SAP gibt SAP-Anwenderunternehmen mit „SAP Embrace“ Sicherheit für die Nutzung der Cloud-Plattformen der Hyperscaler. Die Möglichkeiten der Cloud-Plattformen gehen weit über den Einsatz als Cloud-Infrastruktur hinaus.
Von Marcus Sommer (Business Lead Azure Infrastructure Germany bei Microsoft) wollte ich wissen, warum man bei der Aktualisierung der eigenen SAP-Strategie über „SAP und Azure“ nachdenken sollte, was die Kopplung der SAP- und Microsoft-Welten bringen kann und welches Ökosystem SAP-Anwenderunternehmen nutzen können.
Als IT-Verantwortlicher kann man zwischen einigen Cloud-Plattformen wählen. Warum sollte man über „SAP und Azure“ nachdenken?
Marcus Sommer: Wie wäre Ihre Einstellung zu einem Automobilhersteller, dessen Angestellte bevorzugt die Autos anderer Fabrikate fahren würden? Vermutlich wären Sie skeptisch bezüglich des Produktes und Sie müssten sich allein auf dessen Werbeversprechen verlassen.
Bei Microsoft fließt seit Jahren jeder einzelne Dollar durch die eigene SAP-Landschaft, die zu 100 Prozent auf Azure läuft. Auch SAP selber migriert mehr und mehr Mission Critical Systeme auf Azure. Entwicklung, Support und Betrieb beider Firmen arbeiten im Tagesgeschäft zusammen und lernen somit in der und für die Praxis voneinander. Die Erkenntnisse daraus fließen dann wieder in die Produkte und Architekturen ein. Dies ist bereits ein Alleinstellungsmerkmal und ein guter Grund für „SAP und Azure“.
Darüber hinaus bietet Microsoft mit Azure, Office365 und Dynamics eine Vielzahl von Analytics, IoT, BI-Diensten sowie komplette Lösungen an, mit denen ich meinen SAP-Kern erweitern oder nahtlos integrieren kann.
Was haben SAP-Anwenderunternehmen davon, wenn sie die SAP- und Microsoft-Welten verbinden?
Kurz gesagt: Sie erhalten Zugang zu Innovationen, die sie aus eigener Kraft nicht leisten können und wollen, sie verbessern die User-Experience und sie verschlanken ihre Prozesse.
Microsoft selbst erstellt den Forecast seit 2018 mithilfe von Machine Learning-Diensten unter Verwendung der SAP-Daten. Zuvor waren mehr als 100 Analysten zwei Wochen am Stück mit den Quartalsberichten beschäftigt. Heute sind es eine Handvoll Personen mit 30 Minuten Aufwand – und die Genauigkeit des Ergebnisses hat sich dabei verdoppelt.
Statt im Controlling manuell die Unternehmensdaten zu analysieren, können die SAP-Daten mit einem intelligenten Service in der Cloud analysiert werden. Das Ergebnis lässt sich anschließend mit einem smarten Reporting-System, wie Power BI, visualisieren. Damit versetze ich meine Mitarbeiter in die Lage, bessere und schnellere Entscheidungen für ihr Geschäft zu treffen.
Noch simpler – eine Reisekostenabrechnung wird direkt in Outlook genehmigt, ohne eine weitere Anmeldung am SAP-System. Einfach, aber effektiv und durch Schnittstellen mit geringem Aufwand umsetzbar.
Das sind exemplarische Beispiele für eine sinnvolle Verbindung beider Welten. Diese Möglichkeiten bekommt man über PaaS-Dienste oder vorhandene Schnittstellen zur Verfügung gestellt, ohne diese mit eigenen Mitteln mühsam und fernab der vorhandenen Möglichkeiten erst bauen zu müssen.
Für die IT-Budgets und IT-Investitionen spielen CapEx und OpEx eine wichtige Rolle. Wie lassen sich diese Parameter mit Cloud-Lösungen beeinflussen?
Unternehmen müssen sich zunächst die nicht triviale Frage stellen, ob sie Betreiber und Eigentümer ihrer IT-Infrastruktur sein wollen, eventuell außerhalb ihrer eigentlichen Kompetenzen und Wertschöpfung, oder ob sie dies externen Anbietern überlassen.
Daraus folgt die Entscheidung, eigenes Knowhow und Personal dafür vorzuhalten, oder sich eher auf die Implementierung der Geschäftsprozesse fokussieren zu wollen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist der Wechsel von CAPEX (Capital expenditure) zu OPEX (operational expenditure) interessant. Statt starrer Kapitalbindung und jahrelanger sukzessiver Abschreibung, werden die Kosten sofort dem operativen Budget zugewiesen und damit finanzielle Risiken verringert. Gerade in der aktuellen Zeit besonders relevant, wenn sich nicht benötigte Kapazitäten einfach mal abschalten lassen.
Mit der Cloud erhält man die Möglichkeit, seine Systeme flexibel zu provisionieren, anzupassen und nach Bedarf an- und abzuschalten. Alternativ kaufe ich heute ein System, was auch noch den Bedarf in fünf Jahren deckt, aber Stand heute zu viel Geld verschlingt, da es überdimensioniert ist. Es ist aber wie beim Carsharing, was nicht in jedem Fall kostengünstiger ist als eine Anschaffung. Ich gehe ein flexibles Mietverhältnis ein, was ich besser an meinem Bedarf ausrichten kann – und die korrekte Planung und Nutzung ist für den finanziellen Erfolg am Ende ausschlaggebend. Unser Kunde Schmitz Cargobull hatte seinerzeit mit 10 Prozent Ersparnissen durch den Wechsel auf Azure gerechnet. Rausgekommen sind dank guter Planung am Ende 20 Prozent, bei nur dreimonatiger Migrationsdauer.
Cloud-Kritiker befürchten schwindenden Einfluss im Unternehmen, wenn sie nicht mehr den SAP-Betrieb organisieren. Bewahrheitet sich das in der Praxis? Was beobachten Sie?
Die Aufgaben einer IT umfassen heute mehr als die Bereitstellung von Hardware und den Betrieb einer Infrastruktur. Neue Systeme sind genauso mächtig wie anspruchsvoll und teilweise schon zu großen Teilen extern bereitgestellt. Eine IT-Organisation sollte sich daher die Frage stellen, was sie heute noch aus eigener Kraft leisten kann und muss, um das Unternehmen bei der digitalen Transformation effizient zu begleiten. Oder, an welcher Stelle man besser auf fertige Angebote zurückgreift, um seine Aufgaben zu erfüllen.
Die eigentliche Organisation des SAP-Betriebs bleibt gegebenenfalls bestehen, aber es gehört nicht mehr unbedingt zu den zentralen Aufgaben, mehr Speicher ins Rack zu stecken oder eine Neuinstallation von der DVD durchzuführen. Selbst wenn ich auf einen Managed Service setze, bleiben auch noch genügend Aufgaben bestehen.
Das sehen wir auch am Beispiel der Scheer GmbH. Unser Partner und früherer Hosting-Anbieter hat seine eigenen Rechenzentren abgelöst und setzt nun zu 100 Prozent auf Azure, um seine Dienste dort zu erbringen.
Ein Hyperscaler wie Microsoft bietet eine Vielzahl an Puzzleteilchen an. Nutzer setzen diese Teilchen dann zu einem Bild zusammen. Ich bin heute eher Architekt als Maurer und steuere einen wesentlichen, aber veränderten Einfluss auf das Endergebnis bei, indem ich die Gewerke organisiere und zusammenfüge. Hier wird in Zukunft die Kompetenz einer IT liegen müssen. Insofern geht es also nicht um die Frage, ob ich Einfluss abgebe, sondern wie er sich verändert.
Ein wichtiger Mehrwert der SAP-Community ist das Partner-Ökosystem, die bunte Landschaft spezialisierter Partner. Welches Ökosystem können SAP-Kunden nutzen, die sich für Azure entscheiden?
SAP und Azure ist für uns ein nahezu hundertprozentiges Partnerbusiness. Dafür hat Microsoft allein in Deutschland mehr als 30.000 Partner im Netzwerk, von denen bereits heute eine knapp dreistellige Zahl ihre SAP- und Azure-Kompetenz in Projekten unter Beweis gestellt hat. Meine Kollegen bilden fortlaufend weitere Partner aus, damit unsere Kunden weiter mit ihren Bestandspartnern arbeiten können. Diese Partner kennen die Anforderungen der Kunden seit Jahren und können sie dann in die Cloud übertragen.
Die breite Kompetenz unseres Partner-Ökosystems ist uns sehr wichtig. So haben wir globale und regionale Partner, die für jedwedes Unternehmen die Migration und einen Managed Service anbieten können. Weitere Partner wiederum stellen intelligente Lösungen bereit, die sich in die Kundeumgebungen integrieren lassen und hier wichtige Aufgaben, wie Deployment, Automation im Betrieb, die laufende Kostenoptimierung oder die Erweiterung des Kernsystems übernehmen. Wieder andere Partner verfügen über ein umfängliches Branchenwissen. Alle unsere Partner entwickeln sich stetig weiter oder gehen Allianzen ein, um unsere Kunden bestmöglich zu begleiten.
Welche wichtigsten Fragen sollten sich CIO in Bezug auf ihre zukünftige SAP-Strategie stellen?
Aus meiner Sicht ist es vor allem die Rolle, die ich als CIO einnehmen möchte und welche Vorteile ich dabei meinem Unternehmen bringe.
Nach Gartner befinden sich drei Viertel aller Firmen noch in der Planung oder frühen Umsetzung ihrer Digitalstrategie. Erst ein Viertel optimiert sich oder erweitert bereits digitalisierte Systeme und befindet sich damit in reiferen Phasen. Dabei haben viele auch Rücksetzer erlebt. Meist ausgelöst durch organisatorische Disruption, Kostendruck oder einem geänderten Kundenbedarf. Hier braucht es ein solides und tragfähiges Fundament, aber auch den Zugang zu Innovationen wie KI oder IoT, mit denen sich mehr aus den SAP-Daten herausholen lässt. Dazu benötigt man mutige Entscheider und Vordenker, die ein klares Ziel verfolgen und auch nach Rückschlägen weitermachen.
Dann sollte ein CIO sich auch die Frage stellen, wie er seine IT so nahe wie möglich am Menschen aufstellen kann. Eine erfolgreiche Strategie berücksichtigt nicht mehr nur technologische Entscheidungen, sondern auch den kulturellen Wandel und die Lernbereitschaft bei Mitarbeitern und Kunden, um das Konzept langfristig zu tragen. Technologien sollten Unternehmen ganzheitlich im Erfolg unterstützen und das sollte auch die Strategie des CIOs sein.
Gerade der SAP-Bereich ist sehr anspruchsvoll mit all seinen Schnittstellen und Abhängigkeiten. Daher sind neben Kosten auch Flexibilität und die Geschwindigkeit wichtig, mit der sich Änderungen umsetzen lassen. Unser weltweit operierender Kunde Flowserve kann erst mithilfe der Cloud eine (aus vielen Tochtergesellschaften gewachsene) heterogene Infrastruktur in einem SAP S/4HANA vereinheitlichen. Aufgrund der global verfügbaren Infrastruktur lassen sich genau die passenden Kapazitäten dort bereitzustellen, wo sie gerade benötigt werden.
Hieraus ergeben sich dann Potentiale. Denn die SAP-Daten sind die Schatztruhe einer Firma, wenn man sie nur richtig nutzt – und hier gibt es kein Schwarz oder Weiß. Die Vorteile der Cloud sollten mit denen der On-Premises-Lösungen verbunden werden. Multi-Cloud ist die bei Weitem eine der schnellst wachsenden Kategorien. Sowohl in der Legacy als auch bei neuen Projekten. Mit Cloud-Diensten wird die IT also erst beweglich. Die Frage ist also nicht ob, sondern wieviel Cloud ich für welche Aufgaben nutze.
Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Helge Sanden, Chefredakteur des IT-Onlinemagazins.
Dieses Thema wird bei der IT-Onlinekonferenz „SAP und Azure“ am 1. Oktober 2020 vertieft:
Marcus Sommer erläutert an Praxisbeispielen die Innovationspotenziale von Azure, Flexibilität bei CapEx und OpEx und die Vorteile der Verknüpfung der SAP- und Microsoft-Welten. Hans Reutter (Microsoft) gibt uns einen Erfahrungsbericht mit „lessons-learned“ der bisher wahrscheinlich größten SAP-Migration in die Azure-Cloud.
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