Wie Agentic AI im SAP-Umfeld eigenständig Geschäftsprozesse übernimmt

Veröffentlicht

30. Juni 2026

Lesezeit

6 Minuten

Sascha Göpfert

Sascha Göpfert

valantic

Wie Agentic AI im SAP-Umfeld eigenständig Geschäftsprozesse übernimmt

Die SAP-Transformation entwickelt sich 2026 zunehmend von der klassischen ERP-Migration hin zur Plattformfrage rund um Daten, Cloud und Künstliche Intelligenz. Genau hier setzt auch die aktuelle „SAP Studie 2026: Architektur. Daten. Künstliche Intelligenz.“ von valantic an. Besonders auffällig: Unternehmen erwarten von KI im SAP-Umfeld immer weniger generische Assistenten und deutlich stärker prozessnahe, autonome Unterstützung. AI-Agents führen erstmals die Liste der gefragtesten SAP-KI-Funktionalitäten an – und rücken damit die Frage in den Mittelpunkt, wie KI künftig konkret in Geschäftsprozesse eingreift. Antworten hierauf liefert Sascha Göpfert (Head of Line of Business SAP AI) von valantic im Gespräch mit dem IT-OnlineMagazin.


Die SAP-Studie von valantic zeigt: Die SAP-Transformation hat aktuell die operative Umsetzungsphase erreicht. Doch die Umstellung auf SAP S/4HANA markiert für die Unternehmen keineswegs das Ende der Transformation, sondern den Anfangspunkt für integrierte Plattformarchitekturen aus Cloud, Datenmanagement und KI. Dabei setzen viele Unternehmen auf die Private SAP Cloud. SAP BTP und die SAP Business Data Cloud etablieren sich zunehmend als technologisches Fundament.

Gleichzeitig entwickelt sich KI vom Experimentierfeld zum strategischen Werttreiber. Besonders AI-Agents rücken in den Fokus, weil Unternehmen zunehmend prozessnahe, autonome KI-Funktionen erwarten – allerdings unter der Voraussetzung, dass Themen wie Datenbasis, Sicherheit, Governance und digitale Souveränität gelöst werden.

AI: Agenten statt Assistenten

AI-Agents erzeugen laut der valantic-Studie 2026 erstmals die höchste Nachfrage unter den SAP-KI-Funktionalitäten. Was verstehen Unternehmen aktuell überhaupt unter einem „AI-Agent“ – und wo beobachten Sie noch Missverständnisse?

Sascha Göpfert: Viele Unternehmen verstehen unter einem AI-Agent noch immer einen besseren Assistenten – einen Chatbot, der Fragen beantwortet oder Texte zusammenfasst. Genau das ist das zentrale Missverständnis. Ein echter AI-Agent reagiert nicht nur, sondern handelt. Er verfolgt ein Ziel, trifft eigenständig Entscheidungen, greift über mehrere Schritte hinweg auf SAP-Prozesse zu und löst Aufgaben weitgehend autonom. Wir beobachten häufig, dass die Erwartung an Autonomie sehr hoch ist, die nötige Datenbasis und Governance dahinter aber unterschätzt werden. Dabei gilt: Ohne saubere Stammdaten und klare Leitplanken bleibt jeder Agent nur ein theoretisches Versprechen.

Viele Unternehmen haben offenbar weniger Interesse an generischen Chat-Interfaces wie SAP Joule, sondern erwarten KI direkt im Geschäftsprozess. Bedeutet das das Ende der „Chatbot-Phase“ im SAP-Umfeld?

Sascha Göpfert: Nein, im Gegenteil – das Chat-Interface gewinnt an Bedeutung, gerade als Kommunikationskanal mit den Agenten. Was sich verändert, ist der Ansatz. Der Versuch, KI über SAP Embedded Business AI einfach in bestehende Prozesse und Oberflächen einzubauen, bringt erfahrungsgemäß wenig Wirkung. Alte Muster werden nur fortgeführt, echte Einsparungen bleiben aus. Spannender ist, dass die klassische UI zunehmend zur Nebensache wird. Chat ist dabei nicht zwingend das Beste, aber ein sehr flexibles Interface. Wohin die Reise geht, zeigt SAP mit Joule Work und Spaces: Hier verschmilzt der Chat mit dynamisch und in Echtzeit generierten Oberflächen.

Mit Blick auf Agentic AI: Welche Herausforderungen sehen Sie hier für die Integration in – teils – hochindividualisierte SAP-Landschaften?

Sascha Göpfert: Die größte Herausforderung liegt in der Individualität der Landschaften selbst. Gewachsene, stark angepasste Systeme lassen sich nicht mit Standard-Agenten von der Stange abdecken. Entscheidend für den Markterfolg wird deshalb die Erweiter- und Anpassbarkeit der SAP-Agenten. Sie müssen sich an kundenspezifische Prozesse anpassen lassen, nicht umgekehrt. Voraussetzung dafür ist eine saubere Datenschicht, und hier wird die SAP Business Data Cloud zum Schlüssel. Eine zentrale Hürde bleibt zudem die Produktabhängigkeit: Wer die volle KI-Power nutzen will, kommt an den SAP-Cloud-Produkten kaum vorbei. Das erfordert gerade bei hybriden Landschaften strategische Entscheidungen.

Saubere Daten und integrierte Governance als Fundament

Wenn KI-Agenten künftig Prozesse eigenständig ausführen oder Entscheidungen vorbereiten: Welche Governance-Fragen werden aus Ihrer Sicht bislang noch unterschätzt – etwa bei Verantwortung, Freigaben oder Compliance?

Sascha Göpfert: Die Anforderungen an die Governance waren noch nie so hoch wie jetzt. Zwei Aspekte werden dabei oft unterschätzt. Erstens: Was darf ein Agent überhaupt tun? Viel Freiheit bedeutet hohe Flexibilität und Automatisierung, aber auch ein größeres Risiko, wenn die Kontrolle verloren geht. Es braucht klare Leitplanken und abgestufte Freigaben. Zweitens: Welche Agenten dürfen überhaupt handeln? Durch Vibe Coding und Werkzeuge wie Joule Studio 2.0 kann künftig fast jeder ohne tiefes IT-Wissen mächtige Agenten bauen. Diese müssen geprüft und freigegeben werden, bevor sie produktiv gehen. Sonst entsteht eine unkontrollierte Schatten-KI.

Viele Unternehmen investieren derzeit parallel in Nicht-SAP-KI-Lösungen. Wo sehen Sie aktuell die größte Stärke des SAP-KI-Ökosystems – und wo besteht noch Aufholbedarf gegenüber spezialisierten KI-Plattformen?

Sascha Göpfert: Die größte Stärke liegt eindeutig im Kontext. Die SAP-KI sitzt direkt auf den Geschäftsdaten und kennt Prozesslogik, Stammdaten und Berechtigungen – etwas, das eine generische Plattform von außen nur schwer nachbilden kann. Über Business Data Cloud, Knowledge Graph und integrierte Governance entsteht ein verlässliches, unternehmenstaugliches Fundament. Aufholbedarf sehen wir vor allem beim Innovationstempo und der Modellvielfalt. Spezialisierte Plattformen iterieren schneller, sind offener und in generischen Fähigkeiten oft reifer. Der Schlüssel liegt daher nicht im Entweder-Oder, sondern in der Kombination – SAP für den Prozesskern, spezialisierte Plattformen für die Breite.

Vom dokumentierenden ERP zur aktiven Handlungsebene

Welche konkreten Prozesse eignen sich aus Ihrer Sicht kurzfristig wirklich für autonome Agenten – und wo wird der Hype größer sein als der praktische Nutzen?

Sascha Göpfert: Kurzfristig sehen wir den größten Hebel im Stammdatenmanagement. In einem aktuellen SAP-Hackathon mit einem Kunden haben Agenten nicht nur Datenqualität geprüft, sondern eigenständig Quellen verglichen, recherchiert, mit Experten kommuniziert und Daten direkt im System gepflegt. Saubere Stammdaten wirken dabei weit über die reine Zeitersparnis hinaus. Reif ist auch die Verarbeitung von Auftragseingängen und Angebotsanfragen. Klassische Automatisierung schaffte hier oft nur 80 Prozent. Die letzten 20 Prozent sind unerwartete Ausnahmen. Genau hier spielen Agenten ihre Flexibilität aus. Hype entsteht dort, wo saubere Daten oder klare Prozesse fehlen.

Wenn man die Studienergebnisse weiterdenkt: Verändert Agentic AI langfristig auch die Rolle des ERP-Systems selbst – (noch weiter weg) vom dokumentierenden System hin zu einer (eigenständig) aktiven Steuerungs- und Handlungsebene?

Sascha Göpfert: Ja, und das ist eine der spannendsten Entwicklungen – ich diskutiere sie oft mit Kunden und Kollegen. Genau diesen Wandel läutet SAP mit der Strategie der Autonomous Enterprise ein. Die zentrale Herausforderung wird sein, realistisch einzuschätzen, was ein Agent zuverlässig und transparent übernehmen kann. Denn der eigentliche Sprung gelingt erst, wenn Agenten alte Lösungswege nicht nur bedienen, sondern ersetzen. Bis dahin bleibt der Mensch die entscheidende Kontrollinstanz. Die dokumentierende Datenebene wird dabei nicht verschwinden, sie deckt weiterhin Audit- und Dokumentationsanforderungen ab.

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Sascha Göpfert

Sascha Göpfert verantwortet als Head of Line of Business SAP AI bei valantic den Ausbau von KI-Lösungen im SAP-Umfeld. Sein Fokus liegt auf der Verbindung von SAP Business AI, SAP BTP und praxisnahen KI-Anwendungsfällen mit messbarem Geschäftsnutzen. Er begleitet Unternehmen bei der Einführung von generativer KI, AI-Agenten und datengetriebenen Innovationen entlang zentraler Geschäftsprozesse.

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