Wer am Markt dauerhaft bestehen will, muss flexibel sein und neue Ideen schnell und effizient umsetzen können. Die Cloud-Computing-Plattform Microsoft Azure stellt SAP-Anwendern neue Services zur Verfügung. So können Innovationsvorhaben beschleunigt und Prozesse der Microsoft- und SAP-Welt integriert werden.
Ich wollte von Robert Müller, Head of Cloud Managed Services und Mitglied der Geschäftsführung bei der Scheer GmbH, wissen, warum er im „Blech“ keine Innovationspotenziale mehr sieht und welche Beweggründe und Argumente SAP-Anwenderunternehmen für den Azure-Einsatz haben.
Warum hat sich die Scheer GmbH strategisch für die Microsoft Azure Plattform entschieden?
Robert Müller: Seit über 20 Jahren bieten wir Kunden zertifizierte SAP Managed Services Dienstleistungen im Rahmen eines Hostings in unseren eigenen Rechenzentren, den Remotebetrieb und der Applikationsbetreuung inklusive der Software Wartung ihrer SAP-Systeme an. Wir haben gesehen, dass immer mehr Kunden ihre Geschäftsmodelle massiv verändern und damit auch ihre IT-Strategie anpasst werden muss.
Durch die gestiegene Komplexität von Prozessen, dem Bedarf an immer mehr Leistung sowie Speicherkapazität und neuer kürzerer Innovationszyklen in Cloud-Software müssen wir als Dienstleister unseren Kunden ein neues Portfolio anbieten. Wir haben zwischen unterschiedlichen internationalen und nationalen Cloud Anbietern abgewogen und uns schlussendlich für das Microsoft-Portfolio entschieden.
Ausschlaggebend war, dass Microsoft Azure das umfassendste Angebot für die unterschiedlichen Herausforderungen und Anforderungen unserer Kunden bietet. Durch die Kooperation mit Microsoft bieten wir unseren Kunden nicht nur ein flexibles und hochskalierbares Hosting der SAP-Systeme an, sondern reduzieren auch die Betriebskosten und integrieren Microsoft PaaS und SaaS Services in ihre SAP-Landschaft.
Unter anderem nutzen wir Power BI mit unserer eigenen KI-Lösung auf Scheer PAS Basis zur Anomalie-Erkennung in Buchungsbelegen im O2C und P2P Prozess. Durch die Nutzung der beiden Hersteller SAP und Microsoft mit der SAP Cloud Plattform, der Microsoft Azure Cloud und dem angebundenen Ökosystem von Drittherstellern ergibt sich ein technologisches Spielfeld, das praktisch jede Herausforderung lösen kann.
… und was bieten Sie Ihren Kunden an?
Auf der Azure Plattform bieten wir Kunden nahezu das gesamte Produktportfolio an. Abgerundet wird das Angebot durch ein Cloud-Advisory mit unseren Spezialisten aus der Betriebswirtschaft und IT, die mit unseren Kunden die Transformation in die Cloud vornehmen und sie als Trusted Advisor begleiten.
Sehen Sie keine Innovationspotenziale mehr im „Blech“, das bei vielen SAP-Kunden im Keller steht?
Ich bin der festen Überzeugung, dass Hardware und IT-Infrastruktur nur Mittel zum Zweck sein können und müssen. IT muss sicher und stabil laufen, jedoch findet wahre Innovation nur in den Geschäftsprozessen statt. Diese werden nun mal in Software ausgeführt, welche dann in den Rechenzentren und auf Servern läuft. Software kann sich deutlich schneller verändern und an die externen Anforderungen anpassen. Die darunterliegende IT-Infrastruktur muss diesen Zyklus mitmachen können. Wir sehen leider allzu oft, wie Kunden durch eine unflexible und nicht skalierbare IT-Infrastruktur ihre Projektziele nicht oder nur deutlich verzögert erreichen, die Kosten explodieren und das notwendige Personal ausbleibt.
Dabei gibt es IaaS-Cloud-Services schon mehrere Jahre und viele Kunden setzen sie gewinnbringend ein. Wichtig ist jedoch, sich nicht nur auf IaaS zu konzentrieren, sondern in Richtung Plattformen und Software zu denken. Ansonsten würde man lediglich das eine (Rechenzentrum) durch das andere, gleichwertige (Cloud) ersetzen – und erreicht den notwendigen Effekt nicht.
Starke Partner wie Microsoft und SAP mit einem noch stärkeren Ökosystem bieten hier die notwendige Plattform, um zu wachsen und sich flexibel zu verändern. Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, auf externe unvorhersehbare Faktoren schnell zu regieren. In den ersten Wochen wurden weltweit so viele Microsoft Teams und M365 Installationen ausgerollt wie noch nie zuvor. Und wir sehen jetzt bereits eine zweite Welle „Remote Everything“, mit beispielsweise Windows Virtual Desktop.
Eine ausschließliche Cloud-Only-Strategie wird jedoch nicht für alle Anwendungsfälle funktionieren. Es ist somit wichtig, den Hybriden- und Multi-Cloud-Ansatz zu fahren und diese Services richtig zu orchestrieren, zu integrieren und zu steuern. Dies erfordert eine starke und strikte Governance, eine Fokussierung auf „was mache ich in welcher Cloud“ und einen gewissen Grad an Standardisierung.
Als IT-Verantwortlicher kann man zwischen einigen Cloud-Plattformen wählen. Warum sollte man über „SAP und Azure“ nachdenken?
Die meisten unserer Kunden haben SAP und Microsoft im Einsatz. Dadurch sind die Dienste, Ansprechpartner sowie das Preismodell bekannt und die Kunden vertrauen dem Hersteller bereits. Dies wurde durch die Embrace-Initiative der beiden Unternehmen untermauert und durch die Entscheidung für SAP und Azure wird hier auch ein gewisser Schutz der Investition gewährleistet.
Jeder der großen Hyperscale-Cloud-Anbieter hat seine Stärken und Schwächen. Schaut man sich nur den IaaS-Layer an, sind die wichtigsten Anbieter vom Preis und der Leistung nahezu vergleichbar. Der eigentliche Unterschied liegt im PaaS/SaaS- sowie dem Compliance- und Zertifizierungsangebot. Hier hat Microsoft ganz klar die Nase vorne und bietet die meisten Services für Unternehmen an.
Welche Hauptargumente, Beweggründe und Entscheidungskriterien beobachten Sie, wenn sich Ihre Kunden für Azure und SAP entscheiden?
Ein Hauptargument ist sicherlich die Flexibilität und Skalierbarkeit. Im klassischen Rechenzentrum stoßen immer mehr Kunden an unüberwindbare Grenzen. Je nach Vorhaben sind massive Investitionen notwendig, um die nächste Innovation in der IT zu realisieren. Dies bindet im schlechtesten Fall IT-Mitarbeiter über Monate hinweg an IT-Projekte. Aufgrund dieser fehlenden Ressourcen wird das Unternehmen gegebenenfalls daran gehindert, ein neues Produkt oder einen neuen Service einzuführen.
Viele Kunden überzeugt auch die bedarfsgerechte Angebotspalette, denn Microsoft Azure ermöglicht individualisierte Software- und Preisoptionen. Pay-As-You-Go, also die nutzungsbasierte Bezahlung, macht Microsoft Azure für viele Unternehmen attraktiv. Überzeugend sind zudem die Leistung, Flexibilität und Geschwindigkeit der Services sowie die Interoperabilität zwischen der SAP- und Microsoft-Welt.
Weitere wichtige Argumente sind Kundenreferenzen, Projekterfahrung und eine entsprechende Branchen- und Compliance-Expertise. Jede Branche hat ihre Regularien und die Kunden möchten meistens nicht der „First Mover“ sein. Wobei wir auch hier bereits positive Erfahrungen gemacht haben, als Kunden mit sehr individuellen und spezifischen Anfragen auf uns zukamen, die vorher noch nie jemand realisiert hatte. Selbst diese ‚exotischen‘ Anfragen konnten wir mit der Microsoft Azure Plattform alle erfolgreich und effektiv umsetzen.
Cloud-Kritiker befürchten schwindenden Einfluss im Unternehmen, wenn sie nicht mehr den SAP-Betrieb organisieren. Bewahrheitet sich das in der Praxis? Was beobachten Sie?
Wir beobachten, dass sich die Kritik in Chancen und Akzeptanz wandelt. Wir erhalten sehr viele Anfragen nach einem Shared-Betriebsmodell, bei dem wir mit dem Kunden gemeinsam den Betrieb organisieren. Meistens sind unsere zertifizierten Berater für Management, Security, Compliance und den stabilen Betrieb im Hintergrund verantwortlich. Der Kunde hingegen setzt seine IT-Ressourcen effektiver in höheren IT-Schichten und IT-Projekten ein. Dadurch erreichen wir gemeinsam mehr und beschleunigen IT-Projekte deutlich.
Wer die Chancen erkennt, positioniert sich als Cloud-Center-of-Excellence (CCoE) und orchestriert und managed die Hybride-Multi-Cloud der Zukunft. Diese Ressourcen und Skills sind sehr rar und heiß begehrt.
Was sind die wichtigsten Fragen, die sich ein CIO in Bezug auf die zukünftige SAP-Strategie stellen sollte?
Wenn wir mit CIO über ihre SAP IT-Architektur und Strategie sprechen, stellen wir auch immer die Frage: „Was kann standardisiert werden und was muss individuell sein?“ Dadurch ergibt sich bereits eine grobe Richtung. Das Individuelle muss zwangsläufig in einem S/4HANA on-premises idealerweise auf der Azure Plattform in einem Hosting laufen, angereichert durch Plattformen wie der SCP oder einer Low-Code-Plattform wie Scheer PAS. Man hat dann einen stabilen Kern, der an das eigene Geschäftsmodell angepasst ist. Standardisierung kann dann wiederum in SaaS-Angeboten, wie der S/4HANA Cloud oder den C/4HANA-Angeboten, angereichert durch Microsoft PaaS und SaaS Services, erreicht werden.
CIO sollten den hybriden Multi-Cloud-Ansatz nicht scheuen und sich über einen starken Integrationslayer Gedanken machen, der die unterschiedlichen Prozesse und Daten harmonisiert und integriert. Ein „one-system-fits-all“ Ansatz, wie damals mit SAP R/3, wird es meiner Meinung nach in Zukunft nicht mehr geben. Dazu ist die Welt zu komplex, die Funktionalität der Systeme zu umfangreich und die Innovationszyklen zu schnell geworden.
Entscheidend ist eine ganzheitliche Betrachtung: Eine Digitalisierungsstrategie ist nur dann erfolgreich, wenn alle Perspektiven der Veränderung aufeinander abgestimmt werden.
Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Helge Sanden, Chefredakteur des IT-Onlinemagazins.
Dieses Thema wird bei der IT-Onlinekonferenz „SAP und Azure“ am 1. Oktober 2020 vertieft: Robert Müller erläutert uns, warum er im „Blech“ keine Innovation mehr für das eigene Unternehmen und seine Kunden gesehen hat, und welche Beweggründe und Argumente SAP-Anwenderunternehmen für den Azure-Einsatz haben.
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