein neues ERP System einführt, wird sich das SAP Angebot sehr genau ansehen.

 

Was empfehlen Sie Entscheidern, damit die „Digitale Transformation“ ihrer Unternehmen erfolgreich gelingen kann?

Will ein Unternehmen zukunftsfähig sein, muss es die Chancen der Digitalisierung offensiv nutzen. Das sture Beharren auf bisher erfolgreichen Konzepten ist gefährlich, denn neue, digitale Businessmodelle werden das etablierte Geschäft gefährden. Die Chancen von Plattformunternehmen müssen erkannt werden und dazugehörende Ökosysteme aus Kunden und Partnern aufgebaut werden. Dabei kann ein Unternehmen durchaus selbst eine Plattform aufbauen und gleichzeitig Zulieferer einer anderen größeren Plattform sein. Dem Aufbau des Ökosystems aus Kunden und Partnern kommt dabei immer mehr eine große Bedeutung zu. Denn je grösser das eigene Ökosystem ist, umso interessanter ist das Unternehmen als Partner für andere größere Unternehmen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Helge Sanden, Chefredakteur des IT-Onlinemagazins.

 

Copyright Foto: Scheer GmbH – wir danken für die Bereitstellung

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