SAP Logistics Management: Wann SAP LGM die passende Wahl ist
Veröffentlicht
31. Juli 2026
Lesezeit
7 Minuten
Laurin Paul Schlereth
Carsten Abel
SAP
Maike Rose
Chefredakteurin
Foto: Iulian Catalins Images
Logistikverantwortliche stehen heute vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen ihre Prozesse stabil betreiben und gleichzeitig steigenden Ansprüchen an Resilienz, Agilität und Automatisierung gerecht werden. Mit SAP Logistics Management (LGM) adressiert SAP genau diesen Bedarf für Standorte mit niedriger bis mittlerer Komplexität.
Im Interview erläutern Carsten Abel (SAP) und Laurin Paul Schlereth (FIS Informationssysteme und Consulting), für wen SAP LGM besonders interessant ist, welche Effekte sich schnell erzielen lassen und wie die Döhler Group die cloudbasierte Logistiklösung in der Intralogistik einsetzt.
Maike Rose: Warum genau hat SAP mit LGM jetzt eine neue Logistiklösung auf den Markt gebracht? Für welche Unternehmen ist das besonders interessant?
Carsten Abel: Die Anforderungen an die Logistik haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Neben Effizienz stehen heute vor allem Resilienz und Agilität im Fokus. Viele Unternehmen ergänzen ihre zentralen Logistikstrukturen durch kleinere Lagerstandorte, regionale Distributionszentren oder Produktionsversorgungen, um näher am Kunden zu sein und flexibler auf Veränderungen reagieren zu können. Gleichzeitig nehmen Automatisierung und der Mangel an Fachkräften weiter zu.
Genau hier setzt SAP Logistics Management an. Während SAP EWM und SAP TM weiterhin für komplexe Logistikprozesse und Zentrallager ausgelegt sind, bietet LGM eine cloudbasierte Alternative für Lager mit einfacher bis mittlerer Komplexität. Die Software-as-a-Service-Architektur schafft dabei die Grundlage, neue Funktionen wie zum Beispiel KI-gestützte Automatisierung schneller bereitzustellen. Mit LGM erweitert SAP sein Portfolio jetzt also um eine Lösung, die einen schnellen Einstieg ermöglicht, sich schrittweise ausbauen lässt und neue Funktionen in kürzeren Innovationszyklen bereitstellen kann – ohne hohe Investitionen zum Start.
Laurin Paul Schlereth, Fotot: FIS
Wie berät FIS aus SAP-Partner-Perspektive Unternehmen dazu? Wann kommt welche Lösung in Frage und wie sieht die Zusammenarbeit mit SAP aus?
Laurin Paul Schlereth: Aus unserer Sicht hängt die Entscheidung immer vom konkreten Anwendungsfall ab. Vereinfacht lassen sich drei typische Szenarien unterscheiden: Nutzt ein Unternehmen beispielsweise Materialflusssysteme oder hochautomatisierte Lager, bleibt SAP EWM die passende Lösung.
Bestehen bereits EWM-Zentrallager und sollen regionale Standorte oder kleinere Lager modernisiert werden, prüfen wir zunächst, ob SAP Logistics Management die Anforderungen abdeckt. Dabei betrachten wir nicht nur den aktuellen Funktionsumfang, sondern auch die SAP-Roadmap. Es ist oft absehbar, dass noch fehlende Funktionen bald verfügbar sind. Gleichzeitig spielen organisatorische Aspekte eine Rolle. Wenn zum Beispiel bereits EWM-Know-how im Unternehmen vorhanden ist, stellt sich die Frage, ob eine zusätzliche Lösung eingeführt werden soll.
Besonders geeignet ist LGM aus unserer Sicht für Unternehmen, die heute noch SAP WM, Stock Room Management oder andere einfachere Lagerverwaltungssysteme (LVS) einsetzen. Hier verfolgen wir grundsätzlich einen „LGM first“-Ansatz und wechseln nur dann zu EWM, wenn die Anforderungen den Funktionsumfang von LGM übersteigen.
Carsten Abel, Foto: SAP
Wie passt LGM in die neue SAP-Strategie rund um Autonomous Enterprise und KI-Agenten?
Carsten Abel: SAP hat mit dem Autonomous Enterprise die Architektur für den Einsatz von KI-Agenten vorgestellt. Im Mittelpunkt stehen die SAP Business AI Platform als technische Grundlage, Joule als Engagement Layer sowie spezialisierte KI-Agenten für einzelne fachliche Domänen wie Finance, Human Resources, Customer Experience oder Supply Chain Management. Für jede dieser Domänen sieht SAP einen eigenen KI-gestützten Assistenten vor, der die dahinterliegenden Agenten orchestriert. Im Supply Chain Management übernimmt diese Rolle der Logistics Assistant.
SAP Logistics Management ist in diese Architektur eingebunden und soll die Standard-Agenten im Logistikumfeld ebenso nutzen können wie künftige Erweiterungen aus dem Bereich Industry AI. Dieser Bereich ergänzt die Standard-Agenten um branchenspezifische, die auf dem Wissen und den Prozessen einzelner Industrien aufbauen, beispielsweise für Spezialprozesse wie den Schüttguttransport (Bulk Transportation).
Architektur der „Autonomously Orchestrated Supply Chain“, Quelle: SAP
Partner können ebenfalls eigene Agenten entwickeln. SAP übernimmt die Governance der Plattform. Die Idee dahinter ist, dass Anwender künftig über Joule mit einem zentralen Assistant arbeiten. Im Hintergrund kommunizieren KI-Agenten miteinander, tauschen Informationen aus und orchestrieren Aufgaben domänenübergreifend.
Ab voraussichtlich Q3/2026 produktiv nutzbare Beispiele sind der Logistics Configuration Agent und der Logicstics Issue Resolution Agent. Der Logistics Configuration Agent ersetzt klassisches Customizing durch geführte Anwenderinterviews, der Logistics Issue Resolution Agent übernimmt beispielsweise die Freigabe hängender Queues in Eigenregie. Bislang brauchte es hierfür in der Regel einen IT-Mitarbeiter.
Auf der Roadmap steht für Ende des Jahres ein übergreifender Assistent für Transport-Dispatching, Replenishment und Task-Orchestrierung. Ich möchte hier nur darauf hinweisen: Künftige Weiterentwicklungen wie diese können sich bis zur tatsächlichen Verfügbarkeit noch ändern.
Die Döhler Group, Zulieferer für die Lebensmittel- und Getränkeindustrie, hat als eines der ersten Unternehmen in Deutschland SAP LGM bereits Anfang des Jahres eingeführt. Warum hat sich Döhler für die neue Lösung statt für SAP EWM entschieden?
Carsten Abel: Der Business Case für SAP EWM war bei Döhler schlicht nicht gegeben: Argumente waren unter anderem, dass SAP LGM sich deutlich günstiger einführen lässt, der Schulungsaufwand für die Lagermitarbeitenden geringer ist, und man sich nicht selbst um Upgrades kümmern wollte.
Döhler hat sein technisches Ersatzteillager dann innerhalb von nur 10 Wochen auf SAP LGM umgestellt. Übrigens weitestgehend ohne externe Unterstützung. Wir standen dem Projektteam lediglich beratend zur Seite.
Der Effekt war enorm: Statt wie bislang Bestände aufwendig in Excel zu pflegen und nachzuhalten, können Verantwortliche Verfügbarkeiten einzelner Ersatzteile heute jederzeit in Echtzeit abrufen. Als Kunde in unserer Beta-Phase hat Döhler beispielsweise auch die Entwicklung des Logistics Issue Resolution Agents begleitet mit regelmäßigem Feedback.
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Auch wenn sich SAP LGM offenbar recht unproblematisch einführen lässt, besteht ja weiterhin Beratungsbedarf. Was ändert sich hier für SAP-Partner im Logistikumfeld?
Laurin Paul Schlereth: Zuallererst sollte schnellstmöglich ein neues Skillset bei SAP-Partnern aufgebaut werden. Wir bewegen uns mit SAP LGM auf der SAP Business Technology Plattform (SAP BTP) und nicht mehr auf dem S/4HANA-System. Entsprechend wichtig ist es zu wissen, wie die SAP BTP funktioniert, wie das Zusammenspiel von S/4HANA und SAP LGM aussieht und wie die Datenübertragung funktioniert.
Fachlich kommt hinzu, dass sich SAP-Logistikberater zwar hervorragend mit WM, EWM und TM auskennen, die Möglichkeiten und Grenzen von SAP LGM aber erst einmal gründlich ausloten müssen: Was geht, was geht (noch) nicht, was steht auf der Roadmap und was wird künftig funktionieren. Wer seine Kunden in diesem Bereich nachhaltig beraten will, muss erstmal selbst seine Hausaufgaben machen.
Gleichzeitig ändert sich die Beratungsarbeit selbst. Ich muss heute als Consultant nicht mehr wissen, wo ich in den Einstellungen einen Haken setze. Ich muss lediglich dem Logistics Configuration Agent meine Erwartungen mitteilen. Spinnt man dieses Szenario weiter, ließen sich die gemeinsam mit den Kunden entwickelten Vorgaben und Einstellungen innerhalb des Workshops direkt an den Agenten übermitteln, und am Ende stünde vielleicht schon der erste Proof of Concept (PoC). Kommt es im Projekt zu einer Fehlkonfiguration analysiert der Logistics Issue Resolution Agent die zugrundeliegenden Faktoren selbstständig, schlägt Lösungen vor und behebt Fehlerursachen.
All das zahlt darauf ein, dass sich Projektlaufzeiten deutlich verkürzen: Beim ersten Lager eines Kunden macht man noch das komplette BTP-Setup mit, bei Folgelagern geht es dann einfach schneller. Das schafft für SAP-Partner auch Freiräume, um deutlich mehr Einführungen zu unterstützen.
Was raten Sie Unternehmen, die jetzt überlegen, ob sich eine LGM-Einführung für sie lohnt?
Carsten Abel: Unternehmen sollten sich ihre Lagerlandschaft ansehen, mit SAP und dem Implementierungspartner sprechen und einen unkritischen Standort für einen ersten Test auswählen. Die Investitionen liegen deutlich unter denen klassischer TM- oder EWM-Projekte. Laurin Paul Schlereth: Mit Blick auf die Roadmap habe ich gar keine Bedenken, dass sich SAP LGM auch für mittlere Lager lohnt. Meine Empfehlung: einfach ausprobieren und sich das Ganze zeigen lassen.
Weiterführende Informationen
Das Interview basiert auf dem IT-OnlineMagazin Expert-Talk mit Carsten Abel (SAP) und Laurin Paul Schlereth (FIS) zu SAP Logistics Management. Die vollständige Session wurde aufgezeichnet und kann hier angeschaut werden.
Als Berater und Product Owner im Bereich Warehouse & Transport Solutions beschäftigt sich Laurin Paul Schlereth bei FIS Informationssysteme und Consulting mit der Frage, wie Unternehmen ihre Logistikprozesse zukunftsfähig aufstellen – von SAP Extended Warehouse Management bis SAP Logistics Management. In der Beratung verbindet er Prozessverständnis, SAP- sowie ERP-Expertise und den Blick für praktikable Umsetzungsschritte.
Carsten Abel
Product Manager, SAP Logistics Management
Maike Rose
Maike Rose ist Geschäftsführerin, Chefredakteurin und Moderatorin beim IT-OnlineMagazin. Die rasanten Entwicklungen im SAP-Umfeld einordnen und komplexe Themen auf den Punkt bringen für CIOs, IT- und Fachentscheider – das ist für sie Auftrag und Leidenschaft. Mit über 25 Jahren Erfahrung in Konzernen, IT-Unternehmen und Agenturen verbindet sie strategisches Kommunikations-Know-how mit fundierter SAP-Branchenkenntnis.
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