Verändern oder verändert werden: SAP-Kunden im Umbruch?

Wer sich mit Innovationen beschäftigen möchte, hat die freie Auswahl zwischen Digitalisierung, Internet of Things (IoT), Industrie 4.0, Machine Learning, Künstlicher Intelligenz (KI), Intelligent Enterprise, Experience Management, Kundenzentrierung und anderen Hype-Themen, die aktuell diskutiert werden.

Von Dr. Holger von Daniels, Geschäftsführer von valantic, wollte ich wissen, welche Trendthemen welche Wichtigkeit haben, wie innovativ SAP-Anwenderunternehmen sind und wie er innovationsfreudige Unternehmen unterstützen will.

 

Herr von Daniels, welche digitalen Trendthemen mit den größten Innovationspotenzialen sollte man kennen?

valantic Dr. Holger von Daniels
Dr. Holger von Daniels, CEO und Partner von valantic (Quelle: valantic)

Dr. Holger von Daniels: Es gibt einige Themen, die ich unglaublich spannend finde und mit denen ich mich, wie wahrscheinlich die meisten, aus Interesse beschäftige. Unter anderem halte ich mich über die Themen Cyber Security sowie die Entwicklung von 5G und dem autonomen Fahren auf dem Laufenden. Aus meiner Sicht sind dies Themen, die potenziell gigantische Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben können.

Security ist da fast schon ein alter Hut, muss aber mittels KI und Machine Learning genauso aufrüsten wie die Cyberkriminellen, die diese Potenziale längst erkannt haben und für ihre Attacken immer mehr nutzen. 5G findet aktuell zunehmend im B2B-Bereich Einsatz. Einige deutsche Konzerne wie die großen Automobilbauer, BASF, Bosch, Siemens und Fraport, haben schon öffentlich über den Aufbau eigener Campus-Netze auf Basis der 5G-Technologie nachgedacht. Sehr viel Potenzial birgt 5G auch für die industrielle IoT-Nutzung. Allerdings müssen die 5G-Module dafür noch kräftig im Preis sinken. Auch das aktuelle Vergabeverfahren der 5G-Frequenzen dämmt die Investitionswilligkeit der großen Mobilfunkanbieter ein, die eigentlich dafür sorgen könnten, dass wir auch in Deutschland schnell eine großflächige 5G-Abdeckung bekommen.

Das derzeit viel diskutierte autonome Fahren über ein flächendeckendes 5G-Netz wird meines Erachtens auch in fünf Jahren noch nicht realisiert sein – zumindest nicht in einem großen Flächenland wie Deutschland.

Das sind die Themen, die man auf dem Schirm haben sollte.

Wenn wir mit unseren Kunden sprechen, haben darüber hinaus auch andere Themen Relevanz. Fokusthemen unserer Kunden dürfen nicht nur „innovativ“, sondern müssen vor allem realisierbar sein und einen tatsächlichen Mehrwert bringen – natürlich spielt da auch immer die Wirtschaftlichkeit eine Rolle. Wir blicken dabei mit unseren Kunden immer auf vier Bereiche:

  1. Automatisierung der horizontalen und vertikalen Wertschöpfungsketten
  2. Verbesserung der Customer Journey und Experience
  3. Automatisierung der innerbetrieblichen Supportfunktionen
  4. Bereitstellung von digitalen Arbeitsplätzen

 

Was davon sollte man kurzfristig, was eher langfristig angehen, wo wartet man besser noch?

Mir ist aufgefallen, dass die ‚IT-Trend Themen‘, die uns im Studium vor 20 Jahren von innovativen Professoren vorgestellt wurden, zum großen Teil erst heute Wirklichkeit werden. Auch wenn sich der Innovationszyklus immer weiter verkürzt, werden aus meiner Sicht viele heute heiß gekochte Themen noch Jahre brauchen, bis sie im Mainstream ankommen.

Cybersecurity ist aber zu Recht ein Dauerbrenner und jedes Unternehmen sollte sich darum bemühen hier stets ‚up-to-date‘ zu sein. Die Investitionsbereitschaft ist allerdings oft noch erschreckend niedrig.

Andere spannend klingende Themen, die zum Träumen anregen und die ich vorhin als „innovativ“ bezeichnet habe, werden in den allermeisten Fällen noch einige Jahre benötigen, ehe sie eine wirkliche Relevanz für Unternehmen haben. 5G, zum Beispiel, ist zwar sehr öffentlichkeitswirksam, wird aber für das Gros der Unternehmen und Otto-Normal-Verbraucher in Deutschland eher mittelfristig ein Thema sein.

Leider blicken auch viele SAP-Kunden ähnlich auf die Umstellung ihrer ERP-Systeme hin zur Business Suite S/4HANA. Vor allem im Mittelstand erleben wir dahingehend noch ein sehr zögerliches Verhalten. Ich halte das jedoch für falsch. Denn SAP hat zwar angekündigt, den Support für das Standard-ERP-System noch bis 2027 / 2030 zu leisten. Aber was sind im Bereich der Unternehmenssoftware schon fünf, sieben oder zehn Jahre? Abgesehen davon eröffnet SAP S/4HANA mit der eingebauten In-Memory-Technologie so viele neue Möglichkeiten, dass es bald heißen wird: ‚Wer S/4HANA hat, hat einen Wettbewerbsvorteil‘. Und der Wettbewerb schläft nicht.

Darüber hinaus können es sich viele Unternehmen nicht leisten, bei ihren zwei Haupterfolgsfaktoren – den Kunden und Mitarbeitern – die Digitalisierung zu verschlafen. Ein einfacher E-Commerce Shop imponiert den Kunden genauso wenig wie ein Kicker-Tisch und ein höhenverstellbarer Schreibtisch den Talenten im Unternehmen. Automatisch individualisierte Customer Experience, Workplace of the Future oder holokratische Organisationsformen sind Themen, mit denen wir und unsere Kunden sich intensiv beschäftigen.

Es reicht aber nicht, nur den kreativsten Ansatz oder die neueste Technologie einzusetzen. Auch die Unternehmenskultur muss sich ändern. Change-Management ist dabei seit Jahrzehnten ein Schlagwort, das zudem im Rahmen der Digitalisierung nicht an Bedeutung verliert – für das zum Teil nur neuere, schönere Wörter benutzt werden.

 

Wer sind die Vordenker in den Unternehmen, wer treibt Innovationen?

Die Frage ist heute gar nicht mehr so einfach zu beantworten. Früher gingen Innovationen in den Unternehmen ganz klar von oben aus, sprich von den IT-Abteilungen, von einem CTO genannten Technologiechef oder von einer Geschäftsführung mit Visionen. Zum Teil ist das natürlich immer noch so. Aber heute haben die einzelnen Fachressorts mehr und mehr das Sagen. Und so hat sich die Schatten-IT praktisch zum Mainstream entwickelt.

Das Innovationspotenzial der Fachabteilungen ist mitunter enorm und sollte gezielt genutzt werden. Es ist gut, wenn die Potenziale, gerne auch abteilungsübergreifend in Kanban-, Scrum- oder anderen agilen modernen Sessions, gemeinsam herausgearbeitet werden. Es braucht eine Person, die auf die Einhaltung von Rahmenbedingungen achtet und es braucht eine Treiberfunktion – einen Digital Leader, möglichst dicht beim CEO. Aber es braucht eben nicht mehr eine einzige Person, die versucht, alles zu bestimmen und zu lenken. Der Patriarch der alten Zeiten hat ausgedient.

 

Welche Rolle spielen die IT-Abteilungen?

Früher, vor 20, 30 Jahren, wurden wir (ich zähle mich zur Hälfte auch noch dazu), die IT‘ler, oft als Kellerasseln bezeichnet, weil sie dicht an den Servern im Untergeschoss ihr Quartier hatten. Das Bild hat sich bei älteren Angestellten teilweise bis heute noch gehalten, zumal sie mit Kollegen von der IT meist nur in Berührung kommen, wenn sie ihre Hilfe brauchen oder eine neue Software ausgerollt wird.

Dann kam um das Jahr 2000 für den CIO der Aufstieg bis in den Vorstand. Da sitzen sie noch heute, aber die IT-Abteilung an sich hat im Zuge der besagten Demokratisierung und zunehmenden Schatten-IT wieder an Einfluss verloren. Dabei ist sie heute wichtiger denn je, wenn sie umorganisiert und richtig eingesetzt wird. Man denke nur an die wachsenden Risiken durch Cyberangriffe. Ohne sie wird es auch schwierig, die vielen Aufgaben zu bewältigen.

Digitalisierung, der Einzug von IoT und KI und viele andere Projekte müssen zum Teil zentral gesteuert werden (das widerspricht übrigens nicht meiner Forderung nach Stärkung des Innovationswesens in den Fachabteilungen) und erfordern ein Know-how, das in IT-fremden Ressorts nur selten zu finden ist.

Allerdings ist es um das Image der IT-Abteilungen nach wie vor nicht so gut bestellt. Viele sehen die Kollegen von der IT — laut einer techconsult-Studie zur Automatisierung — weit weg von Innovationen. Damit die Unternehmen bei der nötigen digitalen Transformation nicht abgehängt werden, sollten sie aber dafür Sorge tragen, dass die IT-Abteilungen zum Drehpunkt der Innovation und des Business-Development werden. Das bedeutet aber eben Reorganisation, sowohl bei den Skills auch bei den Verantwortlichkeiten in den IT-Abteilungen. Sie müssten einen wesentlichen Teil ihrer Aufgabe in der Digitalisierung, nicht im Support sehen.

 

Für wie innovativ halten Sie die SAP-Anwenderunternehmen?

Wenn man sich die DSAG als Interessensvertretung der deutschen SAP-Anwenderunternehmen anschaut, gibt es dort sehr viel Innovation. Wie ich aber schon gesagt habe, sind viele Unternehmen noch zögerlich, was die Einführung von SAP HANA und S/4HANA und vielen weiteren Technologien angeht. Da muss sich noch viel tun. Es gibt Unternehmen, die arbeiten noch mit Großrechnern und von SAP dafür entwickelten ERP-Lösungen aus der R/2-Generation vor 30 Jahren, weil sie damals viel Geld da hineingesteckt haben. Sie haben Angst, dass bei einem Systemwechsel bei ihnen gar nichts mehr läuft.

Andererseits erleben wir in der mittelständischen Industrie, im Handel und in der Logistik teilweise aber auch schon sehr viel Innovationsgeist und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle.

 

Werden die Unternehmen verändert … oder verändern sie sich freiwillig?

Teils, teils. Einerseits wächst der Digitalisierungsdruck, weil Konkurrenzunternehmen mitunter schneller sind, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln oder ihre Prozesse zu automatisieren. Andererseits gibt es im Vorfeld der Digitalisierung aber auch viele gute Ideen, die es umzusetzen gilt.

Innerer Antrieb ist oft auch eine bessere Beziehung zu den Kunden, die egal, ob im B2B- oder B2C-Umfeld, anders bedient werden wollen – und dank neuer Technologie auch anders bedient werden können.  Sprich, es geht darum, den Kunden Erlebniswelten zu bieten, statt sie nur auf irgendeine Webseite zu ziehen. Da tut sich derzeit sehr viel.

Viele der Unternehmen beginnen auch, die Einsatz- und Einsparmöglichkeiten der Automatisierung, von IT und KI zu begreifen und gehen die Themen daher intrinsisch an.

 

In einem Stimmungsbarometer fragten wir vor einem Jahr die SAP-Community, woran bei ihnen Innovationen scheitern. Mehr als 40 Prozent antworteten: „An fehlender Leadership“.

Wie helfen Sie als valantic innovationswilligen Unternehmen?

Neben einem wachsenden Portfolio an Technologien, Produkten und Services rund um Big Data Analytics, KI, Customer Experience, Supply Chain und Logistik, Governance und Compliance sowie Software und IT-Infrastruktur bieten wir auch ganzheitliche Beratungsdienste und Workshops an. Ziel dieser Workshops ist es, Fach- und Führungskräfte zu echten Digital Leaders zu machen.

Oft kommt dem Change-Management bei der Umsetzung die größte Bedeutung zu. Denn keine Digitalisierung oder Innovation gibt es ohne den Willen und die Fähigkeit, den Wandel anzunehmen und zu beschreiten.

 

Mit Blick auf das Beispiel S/4HANA-Migrationsstrategien der SAP-Kunden: Den Status Quo halten (Brownfield) scheint für viele Unternehmen sicherer zu sein, als neue Wege zu gehen (Greenfield).

Was empfehlen Sie Verantwortlichen in IT- und Fachabteilungen? 

Es gibt eine Reihe von Unternehmen, die noch unentschlossen sind oder mit dem sogenannten Bluefield-Ansatz das Beste aus beiden Welten vereinen wollen, wie es sich manche Anbieter auf die Fahne schreiben. Einen Standard-Rat kann und will ich nicht geben, denn das kommt immer auf die jeweiligen Anforderungen und Befindlichkeiten an.

Auf der ‚grünen Wiese‘ lässt sich natürlich viel schneller Innovation vorantreiben, weil man sich leicht von altem Ballast befreien kann. Der Nachteil ist aber eine deutlich längere Projektlaufzeit, zumal damit in der Regel auch organisatorische und strukturelle Veränderungen nötig sind. Unternehmen, die sich für SAP S/4HANA als Cloud-Lösung entscheiden, kommen gar nicht um eine Greenfield-Neuimplementierung herum.

Beim Brownfield-Ansatz werden alle Unternehmensprozesse hin zu SAP S/4HANA übertragen und nur hier und da angepasst. Entsprechend gering sind die Risiken und der Änderungsbedarf. Die Systemkomplexität bleibt aber, außerdem lässt sich so nicht das ganze Potenzial von SAP HANA und SAP S/4HANA ausschöpfen. Man denke nur an den Echtzeitzugriff über die Cloud.

Wir haben einen agilen Ansatz entwickelt, die valantic Project Simplification, mit dem sich Projekte deutlich schlanker und effizienter umsetzen lassen: Bereits vor der Realisierungsphase identifizieren wir die relevanten End-to-End-Prozesse direkt im SAP S/4HANA-System. Mit unserer Projektmethodik erfolgt der erste Produktivstart nach Realisierung der Kernprozesse.

 

Wobei und wann sind Sie persönlich das letzte Mal gescheitert?

Eine schwierige Frage, weil das Wort „Scheitern“ zumindest im Deutschen sehr negativ klingt. Wir hatten uns für 2019 im Management sechs übergeordnete Ziele gesetzt, die wir alle erreicht haben. Und Sie kennen ja unser extrem starkes Wachstum in den letzten Jahren, insofern ist uns schon einiges gut gelungen. Auf dem Weg dorthin gab es aber natürlich verschiedene Rückschläge. Ich versuche diese Rückschläge immer als Chance zu begreifen: Hier können wir besser werden – und zwar besser als unser Wettbewerb. Das ist auch ganz klar unser Ehrgeiz.

Aber wenn Sie meine Tochter fragen, wie es war, als ich ihr heute Morgen versucht habe zu erklären, was der Unterschied zwischen einem Land, einem Bundesland, einer Stadt und einer Gemeinde ist, wird sie mir wahrscheinlich kein gutes Zeugnis ausstellen.

 

Was wird für Sie in den kommenden 12 Monaten das dominierende Thema in der SAP-Community?

Mit einem Thema allein ist es nicht getan. Ich denke, übergeordnet stehen digitale Geschäftsprozesse und natürlich die S/4 Migration an oberster Stelle. An neuen Technologien wird sicherlich die kommerzielle Nutzung von KI, Machine Learning und dem Internet der Dinge weiter vorangetrieben werden. Zudem gehe ich davon aus, dass Kunden viel im Bereich Customer Experience investieren werden.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Helge Sanden, Chefredakteur des IT-Onlinemagazins.

 

Wer weitere Impulse von Experten für digitale Trends direkt aus der Praxis möchte, ist herzlich eingeladen zu den valantic visiondays (25.-26.03. in Hamburg).

Das IT-Onlinemagazin ist Medienpartner der valantic visiondays 2020.

 

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