S/4HANA: Warum analoge Aktenarchive zum Migrationsrisiko werden können
Was passiert bei der SAP S/4HANA-Migration mit analogen Geschäftsunterlagen, die nie digital waren? Ein Blick auf ein oft unterschätztes Transformationsrisiko.
Veröffentlicht
15. April 2016
Lesezeit
4 Minuten
Redaktion
IT-OnlineMagazin
Die Siemens AG hat in Zusammenarbeit der Einheiten Global Services – Information Technology und Accounting, Reporting & Controlling eine Machbarkeitsanalyse (Proof of Concept / PoC) für den Einsatz von SAP S/4HANA Finance durchgeführt. Wir fragten Jörg Markard, als Projektleiter, nach seinen Eindrücken und Erfahrungen mit S/4HANA, wo er die Stärken und Schwächen dieses Produkts sieht und was er anderen Unternehmen empfiehlt.
Jörg Markard: S/4HANA Finance stellt nach unseren PoC Erkenntnissen einen sehr großen Technologiesprung dar, vergleichbar mit dem Wechsel von SAP R/2 zu SAP R/3. Erst unter S/4HANA Finance können alle HANA Vorteile, beispielsweise die mit der Code Optimierung einhergehende weitere Performanceverbesserung vollständig genutzt werden.
Im Hinblick auf die Oberfläche und die damit auch wesentlich verbundene Benutzerakzeptanz ist eine Nutzung der immer zahlreicher verfügbaren Fiori Apps nach unserer ersten Einschätzung zu favorisieren.
S/4HANA Finance bietet zum Beispiel durch die FI/CO Integration (Universal Journal) und den damit verbundenen Entfall von bisher notwendigen Abstimmungen die Möglichkeit, Prozesse deutlich zu vereinfachen. Darüber hinaus können Eigenentwicklungen in ausgewählten Bereichen, wie beispielsweise dem Asset Accounting deutlich reduziert werden und das unterstützt unsere grundsätzlich Strategie „Back to ERP Standard“. Außerdem ergeben sich durch S/4HANA Finance interessante Möglichkeiten durch die Kombination eines Template Approach zusammen mit einem Central Finance Ansatz.
Gravierende Schwächen des neuen Produktes konnten wir im Rahmen des PoC bisher nicht finden, allerdings sind in mehreren Teilbereichen Prozessanpassungen notwendig und sinnvoll, die einen zusätzlichen Change Managementaufwand bei der S/4HANA Finance erfordern. Die Zusammenführung von FI und CO zu einem Einkreissystem kann unter bestimmten Umständen zu einer geringeren Flexibilität führen, weil die sekundären Kostenarten unter S/4HANA Finance als Konto ausgeprägt werden.
Ob es tatsächlich zu einer Reduzierung der Flexibilität kommt, hängt unter anderem von dem Produktspektrum der jeweiligen Firma und einem möglichen Standardisierungsansatz im Bereich sekundären Kostenarten ab.
Wir haben zu Beginn des PoC alle uns bekannten Migrationsmethoden auf S/4HANA Finance hinsichtlich ihre Vor- und Nachteile untersucht. Die wesentlichen Kriterien für die Auswahl einer Migrationsmethode waren eine möglichst geringe Downtime, verbunden mit möglichst geringen Kosten.
Zusätzlich sollten die folgenden fachlichen Anforderungen erfüllt werden:
Keines der zum damaligen Zeitpunkt Ende 2015 vorhandenen Migrationstools hat alle genannten Anforderungen erfüllt. Deshalb haben wir uns entschieden, im Rahmen einer Entwicklungspartnerschaft mit der SNP AG als Spezialist für Transformationssoftware, die Erweiterung der bereits bestehenden T-Bone Funktionalität voranzutreiben.
Im Laufe des Projektes hat sich herausgestellt, dass die Umstellung auf NewGL einen erheblichen Aufwand verursacht. Ein wesentlicher Anteil dieses Aufwandes wäre aber bei einer späteren Migration von Produktivsystemen wiederverwendbar. Darüberhinaus mussten wir für einige Siemens Spezifika Regeln finden, wie mit diesen in der neuen S/4HANA Finance Welt verfahren werden soll.
Eine wesentliche lessons learned für alle Projektbeteiligten sind die deutlich verschärfte Konsistenzprüfungen, bedingt durch die FI/CO Integration unter S/4HANA Finance im Vergleich zu NewGL (z.B. im Bereich Hauswährung). Durch das neue Datenmodell in S/4HANA, bzw. die Reduzierung auf die ACDOCA Tabelle bekommen die Testmigrationen eine noch größere Bedeutung, weil bei notwendigen Anpassungen die Tabelle immer wieder komplett neu aufgebaut werden muss.
Wenn nicht möglichst viele Probleme bereits im Rahmen der Testmigrationen gelöst werden, verlängert sich die Downtime des Produktivsystems unnötig lange. Die Datenmigration im Rahmen des PoC wurde erfolgreich abgeschlossen, die Tests der Usecases laufen aktuell noch.
Jedes Unternehmen sollte in jedem Fall vor einer S/4HANA Finance Migration prüfen, wie sinnvoll die Übernahme von Altdaten ist und zusätzlich vor der Migration auf S/4HANA Finance ein umfangreiches Data Cleansing betreiben. Die Einführung einer toolunterstützten Masterdata Governance, idealerweise zeitgleich oder sogar vor der Migration, sollte ebenfalls vor dem Beginn des Projektes untersucht werden.
Darüberhinaus ist es nach unseren Erfahrungen sehr sinnvoll zu prüfen, welche Möglichkeiten sich abhängig von dem jeweiligen Umfeld für ein Re-Design von Prozessen mit einem Template-basierten Ansatz ergeben.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Helge Sanden, Chefredakteur des IT-Onlinemagazins.
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