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Clean-Core-Transformation: Typische Hürden – und wie sie sich meistern lassen

Bauklötze
Foto: Alexmia, Getty Images

Dass die Clean-Core-Transformation weniger als technisches Upgrade, sondern vielmehr als ein strategischer und organisatorischer Wandel zu verstehen ist, hat sich längst herumgesprochen. Bei der praktischen Umsetzung der Clean-Core-Strategie zeigen sich immer wieder dieselben Herausforderungen – in einem Gastbeitrag für das IT-OnlineMagazin teilt Maxim Fuchs (BTC Business Technology Consulting) seine Projekterfahrung und benennt wichtige Erfolgsfaktoren und Weichenstellungen.

Auch wenn SAP den Clean-Core-Ansatz nur in der Public Cloud verbindlich vorgibt, gewinnt er zunehmend auch für Unternehmen an Bedeutung, die weiterhin auf On-Premises- oder Private-Cloud-Strategien setzen. Über Jahre gewachsene ERP-Landschaften, tief verankerte Eigenentwicklungen und individuell angepasste Prozesse passen nicht zu einer schlanken, updatefähigen Cloud-Architektur.

Maxim Fuchs
Maxim Fuchs | Foto: BTC

Herausforderungen in der Praxis

Der Clean-Core-Ansatz verfolgt ein klares Ziel: den SAP-Standard möglichst unverändert zu nutzen, Erweiterungen klar zu entkoppeln und damit Innovations- und Updatefähigkeit sicherzustellen. In der Praxis kollidiert dieses Ideal jedoch häufig mit der Realität – vor allem aus folgenden Gründen:

  • Zu viel Custom Code: In vielen ERP-Systemen hat sich über Jahre ein erheblicher Anteil an Eigenentwicklungen angesammelt. Oft fehlt die Transparenz darüber, welche Funktionen tatsächlich geschäftskritisch sind – und welche nur historische Relikte darstellen.
  • Standardferne Prozesse: Unternehmensprozesse wurden häufig um das System herum gebaut, statt sich am Standard zu orientieren. Die Folge ist eine hohe Komplexität, die Cloud-Fähigkeit und Wartbarkeit massiv einschränkt.
  • Unklare Erweiterungsstrategie: In-App-Extensions, Side-by-Side-Apps oder doch Modifikationen? Ohne klare Leitplanken entstehen inkonsistente Architekturen, die dem Clean-Core-Gedanken widersprechen.
  • Organisatorischer Widerstand: Fachbereiche fürchten Funktionsverluste oder Einschränkungen in ihrer täglichen Arbeit. Diese Sorge ist verständlich und ein zentraler Erfolgsfaktor der Transformation.
  • Fehlende Governance: Nach der Umstellung fehlt oft ein verbindliches Regelwerk, wie neue Anforderungen umgesetzt werden dürfen. Das Risiko: Der „neue“ Clean Core ist schneller „verschmutzt“ als gedacht.

 

Struktur statt Aktionismus ist gefragt

Um die genannten Herausforderungen zu bewältigen und eine Clean-Core-Transformation nachhaltig erfolgreich umzusetzen, hat sich ein strukturiertes Vorgehen bewährt. Am Anfang steht eine fundierte Analyse des Status quo, mit dem Ziel, vollständige Transparenz über bestehenden Custom Code, Erweiterungen, Schnittstellen und Prozesse zu schaffen.

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Darauf aufbauend erfolgt eine Bewertung der identifizierten Funktionen nach ihrem geschäftlichen Nutzen und dem Aufwand, den eine Abbildung im Clean Core verursachen würde. Entscheidend ist dabei die Frage, welche Lösungen tatsächlich Mehrwert liefern und welche lediglich hohe Kosten verursachen, ohne einen relevanten Beitrag zur Wertschöpfung zu leisten.

Auf Basis dieser Erkenntnisse wird schließlich eine klare Transformationsstrategie abgeleitet. Sie definiert, welche Funktionalitäten konsequent eliminiert werden, wo eine Standardisierung sinnvoll ist und in welchen Fällen gezielte Erweiterungen erforderlich sind, um den Clean Core langfristig zu sichern.

 

5 Tipps für eine einfachere Transformation

  1. „Value First“ statt alles migrieren: Nicht jede bestehende Funktion verdient einen Platz in der neuen Systemwelt. Nur was messbaren Mehrwert liefert, sollte übernommen werden. Altlasten konsequent zu löschen, ist oft der größte Hebel für Komplexitätsreduktion.
  2. Frühzeitig eine klare Extension-Strategie definieren: Es muss eindeutig geregelt sein, wann der Standard genutzt wird, wann In-App-Extensions zulässig sind und wann Side-by-Side-Entwicklungen – etwa auf der SAP Business Technology Platform – zum Einsatz kommen.
  3. Prozesse konsequent standardisieren: Der SAP-Standard sollte nicht als Einschränkung, sondern als Best Practice verstanden werden. Standardisierte Prozesse reduzieren Abhängigkeiten und beschleunigen zukünftige Releases erheblich.
  4. Ein Clean-Core-Governance-Modell etablieren: Ein zentrales Gremium aus IT und Fachbereichen stellt sicher, dass neue Anforderungen sauber bewertet, priorisiert und regelkonform umgesetzt werden.
  5. Fachbereiche eng einbinden und befähigen: Transparente Kommunikation, Schulungen und ein klares Zielbild nehmen Ängste und fördern Akzeptanz. Clean Core funktioniert nur gemeinsam.

 

Praxisbeispiele: Clean Core richtig denken

In der praktischen Umsetzung lassen sich häufig dieselben Herausforderungen beobachten – und auch dieselben Erfolgsfaktoren. So zeigt sich immer wieder, wie wichtig klare Architekturentscheidungen und saubere Erweiterungskonzepte sind. Hier zwei Beispiele aus der Praxis:

  • Side-by-Side statt Rückschritt im Standard: Ein Logistikunternehmen hatte seine S/4HANA-Transformation bereits weitgehend abgeschlossen, als auffiel, dass die Kommissionierung als ein für das Unternehmen zentraler Prozess im Standard nicht ausreichend abgebildet war. Statt den Core erneut zu modifizieren, wurde gemeinsam eine Side-by-Side-App entwickelt. Diese On-Stack-Erweiterung nutzt eine standardisierte Schnittstelle, bleibt vollständig entkoppelt vom Kernsystem und ist dennoch nahtlos integriert. Das Ergebnis: volle Funktionalität ohne Gefährdung der Updatefähigkeit.
  • Schnellere Services durch gezielte Apps: Ein Hersteller von Klimageräten stand vor der Herausforderung, seine Reaktionszeiten im technischen Service zu reduzieren, um vertraglich vereinbarte Zeitfenster für Reparaturen einhalten zu können. Gemeinsam entwickelten wir vier spezialisierte Apps, die relevante Informationen bündeln, Prozesse automatisieren und mobil verfügbar machen. Der SAP-Kern blieb dabei unangetastet und die Servicequalität verbesserte sich signifikant.

 

Ziel: Zukunftsfähigkeit sichern

Die Clean-Core-Transformation ist kein Selbstzweck, sondern die Voraussetzung für eine nachhaltige SAP-Cloud-Strategie. Unternehmen, die jetzt strukturiert vorgehen, Prioritäten setzen und ihre Organisation mitnehmen, schaffen sich nicht nur technische Stabilität, sondern echte Zukunftsfähigkeit. Weniger Custom Code bedeutet nicht weniger Individualität – sondern mehr Freiheit für Innovation.

Über den Autor:

Maxim Fuchs
Maxim Fuchs, Foto: BTC

Maxim Fuchs ist seit 2024 Senior SAP Consultant bei der BTC Business Technology Consulting AG. Zuvor war der Wirtschaftsinformatiker als SAP Managing Consultant bei Rewion sowie mehrere Jahre als BTP Solution Architekt und SAP-Berater tätig.  Sein Schwerpunkt liegt auf SAP BTP, Fiori und verschiedenen technischen Themen innerhalb der SAP-Welt.

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