SAP Application Extension Methodology (SAP AEM)

Timo Rueb Arnd Hoffmann valanticUnternehmen orientieren sich an Best Practices und fokussieren auf Standard-Prozesse, wollen sich aber auch im Wettbewerb differenzieren. Innovative Erweiterungen und individuelle Prozessvarianten, die Wettbewerbsvorteile generieren, sind dabei ein Mittel der Wahl. SAP hat eine Methodologie entwickelt, mit der kundenindividuelle Erweiterungen (Extensions) kompatibel und zukunftssicher vorgenommen werden können.

Für Timo Rüb, Vice President (im Foto rechts), und Arnd Hoffmann, Manager bei valantic (im Foto links), ist die SAP-Methodologie ein echter Geheimtipp, den man kennen sollte. In ihrem Gastbeitrag erläutern sie, warum.

SAP-Erweiterungen zukunftssicher entwickeln 

In Zeiten von SAP ECC gab es nur ein Modell, um Erweiterungen zu implementieren; und zwar auf dem gleichen Stack, auf dem auch die Anwendungen liefen: im ABAP Classic Model. Das Classic Extension Model (auch: Classic ABAP Custom Development) in SAP S/4HANA oder in SAP ECC erlaubt die Nutzung der klassischen Entwicklungswerkzeuge und Technologien wie beispielsweise Transaktion SE80, Eclipse IDE, Badis und bietet leistungsfähige Features und Funktionen.

Es hat jedoch auch einige gravierende Nachteile. Die intensive Nutzung über längere Zeit führt zu schwer wartbaren Systemen. Release-Wechsel und Upgrades werden zu komplexen, zeitintensiven und somit teuren Projekten. Die fehlende klare Schnittstelle zwischen SAP-Code und Erweiterung in diesem Modell gilt als Hauptursache dafür. Das Classic Extension Model ist deshalb für die Zukunft kaum mehr geeignet, im Besonderen trifft das im Cloud-Umfeld zu.

Um sich am Markt zu differenzieren, kommen Unternehmen an Eigenentwicklungen und Extensions in der Regel nicht vorbei. (Quelle: SAP)

Das „Keep the core clean”-Paradigma:
Trennung von Erweiterungen und Kernfunktionalität

SAP hat deshalb das „Keep the core clean“-Paradigma entwickelt, das Erweiterungen konsequent von der Kernfunktionalität der SAP-Anwendung trennt. Durch das Vermeiden von Anpassungen und Erweiterungen im Kern kann das Risiko von Problemen, die bei Systemaktualisierungen, Upgrades und Migrationen auftreten, drastisch reduziert werden.

Zudem ermöglicht „Keep the core clean“ eine einfachere Integration in neue SAP-Technologien und Cloud-Services. Die Erweiterungen greifen auf SAP Business-Objekte nur über definierte Schnittstellen (APIs) zu. Das Modell vermeidet dadurch Probleme in Upgrade-Projekten und ermöglicht eine reibungslose Überführung der Erweiterungen zum Beispiel von SAP S/4HANA on-premise in die SAP S/4HANA Cloud.

 

SAP S/4HANA: Upgrade-stabiles Cloud Extension Model

Auch SAP S/4HANA bleibt dem Paradigma „Keep the core clean“ treu und beinhaltet ein neues Upgrade-stabiles Cloud Extension Model, das auf strikter Abgrenzung des SAP-Codes von der Erweiterung basiert. Ermöglicht wird das durch den verpflichtenden Einsatz öffentlicher SAP APIs und SAP Extension Points. Das Cloud Extension Model gliedert sich in die Bereiche: Key-User Extensibility, Developer Extensibility und Side-by-Side Extensions auf der SAP Business Technology Platform.

 

Die Architektur des SAP Cloud Extension Model im Überblick. (Quelle: SAP)

 

SAP Business Technology Platform (SAP BTP) für Erweiterungen

In Sachen Erweiterungen und Eigenentwicklungen kommt der SAP Business Technology Platform eine besondere Bedeutung zu. Sie bietet neben den Funktionssäulen Extended Planning & Analysis, Data & Analytics, Artificial Intelligence und Integration mit dem Bereich Application Development & Automation eine Plattform (PaaS) für die Entwicklung und den Betrieb von „Side-by-Side“-Erweiterungen.

Dabei gibt die SAP BTP den Software-Entwicklerinnen und -Entwicklern alle notwendigen Services für das Application Lifecycle Management von Anwendungen an die Hand.

Überblick der SAP Business Technology Platform (Quelle: SAP)

 

Programmier-Modelle für Cloud-Anwendungen in SAP BTP

Auf der SAP Business Technology Platform stehen zwei Programmier-Modelle zur Verfügung: das ABAP RESTful Application Programming Model (RAP) und das Cloud Application Programming Model (CAP). Mit beiden Modellen ist die Entwicklung von Cloud-Anwendungen möglich, und beide bieten auf der SAP BTP alle für die Entwicklung und den Betrieb von Cloud-Anwendungen notwendigen Werkzeuge und Umgebungen. Vereinfacht gesagt, unterstützt RAP die klassische ABAP-Welt, ergänzt um Funktionen und Werkzeuge für Cloud-Anwendungen. CAP nutzt Java und JavaScript und unterstützt beziehungsweise beinhaltet Tools und Umgebungen aus der Open-Source-Welt.

 

SAP BTP Environments: Entwicklung und Betrieb von Geschäftsanwendungen

Environments sind der Kern des Platform-as-a-Service-Angebots der SAP Business Technology Platform. (Quelle: SAP)

Das eigentliche Platform-as-a-Service-Angebot der SAP Business Technology Platform stellen Environments dar. Sie ermöglichen die Entwicklung, Verwaltung und den Betrieb von Geschäftsanwendungen. Jedes Environment ist mit den Tools, Technologien und Laufzeitumgebungen ausgestattet, die zur Erstellung von Anwendungen benötigt werden.

Die SAP BTP bietet auch hier mehrere Optionen an: Cloud Foundry, ABAP und Kyma.

 

SAP Extensibility – Entscheidungshilfen für Software-Entwickler

Klar geworden ist: Für die Entwicklung von Erweiterungen für S/4HANA (Cloud oder on-premise) existiert eine Vielzahl von Modellen, Konzepten und Technologien. Es stellt sich somit die Frage, welche Optionen Software-Entwickler und -Architekten für ihren Extension Use Case nutzen sollten, um optimale Ergebnisse zu erzielen.

  • On-Stack vs. Side-by-Side
  • Cloud Foundry vs. ABAP versus Kyma
  • ABAP Cloud vs. Java/JavaScript
  • CAP vs. RAP
  • SAP HANA vs. PostgreSQL
  • Low code/no code vs. pro code
  • Key User vs. Citizen User vs. Developer
Verwirrende Vielfalt: Die SAP Extensibility World bietet eine Reihe von Möglichkeiten, innovative Eigenentwicklungen voranzutreiben. (Quelle: SAP)

 

Wer die Wahl hat, hat bekanntlich die Qual. Wie findet man sich nun zurecht im „Dschungel“ der SAP Extensibility World? Hier kommt die SAP Application Extension Methodology (SAP AEM) ins Spiel.

Wie oben beschrieben, ist Erweiterbarkeit eine wesentliche Fähigkeit, da sie es Kunden und Partnern ermöglicht, Geschäftsprozesse zu differenzieren und Erweiterungsanwendungen auf Basis der bestehenden Standardfunktionalität zu entwickeln. Komplexe Herausforderungen wie Clean Core-, Cloud Readyness- und Future Proof-Konzepte erzwingen die Entwicklung einer maßgeschneiderten Erweiterungsstrategie für die Organisation.

 

Wie hilft die SAP Application Extension Methodology (SAP AEM)?

SAP-AEM
Die SAP Application Extension Methodology hilft Unternehmen dabei, die Vielfalt im Bereich Extensibility in den Griff zu bekommen und optimal einzusetzen. (Quelle: SAP)

An dieser Stelle kann die SAP Application Extension Methodology (SAP AEM) unterstützen und den Weg weisen, indem sie einen strukturierten, Technologie-agnostischen Ansatz für Kunden und Partner anbietet, um eine organisationsbezogene Erweiterungsstrategie zu definieren.

Sie unterstützt Enterprise-Architektinnen und -Architekten dabei, Erweiterungsanwendungsfälle zu bewerten und eine Erweiterungsziel-Lösung auf strukturierte und formalisierte Weise zu definieren. Durch die Anwendung dieser Methodologie erhält man einen Überblick über mögliche technische Erweiterungsbausteine, was bei der Entscheidung für eine zukünftige Erweiterungsarchitektur eine wertvolle Hilfe ist.

 

SAP AEM richtig nutzen

Die SAP AEM besteht aus drei Phasen, die im Folgenden weiter ausgeführt werden.

Phase 1: Bewertung des Erweiterungsanwendungsfalls

Zunächst wird der Erweiterungsanwendungsfall bewertet. In dieser Phase wird die Grundlage für jeden Erweiterungsanwendungsfall basierend auf dem Geschäftskontext und den Anforderungen in einem definierten Bereich beschrieben. Phase 1 dient dem Verständnis des Systemkontextes und unterstützt die Beschreibung der konkreten Erweiterungsanwendungsfälle.

Die SAP AEM stellt Vorlagen bereit für:

  • System Context
  • Business Context & Requirement
  • Extension Application Use Case Description

Phase 2: Bewertung der Erweiterungstechnologie

In dieser Phase werden verschiedene Begriffe und Konzepte eingeführt, wie zum Beispiel:

  • Extension Styles
  • Extension Tasks
  • Extension Domains

Anwenderinnen und Anwender von SAP AEM erhalten einen Überblick über verschiedene Erweiterungstechnologien, die als Technical Extension Building Blocks bezeichnet werden. Diese Building Blocks zusammen mit den Extension Tasks aus Phase 1 helfen dabei, Geschäftsanforderungen in technische Anforderungen zu übersetzen.

Phase 3: Definition der Ziel-Lösung für die Erweiterung

Die drei Phasen der SAP Application Extension Methodology unterstützen dabei, Erweiterungen zukunftssicher und mit größtmöglichem Nutzen durchzuführen. (Quelle: SAP)

Basierend auf den Gesamtanforderungen und der technologischen Zuordnung in der vorherigen Phase entscheidet man sich nun für die Technical Building Blocks, um die Ziel-Lösung zu erstellen. Durch die Nutzung vorhandener Tools und Ressourcen zur Entscheidungsunterstützung wie Whitepapers und die Missions des SAP Discovery Centers kann die Ziel-Lösung weiter optimiert werden.

Am Ende dieser Phase sind Enterprise-Architekten in der Lage, eine Ziel-Lösung zu erstellen (zum Beispiel in Form eines Diagramms), die der Vorbereitung der Implementierung dient.

 

 

Fazit SAP AEM

Die SAP Application Extension Methodology ist innerhalb der SAP-Community – sowohl bei den Kunden als auch bei den Partnern – noch nicht umfänglich bekannt und kommt eher selten zur Anwendung.

Dabei bietet sie eine einfache, strukturierte und Template-unterstützte Methodik, die beschriebene Vielfalt im Bereich Extensibility in den Griff zu bekommen und eine passende, zukunftssichere Erweiterungsstrategie zu entwickeln.

 

Weiterführende Informationen:

Expert Talk am 27.06.2023 :
SAP Side-by-Side Extensions mit der SAP BTP

Autoren:

Timo Rüb ist Vice President bei valantic und Experte für die SAP Business Technology Platform. Er besitzt mehr als 20 Jahre Erfahrung als SAP Consultant; seit 2016 begleitet und leitet er Projekte mit der SAP BTP.

Arnd Hoffmann ist Manager bei valantic. Er arbeitet seit über 30 Jahren in der IT, einen Großteil davon innerhalb des SAP Ökosystems. Seit mehreren Jahren beschäftigt er sich mit Themen rund um die SAP Business Technology Platform.

 

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