Wie schafft die IT-Abteilung im Cloud-Zeitalter Wertbeiträge für das Unternehmen?

Von Steffen Pietsch, seit Oktober 2018 neuer DSAG-Vorstand Technologie, wollten wir wissen, wie Unternehmen den Weg vom Monolithen zu heterogenen Systemlandschaften gehen können, was sich in den IT-Abteilungen und bei SAP-Partnern verändert, wie man als IT-Verantwortlicher Relevanz im Unternehmen behält und welche Potenziale die Automatisierung von Prozessen im IT-Betrieb und den Fachbereichen liefern kann.

Unternehmen und deren IT- und SAP-Abteilungen sind mitten in einem umfassenden Veränderungsprozess. Die DSAG lädt IT-Verantwortliche daher mit dem Motto „Do IT yourself. Wege in die Cloud: gemeinsam denken, individuell handeln“ zu ihren Technologietagen 2019 ein.

 

Herr Pietsch, was können Unternehmen voneinander lernen, wenn sie den Weg vom SAP-Monolithen zur heterogenen Multi-Cloud-Systemlandschaft gehen?

Steffen Pietsch DSAGFür viele Unternehmen stellen die Einführung und der Betrieb von Cloud-Lösungen bzw. hybriden Systemlandschaften ein neues Themenfeld dar. Vertragsgestaltung, Datenschutz, Security, Integration, erforderliche Inhouse-Skills und Team-Set-up sind nur eine Auswahl der Themenbereiche, mit denen sich Unternehmen auf ihrer „Cloud-Reise“ befassen müssen.

Wer bereit ist, seine Erfahrungen zu teilen und von anderen zu lernen, kann einige Stolpersteine vermeiden. Die DSAG ist hierfür ein guter Anlaufpunkt.

 

Müssen sich IT-Verantwortliche und IT-Abteilungen im Cloud-Zeitalter verändern, wenn sie im Unternehmen strategisch relevant bleiben wollen?

Ein stabiler, performanter und kostengünstiger Betrieb sind wichtige Kenngrößen einer funktionierenden IT-Organisation. Das war so, ist so und wird auch künftig so sein.

Aber: Wenn die Betriebsverantwortung für Teile des Technologie-Stacks an Cloud-Anbieter ausgelagert wird, gewinnt die Fähigkeit an Bedeutung, unterschiedliche Cloud-Angebote auszuwählen und zu orchestrieren. Für die strategische Relevanz kommt die Fähigkeit hinzu, als Sparrings-Partner der Fachbereiche für den Umgang mit neuen Technologien zu agieren.

Bei der zunehmenden Digitalisierung werden IT-Organisationen schnell zum Bestandteil der Wertschöpfungskette bzw. des Geschäftsmodells. Hierzu müssen sie u.a. Beratungsleistungen erbringen, wie Technologie zur Geschäftsentwicklung beitragen kann … und sie müssen die dafür erforderlichen Veränderungen im Unternehmen ermöglichen und fördern.

Von der Automatisierung integrierter Ende-zu-Ende-Prozessen versprechen sich viele Prozessverantwortliche Produktivitätsverbesserungen, beispielsweise auch durch Machine Learning. Welche Potenziale sehen Sie in den IT-Abteilungen und für die Wertschöpfungsprozesse?

Die Automatisierung ist nicht nur Potenzialträger, sondern ein Muss. Um unter dem enormen Wettbewerbs- und Veränderungsdruck erfolgreich zu sein, zählt Geschwindigkeit. Das gilt für betriebswirtschaftliche Prozesse innerhalb der Software genauso wie für IT-Prozesse in der Entwicklung und im Betrieb.

Mit der Automatisierung lassen sich Prozesseffizienz und Geschwindigkeit steigern bzw. Prozesse skalieren. Beispiele aus dem betriebswirtschaftlichen Umfeld sind die Automatisierung buchhalterischer Prozesse, die Erkennung von Anomalien in Prozessabläufen, der Einsatz von Chatbots in der direkten Kundeninteraktion u.v.m. Machine Learning trägt dazu bei, den Automatisierungsgrad zu erhöhen.

Auch in IT-Prozessen ist die Automatisierung dringend notwendig, um neben Effizienzgewinnen die Veränderungsgeschwindigkeit zu erhöhen. Bei halbjährlichen Releases sind manuelle Deployment-Prozesse und manuelles Testen nicht schön, aber realisierbar. Wenn hingegen 14-tägig oder noch häufiger den Anwendern oder Kunden neue Funktionalität zur Verfügung gestellt werden soll, müssen die zugrundeliegenden Prozesse durchgängig automatisiert werden.

 

Sie fordern einen Baukasten mit passenden Architektur-Bausteinen, durchdachten Konzepten und soliden Best Practices. Was fehlt Ihnen denn in der breiten SAP-Angebotspalette genau?

Eine bessere und durchgängige Integration von Anwendungen. Cloud-Anwendungen sind schnell und einfach konsumierbar. Die eigentliche Wertschöpfung beginnt aber oft erst, wenn die Applikationen mit anderen Unternehmensanwendungen, wie z. B. den SAP-Systemen integriert sind.

Darum muss sowohl das On-Premise- als auch das Cloud-Portfolio in einer heterogenen Systemlandschaft gut und einfach zu integrieren und zu betreiben sein. Bei der Integration von SAP-Lösungen untereinander erwarte ich kompatible Datenmodelle, die wie Bausteine zueinander passen.

Generell ist es erforderlich, dass SAP ihren Kunden nicht nur Technologie liefert, sondern sie mit Best Practices und Architekturempfehlungen beim Aufbau von langfristig wartbaren Applikationen unterstützt.

 

Welche Bedeutung haben SAP-Partner für den Transformationsprozess der DSAG-Mitgliedsunternehmen – und wie bewerten Sie deren Leistungsfähigkeit bezüglich der neuen Technologie- und Prozessthemen?

Den SAP-Partnern kommt eine zentrale Bedeutung zu, denn sie tragen entscheidend zum Know-how-Aufbau in Unternehmen sowie der Skalierung von Kapazitäten bei. Das ist aus Kundensicht notwendig, um effizient von SAP-Innovationen zu profitieren. Aus SAP-Sicht ist es notwendig, um die Adoption-Rate ihres Portfolios im Markt zu erhöhen.

In den kommenden Jahren wird der Bedarf an Beratungsunterstützung weiter steigen. Ich rechne mit vielen großvolumigen Migrationsprojekten – sowohl bei Technologie- als auch Prozessthemen.

Die Leistungsfähigkeit der Partner erlebe ich derzeit noch als sehr heterogen, gerade bei neuen Technologien und Themen. Etliche Partner machen selbst erste Gehversuche und „lernen beim Kunden“. Nur wenige Partner verfügen bereits über Full-Lifecycle-Projekt- sowie Betriebserfahrung – und gleichzeitig noch freie Kapazität. Hier sehe ich durchaus Potenzial für das Partner-Enablement durch SAP.

 

Wenn Sie in Ihrem Unternehmen auf der grünen Wiese mit SAP beginnen — welche Zielarchitektur würden Sie wählen?

Die Zielarchitektur wird maßgeblich von den betriebswirtschaftlichen Prozessen, der Komplexität, den legalen Anforderungen und der Größe bestimmt. Zur Orientierung: Für größere Unternehmen ist ein S/4HANA-System On-Premise, betrieben bei einem IaaS-Provider oder in einer Private-Cloud, ein gutes Fundament.

Für spezifische Line-of-Business-Prozesse würde ich, wo sinnvoll, Cloud-Lösungen (Software-as-a-Service, SaaS) ergänzen. Kleinere Unternehmen oder Firmen mit sehr standardisierten Prozesslandschaften können S/4HANA als SaaS-Lösung in Betracht ziehen. Für Erweiterungen und Zusatzentwicklungen außerhalb des Cores ist die SAP Cloud Platform (SCP) eine interessante Option.

 

Welche drei wichtigsten Empfehlungen geben Sie einem CIO, der seine bestehende SAP-Landschaft zukunftsorientiert weiterentwickeln möchte, mit auf den Weg?

Die Herausforderung liegt darin, mitten in der Transformation die richtige Balance zwischen Geschäftsinnovation und „operational excellence“ zu finden. Ich bin überzeugt, dass SAP hierbei eine wichtige Rolle einnimmt – aber nicht der einzige Player sein wird.

Um aus der rein operativen Rolle in eine gestaltende Funktion mit strategischer Relevanz zu kommen, ist es erstens erforderlich, technologische Beratungskompetenz für das eigene Geschäft und den Markt zu entwickeln. Zweitens über eine Integrationsstrategie zu verfügen, die den Betrieb einer heterogenen Systemlandschaft ermöglicht und drittens eine auf Veränderung ausgelegte Unternehmenskultur zu etablieren, um dem unausweichlichen Change konstruktiv entgegenzuwirken.

Der zuletzt genannte Punkt ist die größte Herausforderung, denn Kultur kann man nicht von heute auf morgen verordnen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Helge Sanden, Chefredakteur des IT-Onlinemagazins, im Vorfeld DSAG-Technologietage 2019.

 

 

Weiterführende Informationen:

DSAG-Technologietage „Do IT yourself: Wege in die Cloud gemeinsam denken, individuell handeln“ (12.-13.02.19 in Bonn)

Das IT-Onlinemagazin ist Medienpartner der DSAG-Technologietage 2019.

 

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