
Mit Bedacht migrieren und ausgewählte Daten schlank übertragen, das ist das Ziel der Selective Data Transition (SDT) beim Wechsel auf SAP S/4HANA. Dahinter verbirgt sich weit mehr als eine rein technische Übung. Im Kern beschreibt SDT einen Ansatz, bei dem Unternehmen bewusst entscheiden, welche Daten, Prozesse und Organisationsstrukturen in die neue SAP-S/4HANA-Welt übernommen werden – und welche nicht. Über Herausforderungen und Herangehensweisen, mit dem SDT-Konzept einen methodisch sauberen Mittelweg zwischen Greenfield und Brownfield einzuschlagen.
Mehrheit will nur Teil der Systeme migrieren
Greenfield und Brownfield sind die idealtypischen Pole bei der Migration von SAP ERP auf SAP S/4HANA. In ihrer Reinform werden sie in der Praxis jedoch nicht immer als beste Wahl angesehen. Sinnvoller kann ein Zwischenweg sein, der in einer schlanken Übertragung ausgewählter Daten (Selective Data Transition = SDT) besteht. Anders als bei einer vollständigen Systemkopie oder einem radikalen Neuanfang werden nur geschäftsrelevante Daten selektiv migriert, etwa entlang von Organisationseinheiten, Zeiträumen oder Geschäftsbereichen. Auf diese Weise lassen sich Datenvolumen und Komplexität deutlich reduzieren, ohne auf bewährte Prozesse oder historisch wertvolle Informationen zu verzichten. SDT verbindet damit technologische Modernisierung mit inhaltlicher Bereinigung und schafft die Grundlage für ein schlankes, zukunftsfähiges Zielsystem bei überschaubaren Risiken und kurzen Downtimes.
In einer Transformationsstudie aus dem Jahr 2025 haben Natuvion und NTT DATA Business Solutions SAP-Anwenderunternehmen in 14 Ländern zu ihren S/4HANA-Strategien befragt. Das zentrale Ergebnis: Die meisten Unternehmen suchen keinen radikalen Schnitt, sondern einen Mittelweg. Rund 45 Prozent planen, nur ausgewählte Teile ihrer bestehenden Systemlandschaft zu übernehmen und andere bewusst zurückzulassen.
Klassische Ansätze wie Brownfield oder Greenfield werden zwar weiterhin genutzt, stoßen in der Praxis jedoch häufig an Grenzen – entweder, weil sie zu wenig Veränderung ermöglichen oder weil sie zu aufwendig und komplex sind. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Selective Data Transition an Bedeutung, da sie Unternehmen erlaubt, Transformation gezielt und realistisch umzusetzen.
Ziel: SAP S/4HANA-Transition verkürzen
Auch für das US-Unternehmen SPS Companies, Distributor von Produkten für Sanitär, Heizung, Brandschutz und Dachdeckung, stellte sich der Mittelweg als beste Lösung dar. IT Director Justin Moldrup: „Brownfield war einfach nicht möglich, und Greenfield bedeutete eine lange Projektlaufzeit mit mehreren Rollout-Phasen. Die Selective Data Transition bot zusätzliche Flexibilität, um die Laufzeit auf ein Jahr zu reduzieren.“ Andreas Hohmann, Director und Head of SAP Applications beim Küchenspezialisten BLANC & FISCHER, ergänzt: „Unser Ansatz ist es, möglichst viel Greenfield zu realisieren. Man muss es aber letztendlich auch so gestalten, dass es sowohl technisch als auch für die Organisation machbar und der Scope realistisch ist.“
Sinnvoll aussortieren und neben der rein technischen Datenübertragung die Transformation zugleich auch organisatorisch und prozessual verbessern, das steckt hinter dem SDT-Ansatz. Innovative Funktionen werden bereits im Zuge der Transformation implementiert. Das Unternehmen kann sein neues SAP-System sogleich an künftige Geschäftsanforderungen anpassen.
Ein weiterer entscheidender Aspekt ist die Frage der Betriebsunterbrechung. Viele Unternehmen können sich keine langen Stillstände oder umfangreiche Cutover-Fenster leisten. Selective Data Transition ermöglicht es, Migrationen so vorzubereiten und durchzuführen, dass laufende Geschäftsprozesse weitgehend erhalten bleiben. Offene Belege, historische Daten und bestehende Nummernkreise können übernommen werden, wodurch Downtime minimiert und der operative Betrieb geschützt wird.
SDT Engagement Community unterstützt Migrationen
Eine Selective Data Transition ist zunächst einmal nur ein Konzept, das sich mit verschiedenen Lösungen angehen lässt. SAP selbst stellt dafür seit einiger Zeit ein Instrument zur Verfügung: Das SAP Business Transformation Center ist eine SaaS-Cloud-Lösung, die mit SAP Cloud ALM importiert wird und in den Abonnements von SAP Service Cloud und der Vereinbarung für SAP Enterprise Support enthalten ist. SAP verbindet damit das Versprechen reduzierter Gesamtkosten für die Implementierung einer geführten Datenmigration und -transformation.
Sehr viele Aufgaben bei der SDT lassen sich über das Business Transformation Center ausführen, aber eben nicht alle. Für einen vollständigen und durchgängigen Prozess der Datenübertragung sind zusätzliche Schritte notwendig, gerade wenn es um Fragen von Automatisierung, Echtzeitanalysen und Verwendung von KI geht. Deshalb hat SAP gemeinsam mit den SAP-Partnern cbs, Natuvion und SNP die SDT Engagement Community ins Leben gerufen. Unter Einsatz ihrer jeweiligen Lösungen wollen sie Unternehmen so gemeinsam bei der oft komplexen Migration nach SAP S/4HANA unterstützen.
Selective Data Transition: Wann und für wen?
Als Faustregel gilt: Je komplexer eine historisch gewachsene SAP-Landschaft ist, desto attraktiver wird eine Selective Data Transition für das Unternehmen. Denn hier müssen Systeme zusammengeführt, aufgespalten und harmonisiert werden – genau das, was die Stärke der Methode beispielsweise im Rahmen von bei Carve-outs und organisatorischen Neuausrichtungen ausmacht. Dies bestätigt Andreas Beeres, CIO der SCHOTT AG, die im Rahmen eines Carve Outs 2022 ihr Pharma-Geschäft in eine eigene Gesellschaft ausgegliedert hat. „Es war im Grunde eine S/4-Migration im Kleinformat, bei der Daten aus dem System extrahiert, umstrukturiert und wieder integriert werden mussten. Dies beinhaltete auch selektive rückwirkende Migrationen aus früheren Geschäftsjahren.“ Ein typisches Anwendungsszenario für SDT.
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Und auch für global gewachsene SAP-Landschaften mit sehr großen Datenvolumina ist der Ansatz vielerorts Mittel der Wahl. So setzte beispielsweise auch Pfizer bei der Transformation auf einen selektiven Ansatz. Der Pharmahersteller betreibt seit Jahrzehnten eine zentrale, globale SAP-ERP-Plattform, die durch Upgrades, Übernahmen und Erweiterungen kontinuierlich gewachsen ist. Im Zuge der Migration eines rund 85 Terabyte großen SAP-ECC-Systems nach SAP S/4HANA wurden ausschließlich geschäftsrelevante Daten übernommen. Dadurch ließ sich die Systemkomplexität deutlich reduzieren, bei gleichzeitig minimaler Beeinträchtigung des laufenden Betriebs. Neben Performance-Verbesserungen wurden auch Finanzstrukturen konsolidiert, was unter anderem zu effizienteren Order-to-Cash-Prozessen führte.
Herausforderung: Welche Daten kommen mit?
Typische Herausforderungen, mit denen SAP-Kunden vor einer Migration mit SDT zu tun haben: Sie sind sich unsicher, welche Daten wirklich migriert werden müssen und auf welche sie verzichten können. Gleichzeitig muss der Erhalt wertvoller historischer Daten mitgedacht werden. Zudem wissen viele nicht genau, wie sie ihre bestehenden Strukturen in die neue Systemwelt integrieren können, ohne den laufenden Betrieb zu gefährden.
Gerade in produktionsnahen oder hochregulierten Umfeldern ist eine lange Systemunterbrechung keine Option. SDT-Ansätze setzen deshalb auf minimal-invasive Übergänge, bei denen Prozesse nicht künstlich gestoppt oder neu gestartet werden müssen. Das reduziert Risiken und erhöht die Akzeptanz im Fachbereich deutlich. Für Christian Brantl, Programmleiter bei SCHOTT, war SDT eine völlig neue Herangehensweise, die zunächst der sicherheitsbewussten Firmenkultur widersprach. Dann aber hat das Unternehmen bei der Transition schnell Tempo aufgenommen und konnte Themen gezielt vorantreiben. „Es war genau der richtige Weg − und wir haben für künftige Innovationsprojekte viel dazugelernt.“
Setup für kontinuierliche Transformation
„IT-Transformation ist weniger ein Projekt als ein Dauerzustand“, formuliert es Georg Klein, Leiter SAP-Anwendungsberatung & Entwicklung bei der badenova AG & Co. KG. Weiterentwicklung scheint dabei das oberste Credo bei den Firmen, die mit dem SDT-Ansatz erfolgreich migriert sind. Das Transformationsszenario in der neuen ERP-Umgebung soll zum Katalysator für Innovation, Prozessmodernisierung und funktionaler Exzellenz werden.
So will auch SCHOTT-CIO Beeres nach der S/4HANA-Einführung „direkt weitermachen und die Digitalisierung vorantreiben. Mit dem implementierten Setup kann unser Unternehmen anknüpfen an alle Folge-Entwicklungen der SAP und ist jederzeit state-of-the-art.“ Und für Arne Brinkmeier, Bereichsleiter Anwendungen SAP und Programmleiter S/4HANA Transformation bei der Salzgitter Digital Solutions, bildet SAP S/4HANA ebenfalls die Grundlage, um weitere Innovationen durchzuführen. Dabei setzt das Unternehmen auf eine hybride Systemarchitektur auf Basis der SAP Business Technology Platform (SAP BTP).
Gezielte Modernisierung rückt in den Vordergrund
Die selektive Datentransition kann Unternehmen am Scheideweg zwischen alter und neuer SAP-Welt dabei unterstützen, Prozesse gezielt zu modernisieren und strategisch neu auszurichten, anstatt sie generisch zu migrieren. Es ist nicht nur ein reduzierter Kostenfaktor, wenn lediglich die relevanten Daten intelligent transferiert werden. Ziel sollte auch eine neue Systemwelt sein, die effizient und anpassungsfähig an künftige Anforderungen bleibt.
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