
Die Supply Chain wird nicht nur komplexer – sie wird unberechenbarer. Viele Unternehmen haben darauf mit ersten Automatisierungen reagiert: definierte Regeln, standardisierte Workflows, vereinzelte Bots. Das verbessert Routineprozesse, adressiert jedoch selten die eigentlichen Probleme.
Denn in der Supply-Chain-Planung sind viele Entscheidungen zwar wiederkehrend, aber nie identisch. Forecast-Abweichungen, Engpässe oder Lieferstörungen werfen immer dieselbe Grundfrage auf – was ist jetzt zu tun? – allerdings jedes Mal unter anderen Voraussetzungen. Feste Regeln greifen deshalb nur begrenzt: Was als automatisierter Prozess beginnt, endet häufig in manueller Abstimmung. SCM Agents könnten das ändern.
Janek Kapahnke (celver AG) erläutert in seinem Gastbeitrag für das IT-OnlineMagazin, warum Agenten mehr sind als „noch ein Automatisierungstool“, räumt mit verbreiteten Missverständnissen auf und zeigt, wie Unternehmen diesen Ansatz strategisch und praxisnah für ihre Planung nutzen können.
SCM Agents vs. klassische Automatisierung

SCM Agents sind KI-gestützte Systeme, die eigenständig Ziele verfolgen, Informationen interpretieren, Handlungsoptionen entwickeln und Aktionen auslösen können. Technologisch basieren sie häufig auf Sprachmodellen, entscheidend ist jedoch weniger die konkrete Technologie als das Prinzip: Ein Agent folgt keinem starren Prozess, sondern passt sein Vorgehen dynamisch an die jeweilige Situation an.
Damit unterscheiden sich Agenten klar von klassischen Automatisierungsansätzen wie regelbasierten Workflows oder Robotic Process Automation (RPA). Diese arbeiten zuverlässig, solange die Prozesse stabil und vollständig beschrieben sind. In der Supply Chain ist dies jedoch selten der Fall. Prognoseabweichungen, kurzfristige Kundenanfragen oder unvollständige Informationen gehören zum Alltag.
Der Nutzen für Unternehmen:
- Flexibilität statt Starrheit: Agenten reagieren auf neue Situationen und passen Pläne eigenständig an.
- Entlastung der Planungsteams: Wiederkehrende, komplexe Entscheidungen werden vorbereitet oder automatisiert.
- Höhere Entscheidungsqualität: Daten werden konsolidiert, Szenarien vergleichbar aufbereitet und transparent dokumentiert.
Agenten als Bindeglied zwischen Mensch und System
SCM Agents lassen sich bildlich gesprochen als „digitale Kollegen“ verstehen. Sie nehmen Aufgaben entgegen, entwickeln daraus eigenständig einen Handlungsplan, greifen gezielt auf relevante Systeme zu und bereiten konkrete Änderungen in der Planung vor. Dort, wo Entscheidungen fachlich oder wirtschaftlich kritisch sind, binden sie bewusst den Menschen ein und holen eine Freigabe ein.
Mit zunehmender Autonomie der Agenten gewinnt zudem das Thema Governance an Bedeutung. Kritische Aktionen – etwa das Schreiben oder Überschreiben von Planungsdaten – lassen sich über klare Freigabe‑ und Kontrollmechanismen absichern. So bleibt der Mensch integraler Bestandteil der Entscheidungsprozesse.
Weitere Erfolgsfaktoren:
- Saubere Datenanbindung: Agenten sind nur so gut wie die Daten, die sie bekommen.
- Klare Rollen & Rechte: Was darf der Agent selbstständig tun – und ab welchem Punkt greift der Mensch ein?
- Messbare Ziele: Da Agenten zielgerichtet handeln, braucht es klare KPIs, z.B. Durchlaufzeit, Planungsqualität, Servicelevel, Bestandskosten etc.
Einsatzszenarien in der Supply‑Chain‑Planung
Der Mehrwert von SCM Agents zeigt sich besonders in Situationen mit hoher Dynamik und Zeitdruck. Zwei Anwendungsfälle sind in der Praxis besonders relevant.
1. Simulation bei Planabweichungen
Bei Abweichungen zwischen Forecast und Realität beginnt oft ein manueller Kraftakt: Daten zusammentragen, Ursachen eingrenzen, Auswirkungen auf Beschaffung und Produktion bewerten, Optionen rechnen und eine Empfehlung ableiten. Je nach Tool-Unterstützung dauert das schnell einen Arbeitstag oder länger – weshalb häufig nur wenige Szenarien geprüft werden.
Ein SCM Agent kann diese End-to-End-Simulation in Minuten durchführen: Er analysiert die Ausgangsversion, identifiziert Treiber und Auffälligkeiten, erstellt alternative Produktions- oder Beschaffungspläne, prüft Restriktionen und stellt Ergebnisse vergleichbar mit entsprechenden Handlungsempfehlungen dar. Die finale Entscheidung bleibt jedoch beim Menschen: Kritische Anpassungen lassen sich über „Human in the Loop“ gezielt zur Freigabe vorlegen.
2. Automatisierte Verarbeitung von Nachfrageänderungen
Kundenanfragen oder Änderungen per E‑Mail gehören zu den wiederkehrenden Aufgaben in der Planung und erfordern häufig einen hohen manuellen Abstimmungs‑ und Pflegeaufwand. Agenten können Inhalte strukturieren, relevanten Produkten und Kunden zuordnen und die Änderung als neue Version im Planungssystem anlegen.
Bei Bedarf wird der Prozess durch einen „Human‑in‑the‑Loop” ergänzt: Bei unklaren oder wirtschaftlich kritischen Fällen – etwa bei großen Mengenänderungen oder Anpassungen für besonders wichtige Kunden – kann der Agent aktiv eine Freigabe anfordern. Dies erfolgt über etablierte Kollaborationskanäle, bevor Änderungen tatsächlich im System geschrieben werden.
Typische Effekte dieser Use Cases:
- Verkürzte Durchlaufzeiten von Anfrage bis Entscheidung
- Reduzierung manueller Übertragungsfehler
- Bessere Nachvollziehbarkeit von Planungsänderungen
- Skalierung ohne proportional mehr Personalaufwand
Einführung: klein starten, sauber vorgehen
Trotz aller technologischen Möglichkeiten scheitern viele Agentic‑Projekte an grundlegenden Voraussetzungen. Unklare Prozesse, mangelnde Datenqualität oder fehlende Verantwortlichkeiten lassen sich nicht durch ein gutes KI-Modell kompensieren. Wenn Sie einen schlechten Prozess digitalisieren, haben Sie einen schlechten digitalisierten Prozess. Ein strukturierter Proof‑of‑Value‑Ansatz hat sich daher bewährt.
Im ersten Schritt wird ein klar abgegrenzter Use Case priorisiert, der einen hohen operativen Nutzen verspricht. Anschließend werden Prozesse analysiert, Daten bereitgestellt und Governance‑Regeln definiert. Erst dann folgen die technische Umsetzung und die Bewertung des tatsächlichen Mehrwerts. Auch wirtschaftlich bietet dieses Vorgehen Vorteile: Agent-basierte Lösungen lassen sich häufig nutzungsbasiert betreiben und technologieunabhängig in bestehende Landschaften integrieren – ohne umfangreiche Vorabinvestitionen.
SCM Agents als Antwort auf das „New Normal“
SCM Agents sind keine Raketenwissenschaft – und auch kein kurzfristiger KI‑Trend, der nur in Demos gut aussieht. Sie sind eine pragmatische Weiterentwicklung dessen, was Planungsteams heute ohnehin leisten müssen: Daten interpretieren, Optionen bewerten, Konsequenzen abschätzen und Entscheidungen sauber vorbereiten. Der Unterschied liegt im Tempo und in der Konsistenz. Agenten können wiederkehrende Analyse‑ und Abstimmungsarbeit standardisiert, nachvollziehbar und in kurzer Zeit erledigen – gerade dort, wo klassische Automatisierung an wechselndem Kontext scheitert.
In einem „New Normal“, in dem Abweichungen eher Regel als Ausnahme sind, bieten SCM Agents eine realistische Möglichkeit, Planung handlungsfähig zu halten – nicht durch blinden Autopilot, sondern durch ein kontrolliertes Zusammenspiel aus Autonomie und Governance. Wer mit klaren Prozessen, belastbaren Daten und definierten Freigaben startet, kann Agenten gezielt als Verstärker einsetzen – für schnellere Entscheidungen, robustere Pläne und weniger operatives Feuerlöschen.

Über den Autor:
Janek Kapahnke verantwortet den Bereich SCM Services bei der celver AG und fokussiert sich dabei auf innovative Lösungen für aktuelle Herausforderungen in der Supply-Chain-Planung. In diesem Zusammenhang hat er bereits zahlreiche Projekte für effiziente Planungs- und Analyselösungen mit Kunden aus verschiedensten Branchen umgesetzt.
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