Interviewserie: Wie verändert KI SAP-Karrieren? Die Unternehmens-Perspektive

Veröffentlicht

09. September 2026

Lesezeit

5 Minuten

Redaktion IT-OnlineMagazin

Redaktion

IT-OnlineMagazin

Michael Fuchs und Maike Rose über SAP-Karrieren

Michael Fuchs (dr. Fuchs Personalberatung) im Gespräch mit Maike Rose (IT-OnlineMagazin), Foto: IT-OnlineMagazin

Wie verändert Künstliche Intelligenz die Anforderungen an SAP-Fachkräfte und ihre Karrierewege? Darüber sprach Chefredakteurin Maike Rose beim SAP-Karriere-Roundtable im Juli 2026 mit Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft. Im Rahmen unserer Interview-Serie erklärt Stephan Brand (CDO Bosch Mobility), wie rasant KI-Agenten derzeit den Automatisierungsgrad im SAP-System steigern, welche Rollen jetzt neu entstehen und warum der Mensch unverzichtbar bleibt.


Wie verändern KI und Cloud den Arbeitsalltag?

Maike Rose: Die S/4HANA-Transformation bei Bosch Mobility zählt aktuell zu den größten SAP-Projekten. Wie verändert der Umstieg den Arbeitsalltag Ihrer Teams?

Stephan Brand: Ich unterscheide gerne zwischen „am“ System und „im“ System: Im System werden wir in Zukunft definitiv einen deutlich höheren Automatisierungsgrad haben. Das zeigt schon allein unser Tempo beim Agentenbau: Unsere Teams bauen inzwischen innerhalb von zwei Tagen neue Agenten, die beispielsweise die Fehlerbehebung im Shipment automatisieren. Und das wird künftig noch schneller gehen. Führt man sich vor Augen, dass wir tausende, teils hochkomplexe, aber eben auch hochgradig standardisierte Prozesse haben, ist das Potenzial immens. Entsprechend ambitioniert ist unser Ziel: 90 Prozent Automatisierungsgrad, KI-befähigt.

Und auch die Arbeit am System verändert sich: Scope-Analyse, Prozessdesign, Konfiguration, Test, Deployment – in jeden dieser Schritte fließt bereits KI ein. Bei der Scope-Analyse werten wir Daten heute deutlich präziser aus. Spezifikationen, die früher zwei Wochen brauchten, entstehen per Prompt in zwei Tagen. Die Entwicklung ist rasant, die Perspektive klar positiv.

Welche Skills und Rollen werden künftig benötigt? 

Maike Rose:  Welche neuen Rollen entstehen dadurch bei Ihnen? Und welchen Wert hat menschliche Intelligenz in einem hochautomatisierten Unternehmen noch?

Stephan Brand: Eine sehr spannende Rolle, die bei uns gerade entsteht, ist der „Prozess-AI-Architekt“, der sich um das Thema Agentic Governance kümmert. Zentral ist dabei die Frage, wie eine Governance aussieht, die auch bei mehreren ineinandergreifenden Agenten garantiert, dass alles korrekt ist. „Prozess-AI-Architekten“ sind Prozessexperten, die sich zu KI-Experten weiterentwickeln und Prozessverantwortliche beim Aufbau sinnvoller Agenten unterstützen. Der Wert menschlicher Intelligenz bleibt also auch dann erhalten, wenn Hyperautomation die Interaktion der Anwender mit dem System reduziert. Die Automatisierung selbst kann ich einer entsprechend designten künstlichen Intelligenz überlassen. Die Definition der Ziele und KPIs bleibt jedoch ebenso Sache der menschlichen Intelligenz wie die fundierte Überprüfung der von der KI gelieferten Ergebnisse.

Wie beeinflusst Automatisierung die Mitarbeitermotivation?

Maike Rose: Viele Arbeitnehmer fürchten trotzdem, dass KI und Automatisierung sie ersetzen wird. Wie schätzen Sie das ein?

Stephan Brand: Die Einführung von KI in eine große Organisation beeinflusst nicht nur die Ablauf-, sondern auch die Aufbauorganisation. Bedeutet: Automatisiert man Prozesse, werden Teams, die diese Prozesse vorher umgesetzt haben, eventuell nicht mehr benötigt. Repetitive Tätigkeiten in der Fertigung übernehmen bei uns beispielsweise inzwischen humanoide Roboter. War das ein toller Job für die Menschen, die das vorher gemacht haben? Nicht unbedingt.

Unser Ziel ist, Mitarbeiter zu entlasten und weiterzuentwickeln, nicht zu ersetzen. Mitarbeiter gehen mit den aktuellen Veränderungen unterschiedlich um. Es gibt die, die verharren und mit der alten Axt immer fester auf immer dicker werdende Bäume einschlagen. Und es gibt die, die sagen, ich schärfe lieber die Axt. Umso wichtiger ist es, dass jeder Einzelne in der Organisation Change-Management betreibt und seinem Umfeld – um im Bild zu bleiben – die Vorteile einer scharfen Axt vermittelt. Diese Aufgabe wird häufig unterschätzt.

Welche Bedeutung hat Governance im KI-Zeitalter?

Maike Rose: KI verändert auch die Zusammenarbeit von IT und Fachabteilungen. Was bedeutet das konkret aus Ihrer Perspektive?

Stephan Brand: Dank KI können wir aus dem Business heraus heute sehr viel mehr selbst machen. Wir brauchen deutlich weniger IT-Unterstützung bei der Erstellung von Agenten oder der Anwendungsentwicklung. Durch Vibe Coding und das Prompten von Spezifikationen hat sich der Entwicklungsprozess stark verändert. Doch wenn Fachbereiche ohne IT-Beteiligung eigene Agenten bauen, kann das schnell zu Governance-Problemen führen. Wir haben deshalb schon zu Zeiten von Robotic Process Automation klare Prüf- und Freigabeprozesse etabliert, die wir nun auch für den KI-Einsatz nutzen: von der Idee über das Requirement bis zur Freigabe durch den Architekten. Bei uns geht kein Bot für unsere SAP-Systeme live, ohne dass ein Prozessexperte geprüft hat, was dieser tut.

Außerdem ist es wichtig, dass wir nicht in Silos zurückfallen, sondern Automatisierung bereichsübergreifend denken. Beispielsweise verantwortet der Vertrieb im Order to Cash-Prozess das Auftragsmanagement, die Logistik den Versand und der Finance-Bereich die Rechnungsabwicklung. Wenn sich an einer Stelle etwas verändert, müssen die anderen Bereiche das mitbekommen. Aktuell sind die meisten unserer Use Cases noch funktionsspezifisch, das bereichsübergreifende Denken in längeren Ketten fängt gerade erst an.

Wie lassen sich Karrieren im KI-Zeitalter erfolgreich gestalten?

Maike Rose: Welche Empfehlung geben Sie Ihren Mitarbeitenden für den eigenen Karriereweg im KI-Zeitalter?

Stephan Brand: Ich rate unseren Mitarbeitern immer, KI als eine der größten Chancen der letzten Jahre für ihre persönliche Weiterentwicklung zu betrachten, nicht als Bedrohung. Wir haben alles, was es für diese Weiterentwicklung braucht. Wir bieten Trainings an, wir haben Zugang zu jeglicher Technologie, es ist alles da. Niemand kann sagen, er hätte nicht die Möglichkeit, sich mit den Potenzialen von KI zu beschäftigen. Also: Chance nutzen!

Interviewserie

Wie verändert KI SAP-Karrieren? Unsere Interviewserie beleuchtet diese Frage aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

  1. Recap Roundtable SAP-Karrieren im KI-Zeitalter
  2. Die Herstellerperspektive | Jan Kuhfuss (SAP)
  3. Die Wissenschafts-Perspektive | Prof. Dr. Dietmar Kilian (MCI) – folgt
  4. Die Personalberatungs-Perspektive | Dr. Michael Fuchs /dr. Fuchs Personalberatung) – folgt

Newsletter abonnieren und automatisch über neue Beiträge der Interviewserie informiert werden.

Diesen Beitrag teilen

Mehr zum Thema