
Der auslaufende ECC-Support, die SAP S/4HANA-Transformation und der rasante Fortschritt bei KI setzen SAP-Anwenderunternehmen unter Druck. Im Interview spricht Michael Fuchs (Senior Analyst IT-OnlineMagazin) mit SAP-Deutschland-Chef Dirk Häußermann über Innovationszwang, die SAP Business AI, veränderte Implementierungsmodelle durch KI und warum die Cloud aus SAP-Sicht künftig das Mittel der Wahl ist.
„Viele sind in Richtung SAP S/4HANA unterwegs“
Michael Fuchs: Der reguläre ECC-Wartungs-Support läuft Ende 2027 aus, der Umstieg auf SAP S/4HANA ist entsprechend vorprogrammiert. Trotzdem tun sich viele SAP-Kunden damit nach wie vor schwer. Was sind deiner Meinung nach die größten Hürden?
Dirk Häußermann: Zunächst einmal sehe ich in Sachen SAP S/4HANA-Transformation deutlich mehr Bewegung als häufig behauptet wird. Viele Unternehmen sind längst unterwegs. Und das ist auch gut so! Denn die technologische Entwicklung ist so schnell, dass sie sich nur noch über die Cloud abbilden lässt.
Natürlich gibt es Kunden, die für ihre Transformation mehr Zeit benötigen. Um ihnen Planungssicherheit zu bieten, haben wir entsprechende Hebel gestellt: Beispielsweise durch die Verlängerung der Mainstream-Wartung und die Extended Maintenance. Für bestimmte On-Premise-Systeme gibt es sogar Wartungszusagen bis 2040. Der eigentliche Knackpunkt ist aber ein anderer: Wer nicht in die Cloud geht, bleibt in Sachen KI auf der Strecke – und dürfte damit mittelfristig weit größere Probleme haben als auslaufende Wartungen. KI in der Cloud ist der zentrale Motor für geschäftliche Innovationen. Schon deshalb ist Stillstand schlichtweg keine Option.
„Cloud-Transformation erfordert Perspektivwechsel“
Michael Fuchs: Lass mich da nochmals nachhaken. Gerade in Deutschland haben viele Unternehmen über Jahrzehnte in individuelle SAP-Landschaften investiert. Wie nimmt man Entscheider mit, die zwischen Innovationschancen und Investitionsschutz abwägen?
Dirk Häußermann: Wir verstehen uns als langfristiger Partner. Mit Angeboten wie RISE with SAP unterstützen wir Kunden dabei, bestehende On-Premise-Landschaften in die Private Cloud zu überführen und Transformation strukturiert zu starten. Mit GROW with SAP adressieren wir Public-Cloud-Szenarien. Hinzu kommen unterschiedlichste Partnerangebote sowie unsere integrierte Toolchain. Damit verfügen unsere Kunden über umfangreiches Rüstzeug für einen erfolgreichen Cloud-Umstieg.
Fast noch wichtiger ist dabei allerdings der konsequente Perspektivwechsel: Es geht nicht darum, bestehende On-Premise-Prozesse einfach stumpf in die Cloud zu schieben. Es geht darum, Dinge zu überdenken und neu zu gestalten. Prozesse, die gestern gut funktioniert haben, können mit den technischen Möglichkeiten von heute womöglich noch effizienter, transparenter und besser gestaltet werden.
Eine Erkenntnis, die sich meiner Meinung nach auch in der gewandelten Wahrnehmung der Cloud widerspiegelt. Früher galt Cloud als Sicherheitsrisiko. Heute ist sie für viele Unternehmen ein Sicherheitsgewinn. Manche wechseln gerade deshalb in die Cloud, weil sie selbst das notwendige Sicherheitsniveau nicht mehr abbilden können. Cloud ist heute also Innovationsmotor, Agilitätshebel und Sicherheitsgarant zugleich.
„SAP Business AI ist mehr als nur generative KI“
Michael Fuchs: SAP spricht von „Business AI“. Worin unterscheidet sich das von allgemeiner KI?
Dirk Häußermann: Ich erkläre das immer ganz gern anhand eines Beispiels: Frage ich ChatGPT, was das KI-Angebot von SAP ist, bekomme ich eine beeindruckende und durchaus zutreffende Zusammenfassung. Will ich jedoch beispielsweise konkrete Umsatzprognosen oder operative Kennzahlen für SAP wissen, lautet die Antwort: „Ohne Zugriff auf CRM- und Geschäftsdaten nicht möglich“.
Der Unterschied zwischen „normaler“ KI und SAP Business AI liegt also nicht in der Qualität der Antworten – sondern vielmehr im Datenzugriff und Prozesskontext. Während ChatGPT & Co mit frei zugänglichen Daten aus dem Internet arbeiten, integriert SAP Business AI Unternehmensdaten, die im offenen Internet nicht verfügbar sind – und natürlich auch nicht sein sollen.
Ein weiterer Unterschied: Generative KI beantwortet Fragen, Business AI greift in Prozesse ein. Die Lösung ist als integrierter Bestandteil von Geschäftsprozessen konzipiert, die auf unternehmenseigene Daten, Anwendungen und Prozesskontexte zugreift und Anwender innerhalb von End-to-End-Abläufen begleitet. Entscheidungen können damit nicht nur vorbereitet, sondern auch unmittelbar im System umgesetzt werden. Die Grundlage dafür bildet die Datenarchitektur der SAP Business Data Cloud (BDC). Sie führt interne Geschäftsdaten sicher mit externen Informationen zusammen. Erst durch dieses Zusammenspiel aus Applikationen, Datenbasis und KI-Engine kann echter Business-Mehrwert entstehen.
„KI-Tools beschleunigen SAP-Implementierungen“
Michael Fuchs: Welche Rolle spielt KI künftig bei der Implementierung?
Dirk Häußermann: Auch dieses Thema entwickelt sich rasant. Schon jetzt gibt es zahlreiche KI-Tools, mit denen sich Implementierungen praxisnah beschleunigen und standardisieren lassen. Sie werden beispielsweise eingesetzt, um Custom Code, Prozesse und Migrationsaufwände zu analysieren oder Konfigurationen und Best Practices schneller und fundierter umzusetzen. Eine sensationelle Entwicklung!
Trotzdem darf man eins niemals vergessen: KI ergänzt, sie ersetzt nicht. Der Mensch ist und bleibt bei Implementierungen für Governance, Fachwissen und Change-Management unersetzlich. KI kann aber sicherlich helfen, dass unsere Kunden die Transformation schneller bewältigen und entsprechend früher davon profitieren.
„Für SAP-Partner entstehen neue Rollenbilder“
Michael Fuchs: Wie wirkt sich das auf das SAP-Ökosystem aus? Müssen Partner um ihre Existenzberechtigung bangen?
Dirk Häußermann: Im Gegenteil: Wir brauchen unsere Partner mehr denn je. Sie bringen Branchenexpertise, begleiten komplexe Transformationen und ergänzen unser Portfolio durch eigene Lösungen.
Natürlich verändern sich Anforderungen und Rollenbilder auch auf Partnerseite. Doch gerade bei Übergangsmodellen wie Private Edition oder bei Sovereign-Cloud-Szenarien, aber auch in Sachen Sicherheit und Compliance, bringen unsere SAP-Partner tiefgehende Fach- und Branchenkenntnisse mit, die im Markt weiterhin gefragt sind.
Ich gehe davon aus, dass sich unseren Partnern künftig ähnliche Chancen eröffnen wie SAP selbst – vorausgesetzt natürlich, sie bauen Kompetenzen in Data, KI-Technologien und neuen SAP-Lösungen konsequent aus. Auch bei der Entwicklung branchenspezifischer Lösungen sowie Business-AI-Use-Cases zählen wir auf unsere Partner. Es gibt reichlich zu tun. Schon deshalb bleibt das Ökosystem zentral. Gerade im deutschen Markt wird die enge Zusammenarbeit weiter an Bedeutung gewinnen.
Michael Fuchs: Ich danke dir, Dirk, für das spannende und vertrauensvolle Gespräch!
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