Im Gespräch mit Michael Fuchs (Senior SAP-Analyst, IT-OnlineMagazin) beleuchtet Viktor Bauer (SVP und Leiter Public & Energy, SAP) die SAP-Transformation im öffentlichen Sektor und bei Versorgungsunternehmen. Er spricht über Business AI als Antwort auf die Wertschöpfungslücke der KI, über souveräne Cloud-Lösungen und erläutert, warum sich Innovationskraft und Souveränität von IT-Systemen nicht ausschließen dürfen.
Michael Fuchs: Deine Kunden kommen aus den Bereichen Public und Energy. Wie geht es in diesen Branchen in Sachen digitaler Transformation voran?
Viktor Bauer: Das ist von Branche zu Branche unterschiedlich, aber in Summe sehe ich viel Bewegung. In der Energiebranche hat die überwiegende Mehrheit unserer Kunden die zukunftsgerichtete SAP-Entscheidung bereits getroffen. Ganz einfach, weil ein großer Teil der regulatorisch relevanten Aspekte der alten Technologie ab Ende 2027 nicht mehr gewartet wird.
Im öffentlichen Sektor sehen wir ebenfalls eine hohe Transformationsbereitschaft. Wenn der politische Wille da ist, kann die Verwaltung superschnell sein. Das zeigt beispielsweise die Bundesanstalt für Post und Telekommunikation, die ihre SAP-Systeme konsequent über die Cloud modernisiert. Ein weiteres Paradebeispiel dafür ist der digitale Kulturpass, über den junge Erwachsene bis Ende 2025 mit 200 Euro Guthaben Kulturangebote buchen konnten. Die volldigitale Plattform haben wir mit dem Bund in weniger als neun Monaten ans Netz gebracht.
Energiewirtschaft: Große Affinität zu Cloud und KI
Michael Fuchs: Speziell in der Energiebranche wird aktuell ja unglaublich viel auf- und umgebaut. Wie schaffst du es mit deinem Team, Entscheider davon zu überzeugen, dass auch die SAP-Implementierung durchaus eine strategische Investition ist?
Viktor Bauer: Diese Überzeugungsarbeit müssen wir kaum noch leisten. Unseren Kunden ist durchaus bewusst, dass Investitionen in digitale Fähigkeiten die Basis einer erfolgreichen Energiewende sind. Die Energiewirtschaft hat erkannt, dass die heterogenen und inflexiblen Systemarchitekturen von gestern den Anforderungen von heute und morgen nicht standhalten können. Und dass eine zukunftsfähige technologische Grundlage systemarchitektonisch nah am Standard bleiben muss. Die Affinität zu Cloud und KI ist in dieser Branche ohnehin groß.
Deutlich mehr Arbeit ist es, Unternehmen davon zu überzeugen, dass SAP der richtige Partner für diese technologische Transformation ist. Das gelingt uns in aller Regel aber sehr gut. Wir haben in den vergangenen Jahren viele Bestands-, aber auch viele Neukunden für uns gewinnen können – nicht zuletzt, weil unser Team Anforderungen, Architekturen und Entscheidungsprozesse der Branche genau kennt.
Michael Fuchs: Jetzt zu deinem zweiten großen Kundensegment, dem öffentlichen Sektor. Diesem wird häufig nachgesagt, dass er bei der Modernisierung hinterherhinkt. Stimmt das, und wenn ja, warum?
Viktor Bauer: Generell agieren Behörden unter ganz anderen Rahmenbedingungen als private Unternehmen. Föderale Strukturen und das Ressortprinzip ermöglichen eigenständige Entscheidungen in Bund, Ländern und Kommunen. Dies erschwert grundsätzlich eine Standardisierung von IT-Strukturen. Hinzu kommt die enorm hohe regulatorische Komplexität mit aktuell 17 unterschiedlichen Datenschutz- und Haushaltsregelungen. IT-Systeme der Verwaltung wurden deshalb historisch eher auf Stabilität als auf Agilität ausgelegt.
Das verdeutlicht, warum die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung nur langsam vorangeht. Aber, wie bereits gesagt: Wenn der politische Wille da ist, können auch öffentliche Organisationen bei der Digitalisierung durchaus Gas geben.
Souveräne Cloud als Wegbereiter für einen modernen Staat
Michael Fuchs: Die hohe regulatorische Komplexität dürfte auch beim Thema Cloud eine Rolle spielen, gerade wenn es um die Hoheit über die eigenen Daten geht. Wie wichtig ist die souveräne Cloud für den deutschen und europäischen Markt, und wird daraus ein Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Nationen?
Viktor Bauer: Es gibt zwei Kernthemen, die in jedem Gespräch mit Entscheidungsträgern der öffentlichen Verwaltung auftauchen: Künstliche Intelligenz und digitale Souveränität.
Es ist aus meiner Sicht immens wichtig, dass digitale Souveränität und Innovationsfähigkeit nicht gegeneinander ausgespielt werden. Denn ein moderner Staat muss beides sein: leistungsfähig und souverän.
Deshalb investiert die SAP bereits seit 2022/23 massiv in souveräne Cloud-Lösungen, unter anderem über die Delos Cloud GmbH, sowie über Angebote aus SAP-eigenen Rechenzentren. In den kommenden Jahren sind hierzu Investitionen in Höhe von mehr als 20 Milliarden Euro geplant.
Dadurch wird der Konflikt zwischen Innovation und Souveränität ausgeräumt. Die Verwaltung behält volle Kontrolle über Prozesse, Daten und Technologien, und kann über die souveräne Cloud das eigene Leistungsspektrum gezielt modernisieren.
Michael Fuchs: Was sind auf den Punkt gebracht in den nächsten zwei, drei Jahren die größten Herausforderungen und Chancen für den öffentlichen Bereich?
Viktor Bauer: Die größte Herausforderung ist und bleibt, Föderalismus und Ressortprinzip – beide für sich ein großes Gut – technologisch zu überwinden. Nur so kann die öffentliche Verwaltung moderne Technologien von der Cloud bis zur künstlichen Intelligenz sinnvoll und souverän einsetzen.
Genau darin steckt aber auch eine sehr große Chance: Souveräne Cloud-Technologien liefern das technologische Fundament, um Föderalismus und Ressortprinzip im Zuge der Digitalisierung zu überwinden, und das, ohne dass sich Bund, Länder und Kommunen auf einen globalen Standard einigen müssten.
Worauf wir uns jedoch einigen müssen, ist die technologische Cloud-Plattform selbst. Darauf kann dann jede Ebene ihre eigenen Anforderungen integriert abbilden – und zwar so, dass sich mit KI auch über föderale und Ressortgrenzen hinweg Effizienzen heben lassen.
SAP Business AI inkludiert Prozess- und Unternehmenswissen
Michael Fuchs: Ein weiterer Punkt ist der demografische Wandel, der die Verwaltung besonders hart trifft. Ist KI da eine Chance?
Viktor Bauer: Absolut! Schließlich werden bis 2040 laut statistischem Bundesamt 13,3 Millionen Erwerbspersonen – also fast ein Drittel aller Menschen im erwerbsfähigen Alter – in Rente gehen. Allein die Bundesagentur für Arbeit wird schon bis 2030 aus rein demografischen Gründen einen erheblichen Teil ihrer Beschäftigten verlieren. Das sind Dimensionen, die kann man sich gar nicht vorstellen.
Dementsprechend wird KI im öffentlichen Setor meist auch nicht aus der Perspektive diskutiert, wie man Überkapazitäten abbauen kann, sondern wie sich die eigene Leistungsfähigkeit trotz des demografischen Wandels beibehalten und verbessern lässt. Genau darin liegt die Kombination aus Souveränität und Innovationsfähigkeit: Die Nutzung künstlicher Intelligenz in einem souveränen Umfeld ist aus meiner Sicht der Schlüssel, um den Wandel in der öffentlichen Verwaltung zu bewältigen.
Michael Fuchs: SAP setzt mit Business AI auf KI, die tief in den Geschäftsprozessen verankert ist. Wie unterscheidet sich der Ansatz von herkömmlichen KI-Tools und wie holst du die Entscheider und die C-Level dort ab?
Viktor Bauer: Wir sind davon überzeugt, dass unsere Business AI immer einen Geschäftszweck erfüllen muss, sowohl im SAP-Systemkontext als auch darüber hinaus in der Gesamtlandschaft unserer Kunden. Das lässt sich nur erreichen, wenn KI tief in den Prozessen und Daten verankert ist. Die noch bis vor wenigen Monaten diskutierte Idee, ein großes Sprachmodell trainieren und damit viele Geschäftsprozessprobleme lösen zu können, hat sich aus unserer Sicht erledigt: Der Sprung vom Prototyp in den geschäftskritischen Kontext gelingt nur mit dieser tiefen Prozess- und Daten-Verankerung.
Aktuell sehen wir ein „Promise Gap“: Die Erwartungshaltung an KI ist riesig, der tatsächliche Wert aus Proof of Concepts liegt jedoch deutlich darunter. Wir schließen diese Lücke, indem wir KI in Geschäftsprozesse integrieren. Die Basis dafür schaffen der Knowledge Graph unserer Business-AI-Plattform, der 7,3 Millionen Datenfelder an SAP- und Prozesswissen enthält, und unsere Autonomous Domains, also die Applikationswelt, die bei unseren Kunden bereits im Einsatz ist. Dabei vermeiden wir konsequent neue Insel- Welten. Unsere Technologie bildet zwar meist den Kern der Prozesswelt bei unseren Kunden ab, echte Durchgängigkeit erfordert aber Sichten über alle im Prozess relevanten Daten und Systeme. Daher ist unser Ansatz sehr offen und wir übernehmen die AI-Orchestrierung auch über Non-SAP Anwendungen und Daten.
Genau das ist auch das Argument, das bei C-Leveln zieht: Wir zeigen kein isoliertes KI-Modell. Wir verbinden KI mit dem Prozess- und Unternehmenswissen, das SAP mit ihren Kunden über sämtliche Branchen hinweg in Jahrzehnten aufgebaut hat. Das schafft Vertrauen in den geschäftskritischen Einsatz.
Michael Fuchs: Viktor, ich danke dir für das spannende Gespräch und die aufschlussreichen Einblicke in die Branchen Public und Energy!
Karrieren rund um SAP: Viktor Bauer (SAP)
In einen weiteren Interview spricht Viktor Bauer mit Michael Fuchs über seinen Werdegang bei SAP, den Weg vom Werkstudenten zur Führungsrolle bei SAP und seinen heutigen Verantwortungsbereich.