Transportabwicklung hier, Lagerverwaltung dort – in vielen SAP-Umgebungen laufen beide Kernprozesse der Logistik bis heute in getrennten Systemen. SAP Advanced Shipping and Receiving (ASR) verzahnt Lager- und Transportprozesse und etabliert sich auch deshalb zunehmend als eines der zentralen Elemente für moderne Logistik in SAP S/4HANA. Was der integrierte Ansatz technisch und prozessual ermöglicht und worauf Unternehmen bei der Migration achten sollten, erläutert Thomas Gelb (SWAN) in seinem Gastbeitrag für das IT-OnlineMagazin.
Integrierte Logistikplattform

In klassischen SAP-Umgebungen liefen Transportabwicklung und Lagerverwaltung in getrennten Systemen: Die Planung und Ausführung der Transporte erfolgte im SAP Transportation Management (TM), während die Bestände im SAP Extended Warehouse Management (EWM) verwaltet wurden. Beide Systeme kommunizierten über redundante Objekte (den Frachtauftrag im TM und die Transporteinheit im EWM), was einen erhöhten Synchronisierungsaufwand bedeutete und Inkonsistenzen verursachen konnte.
Mit Advanced Shipping and Receiving enfällt die Transporteinheit als redundantes Objekt. Der Frachtauftrag wird zum zentralen Element, über das beide Module kommunizieren. Transportplaner und Lagermitarbeiter profitieren von einheitlichen Benutzeroberflächen und direkten Status-Aktualisierungen.
Effizienz und Datenharmonisierung
Ziel dieses Ansatzes ist eine harmonisierte und vereinfachte Integration von Lagerverwaltung und Transportabwicklung mit einem zentralen, applikationsübergreifenden Cockpit, das alle relevanten Vorgänge im Wareneingang und im Versand inklusive des jeweiligen Status zeigt. Die Anwender greifen darüber direkt auf die Belege zu und lösen die zur Abarbeitung erforderlichen Aktionen aus – unabhängig davon, ob es sich dabei um eine EWM- oder eine TM-Funktion handelt. Separate Oberflächen für Transportplaner und Lagermitarbeiter gehören damit der Vergangenheit an.
Erweiterte Kommunikation und Prozessabdeckung
Mit Advanced Shipping and Receiving wurde die Sendung (Consignment) als zusätzliches Geschäftsobjekt eingeführt, das Lieferungen mit identischen Quell- und Ziel-Daten innerhalb eines Frachtauftrags gruppiert und die Kommunikation mit den Geschäftspartnern erleichtern kann. Während der Spediteur weiterhin das Gesamtbild über den Frachtauftrag erhält, sehen Lieferanten und Kunden nur die für sie relevanten Informationen.
Darüber hinaus unterstützt Advanced Shipping and Receiving gemischte Szenarien aus Ein- und Auslagerungen in einem einzigen Transportvorgang: Ein wichtiger Schritt, um reale Logistikprozesse präziser abzubilden. LKWs können dadurch auf einer Route mehrere Stopps anfahren, Waren abladen und neue Waren aufnehmen, um so Transportzeiten und Ressourcen zu sparen.
Cloudstrategie und Lizenzmodell
Während Kunden in der Private Cloud noch zwischen der alten Integration auf Basis der Transporteinheit und der neuen Integration auf Basis von Advanced Shipping and Receiving wählen können, lassen sich Transportabwicklung und Lagerverwaltung in der Public Cloud ausschließlich über ASR integrieren. Unabhängig davon ist ASR die Voraussetzung, um die Module SAP TM Basic und SAP EWM Basic ohne zusätzliche Lizenzkosten eingebettet in SAP S/4HANA zu betreiben. Die bisherige TM-EWM-Integration wird auch zukünftig unterstützt, aber nicht mehr funktional erweitert.
Schrittweise Migration oder Big Bang
SAP unterstützt diesen Weg mit Leitfäden, Best Practices und Testszenarien, um den Einstieg zu erleichtern. Für kleine und mittelständische Unternehmen mit standardisierten Abläufen kann die Einführung dank vordefinierter Templates binnen weniger Wochen erfolgen. Größere Organisationen mit individuellen Erweiterungen sollten mit einem höheren Analyse- und Anpassungsaufwand rechnen.
Beide Integrationsszenarien (Transporteinheit und Advanced Shipping and Receiving) lassen sich parallel betreiben. Kunden haben somit die Möglichkeit, die betroffenen Standorte schrittweise umzustellen, ohne den laufenden Betrieb zu gefährden. Da solche Übergangsszenarien den Wartungsaufwand erhöhen, empfiehlt es sich, einen vollständigen Wechsel frühzeitig zu prüfen.
Reifegrad und Funktionsumfang
In den letzten Jahren hat SAP den Funktionsumfang von ASR kontinuierlich erweitert. Mit SAP S/4HANA Build 2025 wurde eine der letzten großen funktionalen Einschränkungen, das lieferübergreifende Verpacken, beseitigt. Weitere Optimierungen, wie die Vorgabe der Reihenfolge beim Beladen, stehen auf der Roadmap für 2026.
Trotz dieser Fortschritte sind weitere Besonderheiten zu beachten. Wer für Transportabwicklung und Lagerverwaltung ein separates System (Sidecar) nutzt, kann bislang lediglich Outbound-Prozesse abbilden. Eingehende Prozesse werden derzeit nur im zentralen System (Embedded) vollständig unterstützt. Darüber hinaus stehen weitere funktionale Abrundungen, wie die Packstück-Vorplanung, auf der SAP-Agenda.
Umsteigen lohnt sich
Die Einführung von SAP TM lohnt sich sowohl für große Unternehmen mit komplexen Lager- und Transportprozessen, die bereits SAP EWM und SAP TM einsetzen, als auch für kleinere Unternehmen, die bisher andere Lagerlösungen, wie Stock Room Management, Inventory Management oder ein Third-Party WMS, nutzen und die Transporte bisher über SAP LE-TRA oder ein Third-Party TMS abwickeln. Die einheitlichen neuen Benutzeroberflächen und Prozesslogiken erleichtern später den Wechsel auf SAP EWM, da sie von der eingesetzten Lagerlösung unabhängig sind.
Kunden, denen eine manuelle Planung und Überwachung der ein- und ausgehenden Transporte sowie eine einfache Kalkulation und Abrechnung der Frachtkosten genügt, bietet SAP ASR die Möglichkeit, Lager und Transport ohne zusätzliche Lizenzkosten zu integrieren. Optimierer- oder KI-Unterstützung zur Automatisierung der Transportabwicklung können bei Bedarf auch nachträglich noch lizenziert und aktiviert werden.
Zukunftsausblick
SAP Advanced Shipping and Receiving markiert einen strategischen Wendepunkt in der SAP-Logistik. Es eliminiert Redundanzen, harmonisiert Oberflächen wie Prozesse und schafft eine gemeinsame Sicht auf die Aktivitäten in Transportabwicklung und Lagerverwaltung. Seit der Veröffentlichung von SAP S/4HANA Build 2025 ist ASR funktional ausgereift und bereit für den produktiven Einsatz.
Unternehmen sollten rechtzeitig beginnen, ihre System- und Schnittstellenlandschaft zu prüfen, um von einem stabilen, zukunftssicheren System und von einer modernen, effizienten Prozesslandschaft zu profitieren. Vor allem die Kommunikation mit externen Lösungen zur Planung, Ausführung und Überwachung von Transporten (Third-Party TMS) muss bis Ende 2030 umgestellt werden: von den alten Intermediate Documents (IDocs) mit Nachrichtentyp SHPMNT von LE-TRA auf die neuen Webservices von SAP TM.
Der Umstieg bietet die Chance, Transport und Lager in einem einheitlichen digitalen Prozess zusammenzuführen und so die Grundlage für eine smarte und zukunftsfähige Logistik zu schaffen.
Thomas Gelb ist Solution Architect SAP Digital Supply Chain bei SWAN. Seit mehr als 16 Jahren unterstützt er mittelständische Kunden beim Optimieren ihrer Lager- und Transportprozesse. Daher kennt er die Herausforderungen individueller End-to-End-Prozesse. Zudem engagiert er sich in DSAG-Arbeitskreisen, in der SAP-Community und ist dadurch stets über die neuesten Funktionalitäten informiert.
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