Die Prozesse rund um die Lohn- und Gehaltsabrechnung in SAP mögen aktuell noch stabil und fehlerfrei laufen, doch das Ende der regulären Wartung von SAP ERP ECC ist bereits zum Greifen nah. Dennoch scheuen viele Organisationen nach wie vor den Umstieg – obwohl grundlegende Unternehmensprozesse auf dem Spiel stehen. Dabei sollte es nicht primär um die technische Migration gehen, sondern um die Frage, wie sich effiziente Prozesse, Verantwortlichkeiten und Governance-Strukturen bereits heute zukunftsfähig aufstellen lassen. Erst mit einer klaren Zielvorstellung können Verantwortliche ihren Blick auf die technische Seite der Lösungen lenken.
Governance kommt vor Technologie
Erfahrungen aus Projekten zeigen: Die größten Risiken entstehen nicht während der Migration, sondern davor. ECC-Systeme tragen häufig jahrzehntelange Anpassungen, individuelle Sonderlogiken und historisch gewachsene Prozessvarianten in sich. Hinzu kommen Dateninkonsistenzen, implizite Ausnahmeregelungen und unklare Verantwortlichkeiten zwischen HR, IT und angrenzenden Abteilungen. Solange das System stabil läuft, bleibt vieles davon unsichtbar – und damit unadressiert.
Doch nun stehen Organisationen vor der Aufgabe, sich mit diesem Thema zu befassen. Schließlich stellt SAP gestaffelt ihre Wartungsdienste für ECC HCM ein, auch der Service ist ab dem Jahr 2028 nur noch mit zusätzlichen Wartungsgebühren verfügbar. Wer es verpasst, die Payroll-Realität unter die Lupe zu nehmen, wird an einer zukunftsfähigen Transformation scheitern.
Daher sind im ersten Schritt zentrale Fragen zu klären: Welche Regeln gelten tatsächlich noch? Welche sind historisch gewachsen und bestehen lediglich aus Gewohnheit? Welche Prozesse sind dokumentiert? Welche werden aktuell nur informell gelebt? Wo liegt echte regulatorische Notwendigkeit vor – und wo lediglich gewachsene Komplexität? Diese Bestandsaufnahme überspringen viele Verantwortliche. Sie ist aber Voraussetzung dafür, Governance-Strukturen, wo nötig, anzupassen, anstatt bestehende Intransparenz in ein neues System zu überführen.
Ziel der Transformation: Change
Eine Payroll-Transformation ist somit nicht auf einen Systemwechsel beschränkt. Viel eher ist sie die Basis für ein organisatorisches Upgrade. Vertraute Arbeitsweisen verändern sich, Rollen definieren sich neu, Schnittstellen zwischen HR, IT, Finance und Compliance verschieben sich und sollten auch abgebildet werden. Entscheidungen, die Teams bisher implizit getroffen haben, lassen sich künftig transparent und nachvollziehbar gestalten. Vertrauen und Akzeptanz entstehen dabei nicht durch Technologie, sondern durch klare Kommunikation, frühzeitige Einbindung aller Beteiligten und eine Führung, die Transformation aktiv steuert statt nur technisch begleitet.
Genau an dieser Stelle zeigt sich die größte Hürde für eine zukunftsfähige SAP-Payroll-Transformation. Erst mit einer neu gewonnenen organisatorischen Klarheit sollten Verantwortliche – optimalerweise interoperationale Teams aus unterschiedlichen Abteilungen und dem Management – das technische Zielbild festlegen. Die Wahl zwischen einer On-Premises-nahen Weiterentwicklung mit SAP HCM for S/4HANA (H4S4) oder dem cloudbasierten Ansatz mit SuccessFactors Employee Central (EC) und SuccessFactors Employee Central Payroll (ECP) wird damit nicht nur zur technologischen, sondern vor allem zur strategischen Entscheidung. Unterschiedliche Betriebsmodelle führen zu unterschiedlichen Kostenstrukturen, Verantwortungsverteilungen und Innovationsgeschwindigkeiten.
H4S4: Kontinuität und Investitionsschutz im Fokus
Viele Unternehmen wählen den Umstieg auf SAP HCM for S/4HANA. Angesichts der Nähe zur bisherigen On-Premises-Architektur verwundert dies kaum. Einerseits behalten Organisationen so volle Kontrolle über die Systemlandschaft und ihre Daten. Andererseits führt die hohe Systemkontinuität dazu, dass Organisationen ihre Arbeitsweisen kaum umstellen müssen. Insbesondere die planbare Upgrade-Logik überzeugt hier. Denn vor vollständigen Neuausrichtungen schrecken viele Verantwortliche zurück.
Allerdings liegt hierin auch der größte Nachteil: Vieles bleibt beim Alten. Mit neuen Funktionalitäten oder Re-Architekturen ist nicht zu rechnen. Auch bleibt die Innovationsgeschwindigkeit abhängig von On-Premises-Entwicklungen. Die eigene Infrastrukturverantwortung bindet interne IT-Ressourcen für Betrieb, Wartung und Updates. Da diese weiterhin unternehmensseitig geplant und durchgeführt werden müssen, sind die Infrastruktur- und Wartungskosten meist höher als bei automatischen Cloud-Updates. Immerhin ist der Wartungsbetrieb für H4S4 laut SAP-Angaben aktuell bis 2040 geplant. Danach müssen sich Unternehmen (wieder) neu ausrichten. SAP gibt hier längst eine klare Richtung vor – hin zur Cloud.
EC & ECP: Zukunftsfähig in die Cloud
Die SAP-Bestrebungen, Lösungen künftig in die Cloud zu überführen, sind nicht zu unterschätzen. Daher bringt der direkte Weg in die Cloud Vorteile mit sich. Gerade mit kontinuierlichen Innovationen wie KI-Funktionalitäten ist in der Cloud zu rechnen. Außerdem sind neben automatischen Updates auch gesetzliche Anpassungen durch SAP abgedeckt. Verabschieden sich Firmen vom On-Premises-Betrieb, entfallen zudem Hardware- und Infrastrukturverantwortungen. Hosting, Wartung und Release-Management liegen vollständig in den Händen von SAP. Das entlastet die eigene IT-Abteilung deutlich. Hinsichtlich der Kosten kann ein nutzungsbasiertes Subscription-Modell strukturelle Benefits gegenüber klassischer Lizenzinvestition bieten.
Doch auch bei der Migration auf EC oder ECP ist einiges zu berücksichtigen. Beispielsweise ergeben sich einmalige Migrationskosten für Greenfield-, selektive Übernahme oder Lift-&-Shift-Ansätze. Datenbereinigung und -transformation sind ebenfalls mit Aufwänden verbunden. Zudem müssen meist gewachsene Prozesse angepasst werden, was zu Change-Management-Kosten führt. Im Vergleich zu On-Premises sind zudem die Customizing-Möglichkeiten etwas begrenzter und die Weiter-Entwicklung bleibt abhängig von der eingeschlagenen SAP-Roadmap.
Im Vergleich: Kosten, Risiken und Strategie
Beide Varianten bringen also Vor- und Nachteile mit sich, da sie unterschiedlichen wirtschaftlichen und strukturellen Logiken folgen. Während SAP HCM for S/4HANA auf Kontinuität und Investitionsschutz setzt, steht bei SuccessFactors Employee Central und Employee Central Payroll die Verlagerung in ein cloudbasiertes Betriebsmodell im Vordergrund. Daraus ergibt sich, dass H4S4 oftmals mit überschaubaren Umstellungskosten verbunden ist. Infrastruktur-, Wartungs- und Personalkosten bleiben jedoch dauerhaft in der Verantwortung des Unternehmens. Cloud-Modelle wie EC/ECP hingegen können initial höhere Migrationsaufwände verursachen – insbesondere bei umfassender Datenbereinigung oder Greenfield-Ansätzen. Im Gegenzug verlagern sich Betrieb, Wartung und Innovationszyklen in die Verantwortung von SAP. Über fünf Jahre betrachtet, überwiegen jedoch meist die Betriebskosten, somit dürften die Gesamtkosten für EC und ECP im Verlauf potenziell niedriger liegen.
Auch qualitative Aspekte sollten in die Bewertung einfließen. H4S4 überzeugt mit Systemkontinuität, bewährten Prozessen und hoher Flexibilität. Die Innovationsgeschwindigkeit bleibt jedoch an On-Premises-Entwicklungszyklen gebunden. Zudem fallen jährlich Kosten für Wartung und Support an. Cloud-Modelle entlasten die Verantwortlichen spürbar. Updates und neue Funktionalitäten werden automatisch umgesetzt. Wartung und Support sind bei EC und ECP inklusive.