Warum produzierende Unternehmen das Autonomous Enterprise jetzt angehen sollten
Veröffentlicht
27. Juli 2026
Lesezeit
7 Minuten
Holger Scheel
cbs Corporate Business Solutions
Maike Rose
Chefredakteurin
Holger Scheel (cbs) im Gespräch mit Maike Rose. Foto: IT-OnlineMagazin
Die ONE.CON 2026 hat gezeigt, wo die SAP Industry Community bei Business-Transformation und KI-Adoption steht. Welche Transformationsherausforderungen die nächsten Monate bringen und warum produzierende Unternehmen das Autonomous Enterprise schon jetzt unbedingt mitdenken sollten, ordnet cbs-Geschäftsführer Holger Scheel im Interview mit IT-OnlineMagazin-Chefredakteurin Maike Rose ein.
SAP S/4HANA-Adoption in der Industrie: Die Zeit drängt
Maike Rose: Die ONE.CON hat sich zum zentralen Branchentreffpunkt der SAP Industry Community aus der DACH-Region entwickelt. Auch in diesem Jahr gab es wieder viel zu besprechen. Wie bewerten Sie rückblickend die diesjährige Fachkonferenz?
Holger Scheel: Es ist schon toll zu sehen, wie sich das Format in den vergangenen neun Jahren entwickelt hat. Inzwischen gilt die ONE.CON für produzierende Unternehmen als führende Konferenz im DACH-Raum. Das liegt einerseits an der homogenen Zielgruppe, andererseits sicherlich aber auch am hohen Praxisbezug mit über 30 Kundenvorträgen. In diesem Jahr bestritten SAP-Anwenderunternehmen der SAP Industrie Community die ONE.CON zu großen Teilen wieder selbst und berichteten ganz offen über Erfolge und Stolpersteine ihrer Transformation. Eine Transparenz in dieser Dichte und Tiefe findet man so schnell nicht wieder.
Maike Rose: Der S/4HANA-Umstieg hat also offenbar weiterhin Priorität. Wie kommt die produzierende Industrie damit voran?
Holger Scheel: Vor allem die diskrete Fertigung gilt bei der S/4HANA-Adoption gegenüber anderen Branchen seit jeher als Vorreiter. Zudem gibt es aber auch einen klaren Größeneffekt: Große Konzerne haben mit dem Umstieg früher begonnen, kleinere Unternehmen zogen erst später nach und haben tendenziell dementsprechend erst weniger produktive S/4HANA-Systeme im Einsatz.
Insgesamt gibt es allerdings in der SAP Industry Community noch einiges zu tun. Marktstudien zufolge stehen allein in der DACH-Region noch rund 600 Transformationen an, der eigentliche Nachfragepeak wird 2027 und 2028 erwartet, mit geschätzt 100 bis 150 großen Transformationsprogrammen gleichzeitig. Eine Prognose, die sich mit Erkenntnissen unserer CIO-Lounge auf der ONE.CON deckt: Die drückendste Frage produzierender SAP-Anwenderunternehmen ist und bleibt, wie sich die Transformation werthaltig gestalten und vollenden lässt. Erst recht, da die Zeit drängt. Wer erst 2027 mit dem S/4HANA-Umstieg startet, wird ihn bei entsprechender Größe kaum noch im regulären Wartungsfenster abschließen können.
Vom System of Record zum System of Action
Maike Rose: Und parallel zu dieser anspruchsvollen Aufgabe bringt SAP nun auch das Autonomous Enterprise auf die Agenda. Wie bewerten Sie das?
Holger Scheel: Damit erhöht sich die Herausforderung für produzierende Unternehmen. Aber es bietet sich auch eine neue Chance, den Innovationsmotor anzuwerfen: Einerseits gilt es, die S/4HANA-Adoption weiter voranzutreiben, andererseits die Potenziale von intelligenten Agenten, Assistenten und dem Autonomous Enterprise an sich zu verstehen und auf die Roadmap zu setzen. Wer jetzt in der ERP-Transformation steckt und denkt, er kümmert sich erst danach um das Thema Business AI, kommt zu spät. Der Digitalisierungsvorsprung, den sich andere bis dahin erarbeitet haben, wird Wettbewerbsvorteile bringen, die sich nur schwer aufholen lassen.
Maike Rose: SAP positioniert das Autonomous Enterprise als nächsten logischen Schritt nach RISE with SAP und Clean Core. Was kann man sich darunter konkret vorstellen?
Holger Scheel: Mit dem Übergang von Datensilos zu offenen, KI-gesteuerten Ökosystemen beginnt für Industriekunden aus unserer Sicht der fünfte Wandel in der Geschichte der Business-Plattformen. Die Grundidee hinter SAPs neuer Vision ist die Weiterentwicklung des ERP-Systems von einer transaktionalen Maschine, dem sogenannten System of Record, zu einem System of Action, das eigenständig agierende, KI-gestützte und hyperautomatisierte Geschäftsprozesse innerhalb wohlgesetzter Grenzen ermöglicht. Dabei verschwindet das ERP-System nicht. Ganz im Gegenteil: Als unverzichtbare Grundlage für generative KI und LLMs stärkt es im Autonomous Enterprise seine Bedeutung.
SAPs neuer visionärer Anker ist derzeit zwar in erster Linie noch ein Zukunftsbild und in der Lösungsrealität noch lange nicht vollständig. Aber das Softwareportfolio aus Walldorf bewegt sich doch mit beeindruckender Konsequenz und Geschwindigkeit darauf zu. Entsprechend gibt es bereits hinlänglich viele KI-gestützte Szenarien im SAP-Umfeld, die in der Industry Community schon heute spürbaren Mehrwert schaffen.
Auf unserer Konferenz wurde einige davon prominent sichtbar: Etwa, wenn ein Schweizer Hidden Champion mit einer agentenbasierten KI-Lösung die Verarbeitung unstrukturierter Kundenbestellungen aus diversen Eingangskanälen bis zur SAP-Buchung vollständig automatisiert, inklusive Validierung und Governance. Ein Maschinenbauer spart etliche Wochen manueller Arbeit ein und reduziert deutlich seine Fehlerquote, indem er handschriftliche Langzeitlieferantenerklärungen KI-gestützt auslesen und weiterverarbeiten lässt. Ein weiterer Kunde aus der Keramikindustrie nutzt die KI-Assets in unserer Transformationsmethodik und erstellt innerhalb von wenigen Wochen hochwertige, KI-gestützte Prozessdokumentationen in großem Maßstab. Ein asiatischer Konsumgüterproduzent reduziert mit einem KI-gesteuerten End-2-End-Prozess den Aufwand bei der Rechnungsbearbeitung signifikant.
All das zeigt: KI kommt bereits in einer bemerkenswerten Breite in SAP-gestützten Prozessen zum Einsatz. Doch erst wenn Einzellösungen konsequent in die Unternehmenslogik integriert werden, kann das Autonome Unternehmen seine Wirkung vollends entfalten.
Maike Rose: Klingt einleuchtend, ist aber sicherlich leichter gesagt als getan, oder? Was wünschen sich die Unternehmen aktuell an erster Stelle?
Holger Scheel: Der Aufklärungsbedarf zu diesem Thema in der SAP Industry Community ist immens. Unsere Blitzumfrage im Rahmen der ONE.CON hat diese Vermutung bestätigt. Der Großteil der Teilnehmer wünscht sich mehr und konkretere Informationen zum Autonomous Enterprise. Niemand möchte den Anschluss verpassen, viele können das Thema und seine Relevanz für die eigene Strategie aber noch nicht so richtig einordnen. Genau das braucht es aber, um eine individuelle Roadmap dafür zu entwickeln.
Warten oder Starten? Handlungsempfehlung für CIOs
Maike Rose: Wie kann die SAP Industry Community die doppelte Herausforderung aus zunehmendem Transformationsdruck und rasanter Innovationsgeschwindigkeit unter einen Hut bringen?
Holger Scheel: Wichtig ist es, das große Ganze im Blick zu behalten, aber nicht alles auf einmal zu wollen. Wer jeden Prozess, jedes System, weltweit gleichzeitig transformieren will, kommt zwangsläufig ins Straucheln. Ganz einfach, weil die Organisation bei diesem Umfang und Tempo nicht mitziehen kann.
Um SAP-basierte Business-Transformation für Industriekunden verdaubar zu machen, setzen wir deshalb auf sogenannte Fast Value Plateaus, also abgegrenzte, abgesicherte Entwicklungsschritte, die sich dem Zielszenario häppchenweise annähern. Jedes Plateau bildet eine komplette Wertschöpfungskette ab, inklusive des jeweiligen Reifegrads für passende agentische Skills. So lässt sich die duale Herausforderung von Business- und Technologie-Transformation in einem überschaubaren Zeitfenster mit realistischem Ressourceneinsatz angehen.
Maike Rose: Wann sollten Unternehmen das Autonomous Enterprise auf die eigene Roadmap setzen?
Holger Scheel: So schnell wie möglich.Gerade Weltmarktführer, die ihren Vorsprung verteidigen wollen, kommen an Agentic AI nicht vorbei. Deshalb gilt: Aufschieben ist keine Option. Und Starten bedeutet nicht, morgen mit der Implementierung loszulegen, sondern einen fundierten Plan zu entwickeln, wie man einerseits mit ersten KI-Szenarien schnell Werte schafft und anderseits in evolutionären Schritten die agentische Business Plattform aufbaut, die es für eine autonomisierte Unternehmenswirklichkeit braucht. Genug Substanz ist dafür schon jetzt vorhanden. Wir glauben: Wer das Thema heute nicht angeht, vergibt eine historische Chance und riskiert, morgen das Nachsehen zu haben. Wir wollen, dass unsere Weltmarktführer die digitale Transformation so gestalten, dass sie nachhaltig vorne bleiben!
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Holger Scheel
Holger Scheel, Jahrgang 1967, ist Geschäftsführer von cbs und seit 2009 Mitglied der Geschäftsleitung. Seit über zwei Jahrzehnten prägt er die strategische Entwicklung von cbs hin zu einem der führenden Beratungsunternehmen für SAP-gestützte Transformationen globaler Industrieunternehmen.
Heute verfügt cbs über mehr als 1.800 Mitarbeitende an 40 Standorten weltweit. Das Unternehmen arbeitet für Weltmarktführer aus der produzierenden Industrie und ist Spezialist für globale End-to-End-Geschäftsprozesslösungen mit SAP, marktführenden Cloud-Technologien und Künstlicher Intelligenz.
Maike Rose
Maike Rose ist Geschäftsführerin, Chefredakteurin und Moderatorin beim IT-OnlineMagazin. Die rasanten Entwicklungen im SAP-Umfeld einordnen und komplexe Themen auf den Punkt bringen für CIOs, IT- und Fachentscheider – das ist für sie Auftrag und Leidenschaft. Mit über 25 Jahren Erfahrung in Konzernen, IT-Unternehmen und Agenturen verbindet sie strategisches Kommunikations-Know-how mit fundierter SAP-Branchenkenntnis.
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