„Vertrauenswürdige Daten sind die Grundlage für erfolgreiche agentische Prozesse“

Veröffentlicht

14. Oktober 2026

Lesezeit

7 Minuten

André Weller cbs-Experte für Unified Data Products

André Weller

Drei Personen analysieren Unified Product Data

Foto: KI-generiert

Im Agentic Enterprise übernehmen KI-Agenten zunehmend analytische und operative Aufgaben. Der Mensch gibt Ziele und Leitplanken vor und behält die Kontrolle über wesentliche Entscheidungen. cbs-Consulting Director André Weller erläutert, warum Unternehmen dafür ihre Datenstrategie neu denken müssen, welche Rolle Trusted Data und Unified Data Products spielen und wie die SAP Business Data Cloud (BDC) die Verbindung zwischen Geschäftskontext, Datenplattform und Business AI herstellen kann.


Agentic Enterprise: Mehr als klassische Prozessautomatisierung

Redaktion: Der Begriff „Agentic Enterprise“ wird derzeit intensiv diskutiert. Wie definieren Sie ein wirklich agentisches Unternehmen und wo sehen Sie den Unterschied zu bisherigen Ansätzen rund um Intelligent Enterprise und Prozessautomatisierung?

André Weller cbs-Experte für Unified Data Products
André Weller | Foto: cbs

André Weller: Der wesentliche Unterschied liegt im Grad der Eigenständigkeit. Klassische Automatisierung folgt definierten Regeln: Wenn A passiert, wird B ausgeführt. Das Intelligent Enterprise hat zusätzlich Daten genutzt, um bessere Entscheidungen vorzubereiten. Im Agentic Enterprise kommt eine weitere Ebene hinzu: Ein Agent bekommt ein Geschäftsziel, bewertet den Kontext, leitet Handlungsoptionen ab und kann innerhalb definierter Leitplanken Aktionen auslösen.

Nehmen wir das Beispiel Working Capital: Ein Agent könnte nicht nur erkennen, dass sich Forderungslaufzeiten verschlechtern, sondern den Kontext analysieren, etwa nach Kunde, Region, überfälligen Forderungen oder weiteren Einflussfaktoren. Darauf aufbauend kann er Maßnahmen vorbereiten. Ein Agent beantwortet nicht nur die Frage „Was ist passiert?“, sondern auch „Warum ist es passiert, was bedeutet es und welche Aktion sollte daraus folgen?“

KI-Agenten verändern die Arbeit mit Unternehmenssoftware

Redaktion: SAP treibt mit Joule und autonomen Business Agents einen neuen Ansatz voran. Wie verändert dieser Wandel die Diskussion um Unternehmenssoftware und Geschäftsprozesse?

André Weller: Bisher war es so, dass der Anwender wissen musste, in welchem System, welcher Transaktion oder welchem Reporting er die richtige Information findet. Agentische Systeme drehen dieses Prinzip um: Der Anwender formuliert sein Geschäftsziel, und die Technologie erschließt den notwendigen Kontext.

Ein CFO könnte beispielsweise fragen: Warum liegt unsere Marge in einer Region unter Plan und welche wesentlichen Treiber sehen wir? Dafür reicht ein Sprachmodell allein nicht. Der Agent muss verstehen, was im Unternehmen unter Umsatz, Marge, Plan, Region oder Produktgruppe verstanden wird und wie diese Informationen zusammenhängen. Genau deshalb wird der Daten- und Business-Kontext so wichtig, also das Thema Contextualize. Künftig wird nicht mehr nur die User Experience einer Anwendung verbessert, sondern die Qualität einer datenbasierten Entscheidung und der daraus folgenden Aktion.

Eine KI-taugliche Datenstrategie beginnt beim Business Case

Redaktion: KI ist nur so gut wie die Daten, auf die sie zugreift. Wie sieht eine moderne Datenstrategie aus, die sowohl operative Exzellenz als auch KI und Agenten ermöglicht?

André Weller: Eine moderne Datenstrategie sollte immer beim Business Case beginnen, nicht bei der Plattform. Es geht nicht um die Frage: Wie führen wir SAP BDC, Snowflake oder Databricks ein? Sondern beispielsweise darum, wie man einen Forecast verbessern kann, Margenabweichungen früher erkennt oder Supply-Chain-Entscheidungen verbessert.

Der Fokus liegt dann darauf, welche Daten und welcher Business-Kontext dafür benötigt werden. Genau hier kommen Data Products ins Spiel. Statt immer wieder Rohdaten aus S/4HANA, CRM, Planung, Sensordaten oder externen Quellen neu zu extrahieren, müssen wiederverwendbare, fachlich definierte Datenprodukte entstehen.

SAP BDC verfolgt genau dieses Prinzip und verbindet SAP- und Third-Party-Daten mit Business-Semantik. Über offene Integrationsansätze können dabei auch Plattformen wie Databricks oder Snowflake Teil der Architektur bleiben.

Die Datenstrategie der Zukunft beantwortet deshalb drei Fragen: Welche Business Outcomes wollen wir erreichen? Welche vertrauenswürdigen Data Products benötigen wir dafür? Und welche Plattform übernimmt welche Aufgabe im Gesamtökosystem?

Trusted Data braucht klare fachliche Verantwortung

Redaktion: Viele Unternehmen kämpfen mit gewachsenen Datenlandschaften und Datensilos. Was bedeutet „Trusted Data“ konkret und wer trägt dafür die Verantwortung?

André Weller: Trusted Data greift deutlich weiter als „die Zahlen stimmen“.

Nehmen wir einen vermeintlich einfachen KPI wie Umsatz oder Marge. Wenn Finance, Vertrieb und Management unterschiedliche Definitionen, Filter oder Hierarchien verwenden, haben wir zwar technisch korrekte Daten, aber keinen vertrauenswürdigen Business-Kontext. Für einen Menschen ist das bereits problematisch. Für einen autonom handelnden Agenten ist es kritisch.

Deshalb braucht jedes geschäftskritische Datenprodukt einen fachlichen Owner. Bei einem Finance Data Product kann das beispielsweise ein Verantwortlicher aus Finance oder Controlling sein. IT verantwortet technische Qualität, Integration, Security und Plattform. Der Business Owner verantwortet dagegen Bedeutung, Definition und fachliche Qualitätsanforderungen. Neben technischen Metadaten sind insbesondere Business-Metadaten wie KPI-Definitionen, Beziehungen zwischen Geschäftsentitäten, Prozesse, Regeln, Lineage und Qualitätssignale wichtig. Governance muss Bestandteil jedes Data Products sein.

Stichwort: Unified Data Products

Unternehmen verfügen heute über große Mengen an Daten – aber nicht automatisch über eine verlässliche gemeinsame Sicht auf ihre Geschäftsobjekte. Für datengetriebene Prozesse und insbesondere für KI reicht technische Verfügbarkeit nicht aus. Entscheidend sind Trusted Data: fachlich eindeutige, aktuelle, nachvollziehbare und verantwortete Informationen.

Unified Data Products bündeln dafür Daten aus SAP- und Non-SAP-Systemen zu wiederverwendbaren, semantisch konsistenten Business-Objekten. So entwickelt sich das klassische System of Record weiter zum System of Context – und schafft die Grundlage für Analytics, intelligente Anwendungen und autonome Prozesse.

Redaktion: Welche Rolle spielen Unified Data Products?

André Weller: Unified Data Products sind einer der Grundpfeiler des Agentic Enterprise. Ein Data Product ist nicht einfach eine weitere Tabelle oder ein neues Datenmodell. Es stellt Informationen für einen konkreten fachlichen Zweck bereit, einschließlich Semantik, Qualitätsanforderungen, Verantwortlichkeit und Governance.

Nehmen wir ein Customer- oder Working-Capital Data Product. Es könnte relevante Geschäftsinformationen aus SAP mit weiteren Kontextinformationen verbinden. Entscheidend ist, dass ein Analyst, eine Anwendung oder ein Agent nicht jedes Mal neu herausfinden muss, welche Tabellen zusammengehören und was einzelne Felder bedeuten.

Der nächste Schritt sind Unified Data Products: Wir betrachten ein Data Product nicht isoliert innerhalb einer Plattform, sondern machen es im gesamten Datenökosystem nutzbar. Ein Data Product kann beispielsweise für Analytics in BDC verwendet und mit Databricks- oder Snowflake-basierten Daten und AI-Workloads kombiniert werden. Das Ziel sollte daher nicht die nächste zentrale Datenkopie sein, sondern ein föderiertes Ökosystem vertrauenswürdiger und wiederverwendbarer Datenprodukte.

Unified Data Products: Tempo, Konsistenz, Governance

Redaktion: Welche konkreten Vorteile bieten Unified Data Products?

André Weller: Erstens: Geschwindigkeit. Ein Finance-Team muss einen definierten Umsatz- oder Working-Capital-Datenbestand nicht für jeden AI-, Analytics- oder Planning-Use-Case neu aufbauen.

Zweitens: Konsistenz. Wenn Reporting, Planung und AI auf denselben fachlichen Definitionen aufsetzen, vermeidet man unterschiedliche Interpretationen derselben Kennzahl.

Drittens: Wiederverwendung. Ein einmal definiertes Data Product kann als Grundlage für Analytics, Planung, Machine Learning und Agenten dienen.

Viertens: Governance. Verantwortlichkeiten, Berechtigungen, Business-Semantik und Qualitätsanforderungen werden im Datenprodukt verankert und nicht für jede Anwendung neu definiert.

Redaktion: Welche Fehler sehen Sie aktuell häufig?

André Weller: Der größte Fehler ist: AI first, Data later. Viele Unternehmen diskutieren Agenten und GenAI, obwohl zentrale KPIs nicht harmonisiert, Data Ownership ungeklärt oder SAP- und Non-SAP-Daten nur über individuelle Schnittstellen verbunden sind. Der zweite Fehler ist der Versuch, sofort eine unternehmensweite Zielarchitektur aufzubauen. Ich würde umgekehrt vorgehen: Business Case auswählen, notwendige Data Products definieren, Governance etablieren, einen End-to-End-Prozess umsetzen und danach schrittweise skalieren.

100 AI Use Cases parallel zu starten, ist nicht ratsam. Lieber wenige wertstiftende Use Cases richtig aufsetzen und daraus ein skalierbares Muster entwickeln.

Vier Weichenstellungen für das Agentic Enterprise

Redaktion: Wo stehen Unternehmen in drei bis fünf Jahren und welche Weichen müssen sie bereits heute stellen?

André Weller: Ich erwarte, dass wir dann deutlich weniger über einzelne AI-Assistenten sprechen. Agenten werden selbstverständlicher Bestandteil von Geschäftsprozessen sein und Informationen beschaffen, Entscheidungen vorbereiten und innerhalb klar definierter Grenzen Aktionen koordinieren und ausführen. Unternehmen sollten deshalb heute vier Dinge tun:

  1. Business-kritische Entscheidungen und Prozesse identifizieren, bei denen AI einen messbaren Beitrag leisten kann.
  2. Trusted Data Products aufbauen, beginnend mit zentralen Domänen wie Finance, Customer, Product oder Supply Chain.
  3. Data Ownership und Governance im Business verankern, statt Datenqualität ausschließlich als IT-Aufgabe zu behandeln.
  4. Eine offene Plattformarchitektur schaffen, in der SAP BDC, Databricks, Snowflake und weitere Plattformen entsprechend ihrer Stärken zusammenspielen können. Also eine Business Data Fabric, die SAP- und Non-SAP-Daten, Business Context sowie unterschiedliche Data- und AI-Workloads verbindet.

Das Agentic Enterprise entsteht nicht durch möglichst viele Agenten, sondern durch vertrauenswürdige Datenprodukte, die Geschäftskontext, klare Verantwortung und Governance verbinden. Unternehmen sollten deshalb bei konkreten Geschäftsentscheidungen ansetzen, ausgewählte Anwendungsfälle mit Mehrwert implementieren und die gewonnenen Erkenntnisse als Grundlage für die Skalierung nutzen.

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André Weller cbs-Experte für Unified Data Products

André Weller

André Weller ist Consulting Director bei cbs Corporate Business Solutions und Experte für Data, Analytics und Business AI. Nach seinem Diplomstudium der Wirtschaftsinformatik und einem Bachelor of Arts in International Business in England verbindet er technologische Expertise mit einer klaren Business-Perspektive. Sein Fokus liegt auf Data- & AI-Strategien, modernen Plattformökosystemen rund um SAP Business Data Cloud, Snowflake, Databricks und Microsoft Fabric sowie auf tragfähigen Governance- und Architekturmodellen.

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