Werden hybride SAP-Landschaften von SAP zukünftig ignoriert?

DSAGJK23„Mach dein Problem nicht zu meinem“, so ließe sich der DSAG-Jahreskongress zusammenfassen. Man kann den Eindruck gewinnen, dass SAP und die SAP-Kunden aneinander vorbeireden und in ihren eigenen Welten leben: SAP-Kunden haben ihre ERP-Lösungen On-Premise, im Hosting oder der Private Cloud so weit optimiert, dass der Wechsel in die RISE-Welt der SAP nicht als dringlich empfunden wird.

SAP hingegen muss zum (Public-)Cloud Anbieter werden, um am Kapitalmarkt weiterhin Relevanz zu haben, um wartbar zu bleiben und cloudbasierte Innovationen anbieten zu können. Wer hat eigentlich den größeren Druck und das größere Problem, die SAP-Kunden oder der Hersteller? Und sind generative KI und der SAP-Copilot Joule mögliche Gamechanger und Hustenlöser für die Cloud-Transformation?

Sind hybride SAP-Landschaften nicht mehr relevant?

Wo ist eigentlich der Begriff „hybride SAP-Landschaften“ geblieben? In den vergangenen Jahren wurde von SAP und DSAG eine Koexistenz von Cloud- und On-Premises-ERP als das neue Normale postuliert. In den diesjährigen Keynotes ist „hybrid“ nicht ein einziges Mal gefallen, wenn wir korrekt gezählt haben. Hört man in die SAP-Community hinein, ist dies jedoch das präferierte Modell, realistisch umsetzbar und gelebte Praxis — nach Meinung von vielen noch für mehrere Jahre. Sieht SAP das anders?

Kommt SAP mit Druck bei der Cloud weiter?

Ein CIO eines mittelständischen Maschinenbauunternehmens sagte beim DSAG-Jahreskongress im persönlichen Gespräch sinngemäß: Wir haben die Cloud-Gehirnwäsche der Keynotes hinter uns gebracht – und jetzt machen wir weiter unser Ding, denn das Business entscheidet. Solche oder ähnliche Stimmen hört man vermehrt aus der SAP-Community. SAP-Kunden haben sehr hohe Investitionen getätigt, um ein ERP-System so zu implementieren, anzupassen und zu erweitern, dass es die Business-Anforderungen bestmöglich abbildet.

Sie gehen nicht so schnell mit ihrem ERP in die Cloud, wie SAP sich das wünscht, sofern es für das Business nicht genügend Vorteile bringt. Will man die Geschwindigkeit der Cloud-Transformation erhöhen, bräuchte man Migrationswerkzeuge und mindestens Funktionsgleichheit in der Cloud. Das ist noch nicht überall gegeben, wie die DSAG immer wieder betont.

SAP-Kunden gehen mit Augenmaß in die Cloud

Ein CIO eines SAP-Kunden im Maschinenbau sagte uns sinngemäß: Unsere benötigten Funktionalitäten, beispielsweise im Service, kommen erst 2025 in S/4HANA, gleichzeitig versucht der SAP-Vertrieb uns mit Druck in die Cloud zu drängen. Obwohl der Vertrag mit dem Hosting-Partner noch einige Zeit läuft, versuche SAP den Kunden aus dem Vertrag zu kaufen und ins RISE-Programm zu überführen.

Wir gehen jetzt erstmal mit FICO in Richtung S/4HANA und schauen dann weiter, hat der CIO entschieden. Alle in der SAP-Keynote genannten Innovationen, die zur Cloud-Nutzung motivieren sollen, weil sie nicht für On-Premises Kunden zur Verfügung stehen sollen, träfen zudem auf sein Unternehmen nicht zu: Für das CO2-Reporting brauche er derzeit kein Greenledger der SAP, wie der KI-Hype in messbaren Mehrwerten mündet, werde er erstmal abwarten — und seine eigenen Daten zu Trainingszwecken der SAP-KI bereitzustellen ist für ihn eh undenkbar.

SAP braucht verlässliche Cloud-Strategie

Dass SAP zum Cloud-Anbieter werden muss, um am Kapitalmarkt zu bestehen, um im Wettbewerb um Neukunden zu gewinnen, die weltweit lokalisierten Lösungen wartbar und weiterentwickelbar zu halten und eine Zukunft zu haben, daran besteht kein Zweifel. Es ist eine gewaltige Transformationsaufgabe. Trotzdem verdient SAP gut an den Bestandskunden, wie man seit Jahren in den Bilanzen lesen kann.

SAP-Kunden, die immense Summen in die Entwicklung maßgeschneiderter, ausgereifter Lösungen gesteckt haben, brauchen Migrationswerkzeuge und praktische Hilfe, damit die Transformation von der alten in die neue Welt attraktiver wird. Investitionssicherheit und eine verlässliche SAP-Cloud-Strategie sind Grundvoraussetzungen für den Umstieg. Die rein technologische Diskussion, ob Private Cloud oder Public Cloud mit RISE oder GROW, greift zu kurz. Insbesondere, weil die Mehrheit der Unternehmen keine cloud-first Strategie haben dürfte, wenn wir den Markt richtig beobachten: Je businesskritischer eine Anwendung ist, desto geringer ist aktuell die Cloud-Bereitschaft bei den Bestandskunden. Daher sind hybride SAP-Landschaften noch nicht wegzudenken.

Für kleine und mittelständische, schnell wachsende Unternehmen ist cloud-first derzeit am besten passend. Wer hochindividualisierte, ausgereifte und komplexe Lösungen nutzt, ist von cloud-first und der public cloud oft noch sehr weit weg.

Joule: SAP Business AI soll Cloud schmackhaft machen

Thomas-Saueressig-DSAGJK23Großes Potenzial für die Cloud-Nutzung sieht SAP offenbar in der generativen KI, die in die gesamte Produktpalette integriert werden soll. Ein erstes Beispiel ist der SAP AI Business-Copilot „Joule“, der gestern (einige Tage nach dem DSAG-Jahreskongress) vorgestellt wurde. Er (oder sie oder es?) soll die Art, wie man als Anwender mit Business-Software arbeitet, grundsätzlich verändern — und hat das Potenzial dazu. Er funktioniert wie ChatGPT, aber kann auch die in den SAP-Anwendungen schlummernden Datenschätze und das sicher oft ungenutzte Wissen nutzen.

„Joule“ wird es jedoch nur für die Cloud-Kunden der SAP geben und mit Zusatzgebühren, weil der Copilot laut SAP einen hohen Wertbeitrag leistet. In der intelligenten Kombination und Nutzung von Business Daten und Business Context steckt sicher viel Potenzial. Ob die KI-Möglichkeiten jedoch das Hauptargument für einen Cloud-Umstieg werden, steht in den Sternen — und ob SAP-Kunden die neuen Angebote tatsächlich vermissen, akzeptieren und gewinnbringen nutzen, wird erst die Zukunft zeigen. 130 Use Cases für AI stehen nach Angaben der SAP bereits zur Verfügung.

Insgesamt ist der Nutzungsgrad von SAP-Innovationen im Kundenkreis rückblickend eher schleppend, SAP Fiori wird zehn Jahre nach Veröffentlichung schätzungsweise maximal von rund einem Drittel der Kunden genutzt. Der S/4HANA-Umstieg steht bei sehr vielen Unternehmen immer noch auf der Agenda und braucht viele Ressourcen. Viele gehypte Themen der letzten Jahre sind gänzlich verschwunden. Bleibt der SAP zu wünschen, dass nicht alles nur auf KI gesetzt wird — oder dass diese Wette am Ende aufgeht.

Fazit: An RISE und GROW führt kein Weg vorbei

Die Wahrnehmung am Kapitalmarkt hat für SAP eine existenzielle Bedeutung. Eine eventuelle Übernahme wäre auch für SAP-Anwenderunternehmen ein schwer abzuschätzendes Risiko. SAP tut aber auch gut daran, die Kundenbedürfnisse zu berücksichtigen und diese langfristig und verantwortungsvoll zu befriedigen. Wer früh mit großen Landschaften auf S/4HANA gewechselt ist, reibt sich jetzt möglicherweise verwundert die Augen: Fiel die Wahl auf eine Private Cloud beim Hyperscaler, besteht jetzt die Gefahr, dass man auf dem Abstellgleis steht — obwohl man bereits viel Geld in die SAP-Modernisierung gesteckt hat und objektiv nichts falsch gemacht hat, sondern der SAP-Strategie gefolgt ist.

Christian-Klein-DSAGJK23Christian Klein und Thomas Saueressig waren persönlich in Bremen, suchten den Dialog und hörten aufmerksam zu. Der SAP CEO versprach in seiner Jahreskongress-Keynote zudem, keinen Kunden zurückzulassen. Die SAP-Community wird ihn beim Wort nehmen. Es bleibt zu wünschen, dass das im Ernstfall für die Kunden nicht teuer oder sehr teuer wird.

Wer nicht mittelfristig in die RISE- oder GROW-Pfade einsteigt, dürfte als Kunde irgendwann abgehängt werden. Hybride SAP-Landschaften sind in der Lage das Positive aus beiden Welten zu vereinen — schade, dass sie aus dem allgemeinen Sprachgebrauch gestrichen sind.

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