Mittelständische Unternehmen mit hybriden SAP-Architekturen können Digitalisierung gezielt voranbringen, ohne den ERP-Kern anzutasten. Wie Low-Code-Plattformen dabei die Rolle einer Orchestrierungsschicht zwischen SAP, Cloud-Services und Fachbereichsanwendungen übernehmen und wie KI-Agenten auf dieser Schicht konkrete Geschäftsprozesse autonom ausführen und beschleunigen können, schildert Christopher Bouveret (Simplifier) in seinem Gastbeitrag für das IT-OnlineMagazin.
Denkgrenzen überwinden: Pragmatischer dritter Weg

Digitalisieren, automatisieren, sauber in SAP integrieren: Diesen Dreiklang haben Unternehmen seit Jahren in den Ohren. Die Realität ist komplexer: geschäftskritische Legacy-On-Prem-Systeme, parallele Cloud-Strategien (SaaS, S/4HANA Cloud, Azure oder AWS), Datenschutz- und Datenhaltungsanforderungen, Clean-Core-Vorgaben und chronisch überlastete IT-Abteilungen. Aufgrund dieser Gemengelage existiert im Mittelstand kein klarer Cloud-only-Ansatz, sondern realistischerweise ein hybrider Übergangszustand.
Zwischen radikaler Transformation und technologischem Stillstand bieten heterogene Architekturen mit Low-Code-Plattformen und KI-gestützter Automatisierung einen dringend notwendigen Mittelweg. Das Besondere daran: Der bestehende ERP-Kern im Unternehmen wird stabil und planbar weiterbetrieben, Innovation wird gezielt dort umgesetzt, wo ein messbarer Mehrwert entsteht. So kann in Schritt eins die allergrößte Hürde überwunden werden, und das ist nicht etwa die Technologie, sondern das Denken in Grenzen.
Damit ist gemeint: Eine Idee entsteht im Fachbereich, weil ein Prozess einfacher, schneller oder besser laufen könnte. Dieses Vorhaben scheiterte bisher meist an der Realität – gute Ansätze wurden deshalb gar nicht erst weiterverfolgt. Der entscheidende Unterschied heute: Nicht die Suche nach der perfekten Standardlösung steht im Mittelpunkt, sondern die Frage: Welcher Use Case bringt uns konkret weiter? Genau hier beginnt ein neuer Ansatz von Digitalisierung, der Probleme praxisorientiert löst und neue Potenziale rasch aufzeigt.
Low-Code als SAP-Orchestrierungsschicht im Betrieb
Die Vertriebsmitarbeiter eines mittelständischen Unternehmens aus der kunststoffverarbeitenden Industrie mussten täglich zwischen zahlreichen Systemen wechseln – SAP, Produktdatenbanken, SharePoint, Office-Anwendungen und weiteren Tools. Ihr Ziel: Alle relevanten Informationen in einer zentralen Oberfläche zusammenführen. Das Ergebnis mit Low-Code war eine voll funktionierende Anwendung, erstellt in gerade einmal zehn Tagen. Praktisch bedeutet das: Modernisierung findet side-by-side statt. Neue Anwendungen, Integrationen und Automatisierungen entstehen außerhalb des Kernsystems, greifen aber kontrolliert darauf zu. Dafür braucht es eine Orchestrierungsschicht zwischen SAP, Cloud-Services und Fachbereichsanwendungen, und genau diese Aufgabe kann eine Low-Code-Plattform erfüllen – KI-Agenten inklusive.
Wie KI-Agenten auf der Plattform Arbeit übernehmen
Hier beginnt das, was über klassische Low-Code-Entwicklung hinausgeht: KI-Agenten, die nicht nur assistieren, sondern eigenständig handeln:
- Ein Einkaufsagent fragt SAP-Bestandsdaten ab, prüft Lieferantenkonditionen, erstellt einen Bestellvorschlag und leitet ihn zur Freigabe weiter, ohne manuellen Eingriff.
- Ein Wartungsagent wertet Sensordaten aus, erkennt Anomalien und erstellt automatisch einen SAP-Serviceauftrag.
Was diese Agenten von herkömmlicher Automatisierung unterscheidet? Sie verstehen Kontext, treffen Entscheidungen und orchestrieren mehrere Systeme gleichzeitig auf Basis der Verbindungen, die die Low-Code-Plattform zu SAP, Cloud-Services und Fachanwendungen bereitstellt. Bei Simplifier nennen wir diesen Ansatz das Agentic Universe: Eine Umgebung, in der KI-Agenten, Low-Code-Applikationen und hybride SAP-Systemlandschaften zusammenspielen, und zwar so, dass Fachbereiche Ideen schnell umsetzen, ohne den ERP-Kern zu gefährden.
Wie Low-Code die Bildung digitaler Teams fördert
Die eigentliche Wirkung liegt nicht in der Geschwindigkeit selbst, sondern in dem, was sie auslöst: Fachbereiche beginnen, anders zu denken. Ideen werden nicht mehr vorschnell verworfen. Mitarbeitende entwickeln eigene Use Cases, Teams übernehmen Verantwortung. Vor allem jüngere Mitarbeitende treiben diese Entwicklung aktiv voran. Es entstehen neue, kleine Einheiten – wie Schnellboote, die unabhängig Lösungen entwickeln und rasch Ergebnisse liefern. In dieser Welt verändern sich die Rollen aller Beteiligten: Fachbereiche werden zu Co-Creatoren digitaler Lösungen, IT-Teams werden zu Plattform-Architekten und Innovatoren, KI-Agenten übernehmen repetitive Entwicklungs- und Prozessarbeit. Und im Mittelpunkt steht die Agentic-AI-Plattform, die alles orchestriert.
Clean Core: stabiler Kern, flexible Innovation
Voraussetzung für all das ist ein stabil betriebener, unangetasteter ERP-Kern – oft in Zusammenarbeit mit spezialisierten Partnern für Betrieb, Basis und Infrastruktur. Läuft der Kern stabil, kann Innovation sicher in einer entkoppelten Ebene stattfinden: Individuelle Anforderungen werden außerhalb umgesetzt, Prozesse flexibel orchestriert statt im Core verankert. Die Maxime lautet: Alles, was ein Unternehmen unterscheidet, baut es künftig selbst, damit es in Eigenregie beherrscht werden kann.
Vom Add-on zur echten Alternative?
Spannend ist in diesem Kontext auch der wirtschaftliche Blick. Denn vielleicht geht es schon kurz- oder mittelfristig nicht mehr nur darum, SAP-Erweiterungen zu bauen, sondern um die darüber hinausgehende Frage: Was passiert, wenn bestehende Software komplett ersetzt wird? Hier empfiehlt sich ein disruptiver Ansatz: Standardsoftware wird hinterfragt, ineffiziente Lösungen werden abgelöst, neue Anwendungen entstehen gezielt auf einer Low-Code-Plattform. Ein konkretes Beispiel wäre die Digitalisierung der Produktion bei Fertigungsunternehmen, etwa in der Betriebsdatenerfassung (BDE), der Maschinendatenerfassung (MDE), beim Multimanning oder der digitalen Bereitstellung aller Informationen direkt am Arbeitsplatz. Im Unterschied zu bisherigen Projekten entsteht hier nicht Großprojekt Nr. 37, sondern es geht Schritt für Schritt mit einzelnen Services voran, natürlich immer unter Berücksichtigung von IT-Governance, Cybersecurity und der Integration in hybride Systemlandschaften.
„Einfach machen“ ist das Gebot der Stunde – aber bitte die richtigen Dinge. Denn die größte Herausforderung ist nicht die Umsetzung einer Idee, sondern die Auswahl der richtigen Use Cases. Fakt ist: Digitalisierung im Mittelstand funktioniert mittlerweile anders als gedacht: nicht durch riesige Cloud-Lösungen mit Big-Bang-Transformationen, nicht mit der einen perfekten Standardsoftware. Sondern mit klaren Use Cases, schneller Umsetzung, KI-Agenten, die echte Prozessarbeit übernehmen, und der Bereitschaft, Bestehendes zu hinterfragen. Wer diesen Weg geht, stellt fest: Die Technologie ist längst bereit. Die Frage ist nur, ob das Denken mitkommt.

Christopher Bouveret ist CIO und Mitgründer der Simplifier AG sowie Innovationstreiber im Unternehmen. Seine Vision: eine führende Agentic-AI-Automatisierungsplattform für den industriellen Mittelstand. Als Speaker und Tech-Enthusiast treibt er Digitalisierung auf Basis von KI-Agenten und Low-Code voran und prägt mit seiner Consulting-, Startups- und App-Entwicklungsperspektive sowie Stationen in verschiedenen Unternehmen nachhaltig Produkt, Markt und Wachstum.
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