Nagarro: Neuer Allgeier-Name – aber sonst alles wie gehabt?

Der Allgeier Konzern verselbstständigt sein Technologie- und Softwareentwicklungsgeschäft, zu dem auch der SAP-Bereich gehört, in die eigenständige börsennotierte Gesellschaft Nagarro SE.

Jörg Dietmann ist Geschäftsführer bei Nagarro ES und liefert uns Einblicke, was hinter dieser Abspaltung steckt, was SAP-Kunden zu erwarten haben und welche Möglichkeiten sich gegebenenfalls bieten können.

 

Herr Dietmann, steckt hinter der Abspaltung von Nagarro mehr als eine Neugliederung der Geschäftstätigkeit in Holding und operatives Geschäft?

Nagarro-SAPJörg Dietmann: Die Nagarro-Gruppe hat sich innerhalb der Allgeier durch ihren Technologiefokus sehr gut und nachhaltig entwickelt. Der Spin-Off und die geplante eigene Platzierung an der Börse ist da eine Sichtweise. Mit SAP als führendem Player im ERP-Bereich ist es für Nagarro wichtig hier die Kompetenzen zu stärken. Da kommen wir mit unserer langjährigen und erfolgreichen SAP-Erfahrung ins Spiel. Wir sind als Nagarro ES die globale Business Unit SAP und bieten Nagarro den wichtigen Zugang zum deutschen Mittelstand, insbesondere mit internationaler Ausrichtung. Umgekehrt profitieren wir zukünftig von einer unschlagbaren globalen Präsenz und Skalierbarkeit.

 

Welche Veränderungen erwarten Sie für Ihre Kunden, Partner und Mitarbeiter?

Wir haben das für uns unter dem Slogan „New name, same team, more possibilities“ zusammengefasst. Für unsere Mitarbeiter gibt es so keine Veränderungen – bis auf einen neuen Namen – denn wir betreuen unsere Kunden weiterhin mit den gleichen Teams. Welche Veränderung findet in jedem Fall statt: Wir wachsen – und dies sowohl in Deutschland als auch International.

Unsere Kunden werden zukünftig von einem breiteren Portfolio über die Nagarro und noch besseren Deliverymodellen im Sinne von Bestshore profitieren. In den Branchen und Themen, auf die wir uns fokussiert haben, sind wir weiterhin als Full-Service Provider aufgestellt. Und das ist auch unser großer USP – alle Bausteine in der digitalen Transformation ganzheitlich abzubilden. Mit Templateansätzen und tiefen Branchenkenntnissen in Public Services, Fertigung, Prozessindustrie und Handel ergänzt durch jahrelange Erfahrung in industrieübergreifenden Kernprozessen sind wir On-Premise, in der Cloud oder mit hybriden Szenarien am Markt erfolgreich positioniert.

 

Die Aktualisierung der IT- und SAP-Strategie steht aktuell bei vielen Unternehmen auf der Agenda. Was beobachten Sie?

Das treibt die SAP-Kunden ständig und da werden sie auch von SAP getrieben – nicht nur durch neue Technologien und Konzepte wie das Intelligent Enterprise, sondern auch durch die regelmäßigen Upgrades und ganz konkret das ECC-Wartungsende 2027. Das steht aktuell im Fokus der SAP.

Und bezogen auf die IT-Strategie kommt jetzt natürlich auch die Corona-Komponente zum Tragen: 2020 haben viele Unternehmen teilweise schmerzlich bewiesen bekommen, was bisher vermeintlich nur eine Marketingmessage war: Nur mit einer tragfähigen und anpassbaren IT-Infrastruktur sind sie globalen Herausforderungen gewachsen. Denn: Wie schnell konnten Unternehmen zum new daily business übergehen und effizient aus dem Remotebetrieb arbeiten?

 

Beobachten Sie Branchenunterschiede?

Natürlich agiert jede Branche anders, hat unterschiedliche Fragestellungen und individuelle Herausforderungen, die ganz eigene Lösungen brauchen. Insofern stellt sich oftmals die Frage, inwieweit Hosting oder die Rückorientierung zum Standard überhaupt aktuell sind.

Aber: Inwiefern differenzieren sich die Unternehmen denn? Tun sie das tatsächlich darüber, dass sie ihr eigenes Rechenzentrum betreiben oder ganz spezifische Finanzprozesse haben, die über einen Standard nicht abgebildet sind. Oder ist das nicht eigentlich irrelevant. Denn Mehrwert wird über doch über intelligente Prozesse und IP geschaffen.

 

Welche Herausforderungen sehen Sie bei S/4HANA-Transformationen?

Wir sehen aktuell in der SAP S/4HANA Transformation zwei Grundströmungen – die einen Kunden, die sehr schnell auf ein neues System wollen und sich zurück zum Standard orientieren und die Kunden, die langfristig den Systemumstieg planen. Oftmals auch mit einer Herangehensweise in Phasen: Zuerst S/4HANA, dann die Innovationen.

SAP S/4HANA Transformationen sind aber so individuell wie die einzelnen Unternehmen und die Herausforderung besteht darin zu erkennen, wo der spezifische Mehrwert für das Unternehmen liegt. Denn wir verstehen die SAP S/4HANA Transformation – genauso wie SAP – als Einstieg zu einem holistischen Blick auf das jeweilige Unternehmen, mit dem Ziel erfolgreich zu sein. Und dabei stellt sich die Frage: Was ist Erfolg? Das kann Nachhaltigkeit, das kann Gewinnmarge, das kann aber auch etwas ganz anderes sein. Und je nach Ausrichtung muss sich das Unternehmen auch aufstellen – mit seiner Struktur, seinen Prozessen und der IT-Strategie.

Eine Herausforderung für die SAP-Partner wird aber ein ganz anderer Aspekt sein: Wie stellen wir sicher, dass wir alle Kunden rechtzeitig auf S/4HANA bringen?

 

Wie erkennt man als SAP-Anwenderunternehmen, welches Betriebsmodell zu Unternehmensstrategie passt?

Das ist eine sehr gute Frage, mit der viele Unternehmen, die sich nicht 24/7 mit SAP beschäftigen, oftmals überrannt werden. Denn es gibt sehr viele unterschiedliche Betriebsmodelle bzw. Nuancen in den Betriebsmodellen technisch (On-Premises, in der Cloud und hybrid) sowie kaufmännisch (SaaS als Opex oder Lizenz als Capex).

Daneben spielen aber natürlich auch ganz andere Fragen mit ein: Welche Skills haben meine Mitarbeiter? Wie schnell soll das Projekt starten und durchgeführt werden? Wie standardisiert will/kann ich sein? Und genau hier verstehen wir uns als Partner – denn mit unserem breiten Portfolio können wir sehr differenziert und unabhängig von einem bestimmten Betriebsmodell beraten.

 

Sie haben sich auch sehr frühzeitig mit SAP S/4HANA Cloud beschäftigt und Expertise aufgebaut. Welcher Kundenkreis begeistert sich dafür?

Das sind vor allem Unternehmen, die sehr schnell handeln und handlungsfähig sein wollen. Getrieben von der Produktstrategie sind das aktuell Kunden aus dem Mittelstand, für die Finanzprozesse im Fokus sind, oder Unternehmen aus den Bereichen Component Manufacturing und Professional Services. Denn das sind die Industrieausprägungen der SAP S/4HANA Cloud in der standardisierten Variante.

Parallel dazu gibt es aber größere Kunden, für die SAP S/4HANA Cloud sehr interessant wird. Nämlich die Unternehmen, die Vertriebsgesellschaften im Ausland haben und diese unkompliziert an das SAP ERP-System der Mutter anbinden wollen. Mit einer Lokalisierung von aktuell 25 Ländern (darunter auch sehr herausfordernde Lokalisierungen wie Brasilien) ist SAP S/4HANA Cloud eine hervorragende Lösung im sogenannten Two-Tier Ansatz.

 

Eine persönliche Frage: Wie digitalisiert sind Sie im privaten Umfeld?

Na ja, Tennis spiele ich immer noch am liebsten analog … aber in vielen Bereichen hat die Digitalisierung bei uns Einzug gehalten, vor allem getrieben durch unsere drei Kinder, die kaum analoge Medien zulassen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Helge Sanden, Chefredakteur des IT-Onlinemagazins.

 

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