Praxisbericht Veolia: Datenautomatisierung steht vor dem KI-Projekt
Veröffentlicht
20. August 2026
Lesezeit
6 Minuten
Redaktion
IT-OnlineMagazin
Foto: Veolia Deutschland
Wenn Unternehmen KI-Projekte ohne saubere Datenbasis starten, sind diese fast immer zum Scheitern verurteilt: Laut einer gemeinsamen Studie von Precisely und dem LeBow College of Business der Drexel University (Philadelphia, USA) bringen 95 Prozent der KI-Vorhaben wegen mangelhafter Datenqualität nicht den gewünschten Erfolg. Dass es auch anders geht, zeigt das Datenautomatisierungsprojekt von Veolia Deutschland. Der Umweltdienstleister baut mithilfe von Precisely eine solide Datenbasis für KI-Anwendungen auf. Unser Praxisbericht verdeutlicht, wie das Projektteam dabei vorgegangen ist und warum es sich lohnen kann, in puncto Automatisierung klassische Technologien nicht von vorneherein auszuschließen.
Wie Veolia die Chancen und Grenzen von KI bewertet
Hans Donner, Foto: Veolia Deutschland
Als deutsche Landesgesellschaft des französischen Konzerns Veolia Environment bündelt die Veolia Holding Deutschland GmbH bundesweite Aktivitäten für Kommunen und Industrie in den drei Bereichen Entsorgungsmanagement, Wassermanagement und Energiedienstleistungen. Mit rund 12.000 Mitarbeitenden an etwa 250 Standorten stemmt der Komplettanbieter damit die komplette Versorgungskette für mehr als 14,5 Millionen Menschen. Die daraus resultierenden großen Datenmengen bergen viel Potenzial für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI).
KI ist bei Veolia zentraler Bestandteil der Unternehmensstrategie und wird vielerorts auch bereits erfolgreich eingesetzt. So nutzt Veolia in Osteuropa beispielsweise intelligente Tools, um im Klärwerksbetrieb Fremdstoffe und Festkörper zu identifizieren. Ein Vorgang, den in der Vergangenheit menschliche Mitarbeitende via Kameraüberwachung erledigten. Auch bei Veolia Deutschland ist der KI-Einsatz längst an der Tagesordnung: „Seit zwei Jahren unterstützt zum Beispiel eine interne ChatGPT-Instanz mit diversen KI-Assistenten und -Agenten unsere Mitarbeitenden in den Support-Funktionen“, berichtet Hans Donner, Finance Transformation Officer bei Veolia Deutschland.
Warum viele KI-Projekte im Pilotstatus steckenbleiben
Von der derzeitigen Euphorie um das Thema lässt sich Donner allerdings nicht mitreißen: Aus seiner Sicht lassen sich etliche Automatisierungen durch existierende Technologien, wie RPA-Scripting oder Standardschnittstellen, betriebswirtschaftlich deutlich sinnvoller umsetzen als mit KI-Modellen. Dass KI auf lange Sicht eine strategische Zukunftstechnologie ist, steht für ihn trotzdem außer Frage. Vorausgesetzt, die Grundlagen stimmen: „Denn Künstliche Intelligenz kann strategische und operative Handlungsempfehlungen nur auf Basis qualitativ hochwertiger und verlässlicher Unternehmensdaten treffen“, ist Donner überzeugt.
Eine Aussage, die Precisely-Experte Felix Bergauer uneingeschränkt teilt: „Die KI-Ambitionen sind hoch, Datenqualität beziehungsweise Datenintegrität hinken aber vielerorts hinterher“, verweist der Strategic Account Executive auf die Ergebnisse der ASUG / Precisely-Umfrage aus dem letzten Jahr. Demnach verfügten gerade einmal 12 bis 15 Prozent der Unternehmen tatsächlich über KI-bereite Daten. „Der Rest kämpft immer noch mit Governance und Datenqualität“, so Bergauer.
Wie Veolia den Rahmen für KI-Einsatz geschaffen hat
Genau an dieser Stelle setzt die Zusammenarbeit von Veolia und Precisely an: Mithilfe von Stammdatenautomatisierung, Autocomplete-Funktionen und Low-Code-Workflows aus dem Precisely-Portfolio hat Veolia Deutschland eine solide Datenbasis für KI-Anwendungen geschaffen.
Den Ausgangspunkt dafür bildete die Konsolidierung der historisch gewachsenen Systemlandschaft zu einem harmonisierten S/4HANA-System über mehr als 70 deutsche Gesellschaften hinweg. Parallel etablierte Veolia eine unternehmensweite Stammdaten-Governance mit klaren Berechtigungen und Regeln. Je nach Datenobjekt gilt diese zentral für alle Gesellschaften oder wird dezentral vor Ort festgelegt. Bei hochvolumigen, gesellschaftsübergreifenden Stammdaten wie Geschäftspartnern ersetzte das Projektteam die manuelle Erfassung zudem durch eine automatisierte Datenbereitstellung über externe Data Broker.
Auch organisatorisch wurde der Weg hin zu autonomen Prozessen von Beginn an sorgfältig begleitet: Um Ängste der Belegschaft vor Arbeitsplatzverlust abzubauen, setzte Veolia auf offene Kommunikation über monatliche „KI-Cafés“ und band auch den Betriebsrat frühzeitig ein.
Wo Datenautomatisierung den größten Effekt zeigt
Bei der Datenautomatisierung selbst gingen Precisely und Veolia systematisch vor und priorisierten Prozesse mit hohem Volumen und klaren Regeln. Den Anfang machten Geschäftspartner- und Controlling-Stammdaten. Schließlich bilden sie die Grundlage für sämtliche Auswertungen und Zuordnungen. Zudem sei das Thema Compliance bei Geschäftspartnerdaten ein Dauerbrenner, verweist Donner: „Allein durch Lieferkettensorgfaltspflichten kommt gefühlt jedes Jahr eine neue Anforderung hoch.
Dank der Low-Code-/No-Code-Werkzeuge von Precisely ist Veolia dafür heute bestens gerüstet. Autocomplete-Funktionen schlagen im Rahmen automatisierter Workflows Werte mit definierter Wahrscheinlichkeit vor und validieren sie direkt regelbasiert. So müssen Mitarbeitende nur noch dort manuell eingreifen, wo die Wahrscheinlichkeit für einen Wert unter der definierten Schwelle liegt. Alles andere läuft automatisiert und zuverlässig im Hintergrund.
Bei den Bewegungsdaten setzte das Projektteam dort an, wo die Stückzahlen am größten waren, etwa beim elektronischen Kontoauszug oder beim Thema Intercompany-Abstimmung. „Wir haben in Deutschland rund 70, weltweit sogar mehr als 1.000 Gesellschaften, die fast alle miteinander Geschäft machen“, erklärt Donner. Entsprechend wichtig ist es, dass sämtliche Daten sauber miteinander matchen. Um dies zu gewährleisten, muss allerdings nicht zwingend KI zum Einsatz kommen. Viele Prozesse – wie beispielsweise die E-Rechnung – lassen sich laut Donner bereits mithilfe klarer Regelwerke automatisieren.
Ob und wie die Automatisierung voranschreitet, misst der Umweltdienstleister anhand konkreter KPIs: Wie viele Datensätze werden automatisiert angelegt? Wie viele Rechnungen kommen noch ohne Bestellbezug rein? An einigen Stellen ist der erzielte Mehrwert bereits deutlich erkennbar: So erreicht Veolia Deutschland beim Abgleich von Zahlungseingängen mit offenen Posten mittlerweile automatisierte Matching-Quoten von bis zu 95 Prozent.
Welche KI-Use-Cases sich nicht rechneten
Allerdings überstand nicht jede vielversprechende Idee die Praxis. So hatte das Projektteam beispielsweise kurz nach dem S/4HANA-Go-live einen Automatisierungspiloten im Bereich der Materialstammdaten gestartet, diesen jedoch zügig wieder eingestellt. Durch die im Rahmen des S/4HANA-Umstiegs bereits eingeführte Governance hatte sich die Zahl der Materialstammanlagen von über 1.000 auf rund 200 reduziert. „Wir kommen an dieser Stelle mit der normalen organisatorischen Governance aus“, resümiert Donner.
Was Veolia anderen Unternehmen mitgeben kann
Felix Bergauer, Foto: Precisely
Um derartige Fehlschläge zu vermeiden, rät Hans Donner zu einem einfachen Grundprinzip: erst mit generativer KI experimentieren und lernen, wie sensible Unternehmensdaten dabei geschützt bleiben – dann gezielt nach kleinen, klar abgegrenzten Use Cases suchen.
Felix Bergauer propagiert einen KI-Einstieg in drei Schritten: Zunächst gelte es, KI-Initiativen klar an Business-Zielen auszurichten und den erwarteten ROI früh zu definieren. „Anschließend geht es darum ein Datenfundament aufzubauen, also die Daten ‚KI-ready‘ zu machen.“ Erst im dritten Schritt folge ein Governance-Modell, das die Skalierung auf weitere Anwendungsfälle trage, so der Precisely-Experte.
In einer wichtigen Frage sind sich die beiden IT-Spezialisten ohnehin vollkommen einig: Datenautomatisierung steht vor dem KI-Projekt! Denn wer KI auf unsauberen, unvollständigen oder schlecht gepflegten Daten aufsetzt, riskiert genau das, was die Precisely-Studie belegt: gescheiterte oder wirkungslose Projekte.
Keine Frage: KI ist in der SAP-Welt angekommen! Aktuellen Studien zufolge nutzt knapp jedes dritte SAP-Anwenderunternehmen (29 Prozent) KI bereits als integralen Bestandteil in ihren Geschäftsprozessen, weitere 51 Prozent haben…
Mit dem Wechsel auf SAP S/4HANA wollen viele Unternehmen ihre SAP-Landschaft modernisieren und zukunftsfähig machen. Warum Unternehmen bei dieser Transformation nicht nur das neue Betriebsmodell oder den Migrationsansatz sorgfältig bedenken…