Wie digitalisiert man die Supply Chain mit S/4HANA?

Für Produktionsunternehmen sind hohe Transparenz, Flexibilität und schnelle Reaktionsfähigkeit notwendige Voraussetzungen, um kurze Produktlebenszyklen, werksübergreifende Produktions- und Lieferantenverknüpfungen sowie die Kundenerwartungen zu erfüllen.

Von Ralf Bernhard und Wolfgang Unkauf, beide Geschäftsführer beim SAP-Partner CONSILIO, wollte ich wissen, wie man die Supply Chain weiter digitalisieren kann, an welchen Stellen S/4HANA für Produktionsunternehmen Verbesserungen bringt und und wie der Umstieg auf HANA- und S/4HANA abläuft.

Die beiden SCM-Insider sind Gäste in einem Expert-Talk zur Onlinekonferenz „Ihr Weg nach SAP S/4HANA“ und berichten dort ausführlich über dieses Themengebiet, typische SCM-Anwendungsszenarien und aus abgeschlossenen S/4HANA-Migrationen.

Für den Expert-Talk registrieren … (10:00 Uhr | 01.02.19 – oder später Aufzeichnung ansehen) 

 

Herr Bernhard, welche Herausforderungen haben Produktionsunternehmen beim weiteren Ausbau ihrer digitalen Supply Chain?

Rals Bernhard CONSILIORalf Bernhard: „Digitale Supply Chain“ bedeutet, sämtliche Prozesse vor und nach der Produktion miteinander zu harmonisieren. Das verändert die Zusammenarbeit, da Lieferanten, Logistikdienstleister und Kunden in die Wertschöpfungsprozesse integriert sein müssen.

Unternehmen der Fertigungsindustrie stehen vor der Herausforderung, schneller und agiler auf Kundenanforderungen zu reagieren. Auch wenn die Losgröße 1 im Rahmen von Industrie 4.0 noch ein längerfristiges Ziel bleibt, wird die Fertigung immer variantenreicher. Wer wettbewerbsfähig bleiben möchte, braucht einen hohen Grad an Automatisierung und leistungsfähige Programme auf Planungs- und Maschinenebene ebenso, wie flexibel und kurzfristig zur Verfügung stehende Komponenten.

Die Integration der Supply Chain in die eigene Wertschöpfungskette ist unumgänglich. Aktuelle Technologien versprechen hier neue Chancen und Synergien für die Wertschöpfung, den Informationsfluss und die Zusammenarbeit aller Teilnehmer der Lieferkette.

 

Welche Vorteile haben Unternehmen, wenn sie S/4HANA einsetzen?

Ralf Bernhard: Mit ihrer effizienteren Performance und der gesteigerten Geschwindigkeit schafft die In-Memory-Datenbank SAP HANA wichtige Voraussetzungen, um den wachsenden Anforderungen der Digitalisierung zu begegnen.

Neben der Kapazitätsplanung bietet S/4HANA weitere Funktionen, die zuvor nur in einem eigenen SCM-System zur Verfügung standen, wie z. B. Plantafeln, ein Alert Monitoring und die Kontextübersicht, welche die Bedarfs- und Kapazitätssituation über alle Stücklistenstufen hinweg darstellen. Neben den zusätzlichen Funktionen profitiert der Anwender von einer verbesserten Usability, so können einige der Tools mit der neuen UI5- oder Fiori-Oberfläche genutzt und mobil als Apps verwendet werden.

Mit dem auf S/4 HANA-Technologie basierenden Materialplanungslauf MRP Live, lassen sich wesentlich schneller Ergebnisse erzielen. Da der auf HANA basierende MRP mit dem PP/DS-Modul kombinierbar ist, lässt sich sowohl eine Planung der Bedarfssituation, als auch eine hinsichtlich Kapazitäten durchführen. Mit MRP Live kann die Planung in einem System statt wie bisher in mehreren erfolgen. Deswegen wird dieses Modul auch One MRP genannt. Der MRP Live bietet zum Beispiel die Möglichkeit, Fertigerzeugnisse über PP/DS Heuristiken zu planen, Rohteile aber über den MRP.

 

Wie ist die erweiterte Planung mit SAP PP/DS in die S/4HANA Plattform integriert?

Ralf Bernhard: Seit kurzem sind die erweiterte Produktionsplanung (PP) und die Feinplanung (DS) auf der SAP HANA Plattform in das ERP integriert. Das Material Resource Planning (MRP) wird direkt über die erweiterten Planungsalgorithmen des PP-Teils ausgeführt und kann pro Material und Arbeitsplatz aktiviert werden.

Der DS-Teil übernimmt währenddessen im Rahmen der S/4HANA-Architektur Funktionen der Automatisierung und kommuniziert mit der PP-MES Schnittstelle und dem SAP Material Execution (ME) auf Shop-Floor Ebene. Die Feinplanung reagiert somit auch auf Änderungen in der Maschinensteuerungsebene.

 

Herr Unkauf, an welchen Stellen hilft dabei die SAP-Technologie?

Wolfgang Unkauf: Um die ständig steigenden Datenmengen verarbeiten zu können, ist es für Unternehmen unerlässlich, hoch performante Analysen und Auswertungen durchzuführen. Diese generieren verwertbare Informationen, welche wiederum die Effektivität und Effizienz von bestehenden Prozessen verbessern und die Einführung völlig neuer Vorgehensweisen erlauben.

Mit S/4HANA und der SAP Cloud Platform stellt SAP leistungsstarke integrative und analytische Hilfsmittel zur Verfügung.

 

Welche Besonderheiten muss man bei HANA- oder S/4HANA-Transformationen im Produktionsumfeld beachten?

Wolfgang UnkaufWolfgang Unkauf: Eine technische Evaluierung der SAP Business Suite und der HANA-Datenbank gibt Aufschluss über den Ablauf einer Transformation. Um sämtliche Funktionalitäten voll auszuschöpfen, war es bislang erforderlich, ein SCM-System an das ERP-System anzubinden. Die Fragestellung lautet nun folglich, wie sich Daten aus einem bereits angebundenen SCM-System am besten in das in S/4HANA integrierte PP/DS-Modul migrieren lassen.

Die Migration kann in fünf Schritten erfolgen. Am Anfang steht die Definition des Ausgangsszenarios, dabei spielt unter anderem die Frage eine Rolle, ob bereits ein SCM-System ans ERP angebunden ist. Im Weiteren werden die Funktionalitäten von alten und neuen Prozessen analysiert und verglichen, um notwendige Maßnahmen herzuleiten. Dann werden Datenmodell und Umfang der zu migrierenden Stamm- und Bewegungsdaten bestimmt. Dem schließt sich die eigentliche Konvertierung an, gefolgt von der technischen Konfiguration des S/4HANA-Systems und der Anbindung der UI5- beziehungsweise der Fiori-Oberflächen.

Um die Bewegungsdaten in S/4HANA zu erhalten, kann der LiveCache eines ehemals angebundenen SCM-Systems, wo die Auftragsdaten ja bisher abgelegt wurden, in das neue System importiert werden.

Die besondere Herausforderung bei der Migration besteht darin, das Downtime-Fenster und damit die Geschäftsunterbrechung während der Transition so gering wie möglich zu halten. Ein mehrstufiges Vorgehen hat sich deshalb bewährt: Zunächst wird die bestehende SAP-Landschaft analysiert und das Szenario für die Durchführung der Konversion bestimmt. Danach folgen die Testimplementierungen und -migrationen, um zu ermitteln, wie die Go-live-Migration ablaufen wird. Wichtig ist auch, dass Tabellen und Programme des Kunden einbezogen werden. Aus all diesen Schritten resultiert schließlich der minimale Downtime-Ansatz.

Für die Systemerweiterung sind drei Optionen wählbar: Der Brownfield-Ansatz sieht eine direkte Konvertierung des vorhandenen ERP-Systems vor. Der Greenfield-Ansatz umfasst die Aufstellung und Neuimplementierung eines vollständig neuen S/4HANA-Systems. Außerdem besteht die Möglichkeit, eine Systemlandschaft zu transformieren, wobei mehrere ERP-Systeme in ein S/4HANA integriert werden. Zur Unterstützung bieten sich die Tools SAP Migration Cockpit und SAP Landscape Transformation an.

Falls das SCM-System erhalten werden soll, da es über Funktionalitäten verfügt, die im PP/DS nicht zur Verfügung stehen, gibt es die Möglichkeit, die bestehende Landschaft zu bewahren und an das S/4HANA anzubinden. Dies geschieht entweder durch direkte Konvertierung des ERP und anschließende Migration der Daten aus dem PP/DS des SCM-Systems in das Äquivalent auf dem S/4HANA-System. Oder es erfolgt ein Upgrade in zwei Stufen, indem das ERP-System auf ein ERP on HANA upgegradet wird, woran sich Konvertierung und Migration anschließen.

Außerdem ist es möglich, dass Kundenentwicklungen auf dem SCM-System vorliegen und sich auf dort abgelegte Daten beziehen. In diesen Fällen ist ein neues Mapping erforderlich, sodass die neue PP/DS-Komponente Daten auf dem S/4HANA-System auslesen kann. Nach der Stammdatenänderung muss geprüft werden, ob die Programme weiterhin funktionieren. Schnittstellen vom SCM- zum ERP-System werden nicht mehr benötigt – eine direkte Datenbeschaffung muss sie ersetzen. Verschiedene Tools überprüfen, welche Codings in Kundenprogrammen aktuell oder obsolet sind, beziehungsweise in Zukunft geändert werden müssen.

 

Was wird für Sie in den kommenden 12 Monaten das dominierende Thema in der SAP-Community?

Ralf Bernhard: Neben dem dominierenden Thema S/4HANA-Umstieg werden uns sicherlich Fragen rund um das Thema Cloud und die SAP Cloud Platform beschäftigen, außerdem werden IBP Cloud und SAP Digital Manufacturing sowie das generelle Daten- und Plattformmanagement wichtige Themen in der SAP-Community sein.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Helge Sanden, Chefredakteur des IT-Onlinemagazins.

 

 

In einem Expert-Talk zur Onlinekonferenz „Ihr Weg nach SAP S/4HANA: Wie machen es andere Unternehmen“ berichten Wolfgang Unkauf und Ralf Bernhard zusätzlich über die Erfahrungen mit „embedded PP/DS in S/4HANA“, „PP/DS on HANA“ und über Brownfield S/4HANA-Migrationen.

Sie können diesen und alle Beiträge der Onlinekonferenz live (29.01. – 01.02.19) oder als Aufzeichnung verfolgen. Im Konferenzprogramm finden Sie Erfahrungsberichte aus mehr als 20 S/4HANA-Migrationen.

 

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