Quo vadis SAP Customer Center of Expertise (CCoE)?

Die DSAG schreibt den SAP Customer Centern of Expertise (SAP CCoE) eine zentrale Rolle bei der digitalen Transformation zu. Sie werden als Bindeglied für die Zusammenarbeit zwischen IT und Geschäftsbereichen verstanden und müssen somit viele der anstehenden Änderungen in den SAP-Landschaften und Anwenderunternehmen begleiten oder sogar treiben.

Von Walter Schinnerer, DSAG-Vorstand für Österreich, wollte ich wissen, wie die SAP CCOE in der Praxis gelebt werden, welchen Herausforderungen sie sich stellen müssen, und welche Veränderungen anstehen könnten.

 

Herr Schinnerer, holen Sie uns einmal ab: Was ist ein SAP Customer Center of Expertise?

Walter-SchinnererWalter Schinnerer: Die Einrichtung von SAP Customer COEs ist für alle SAP-Kunden verpflichtend im jeweiligen Support-Vertrag festgehalten. Die Center stellen in erster Linie den laufenden Betrieb der SAP-Anwendungen in den Unternehmen sicher.

Zudem agieren sie als interne Informationsdrehscheibe für alle SAP-spezifischen Fragestellungen und als Single-Point-of-Contact zum Software-Hersteller. Außerdem verwalten sie die SAP-Verträge ordnungsgemäß – sie übernehmen also die Lizenz- und Benutzeradministration. Gleichzeitig wirken die Customer COEs an den SAP-Einflussnahme-Programmen mit.

 

Wie werden die SAP CCOE in der Praxis gelebt?

Das ist ganz verschieden. Sie können den Aufgaben in unterschiedlichen Organisationsformen nachkommen. Einige Unternehmen betreiben ihre Customer COE in einer eigenen Organisationseinheit. In den meisten Unternehmen sind die Aufgaben aber quer über das Unternehmen in unterschiedlichen Bereichen oder Teams verteilt.

Je nach Vertragskonstellation können die Aufgaben auch durch zertifizierte SAP-Partner wahrgenommen werden. Wichtig ist aber, dass es an einer zentralen Stelle einen stets aktuellen Überblick über die Aufgaben und die Verantwortlichkeiten gibt.

 

Welche Rolle haben für Sie die CCOE in der digitalen Transformation?

Auch die SAP-Systeme müssen im Zuge der Digitalisierung der Geschäftsprozesse angepasst werden. Für die Customer COE bedeutet das, sie müssen überwachen, dass die Kundenprozesse adaptiert werden und die Schnittstellen-Anbindung funktioniert. Gleichzeitig müssen sie ein Auge darauf haben, dass System- und Servicemanagement genauso wie die Dokumentation angepasst werden.

Darüber hinaus ändern sich durch die neuen SAP-Lösungen beziehungsweise Plattformen auch die Rollen und Aufgaben der Mitarbeiter der Customer COEs. Sie müssen rechtzeitig für die Veränderung der Architektur, der SAP-Produkte sowie der Services geschult werden.

Oft schulen die Mitarbeiter der Customer COE alle SAP-Anwender eines Unternehmens. Das bedeutet, dass die SAP-CCOEs immer am Puls der Zeit sein müssen, um das Wissen rund um die Veränderungen in der SAP-Welt direkt in das Unternehmen einbringen zu können.

 

Was hat sich inhaltlich in den letzten Jahren verändert — und welche Herausforderungen kommen bis 2027/2030 noch auf die CCOE zu?

In vielen Unternehmen sind die bestehenden SAP-Systeme und -Produkte bereits Jahre oder Jahrzehnte im Einsatz. Bis auf regelmäßige Release-Wechsel waren sie kaum Veränderungen ausgesetzt. Durch zahlreiche Zukäufe verlagert SAP jedoch Funktionen in neue Cloud-Anwendungen, wie beispielsweise SuccessFactors, Concur, Ariba oder Fieldglass. Die Customer COEs müssen lernen damit umzugehen.

Durch S/4HANA stehen die Customer COEs zudem vor der Herausforderung, sich technologisch zu verändern und die SAP-Architektur in ihren Unternehmen zu erneuern. Die Wartungsverlängerung für die Business Suite 7 und damit ERP 6.0 hat den Unternehmen Zeit verschafft, sich besser und intensiver auf den Umstieg vorzubereiten. Das ist gut und wichtig. Denn: Je komplexer die gewachsene SAP-Landschaft eines Unternehmens ist, umso länger dauert es, gut und sicher in die neue SAP-Produktwelt zu migrieren.

 

Wie können Unternehmen auf die Veränderungen reagieren — und sich damit fit für die Zukunft machen?

Aus Sicht der DSAG ist es wichtig, dass die Customer COE jetzt die gewonnenen zwei Jahre nutzen, um die Migration qualitativ hochwertig aufzugleisen und begonnene Arbeiten konsequent weiterzuführen. Unternehmen müssen ihre Geschäftsprozesse schnell und sicher auf veränderte Rahmenbedingungen anpassen und ihre Systeme sowie Produkte rasch an diesen Anforderungen ausrichten können. Das ist ein wichtiger Gradmesser für ihre Leistungsfähigkeit.

Deshalb muss vor allem die IT und hier im Speziellen das Customer COE sicherstellen, dass die Software in einem ausreichenden Tempo und in guter Qualität angepasst wird. Bisher waren die SAP-Produkte in vielen Unternehmen eher der Fels in der Brandung oder der starre ERP-Tanker. Jetzt hat die Agilität auch die Customer COEs erreicht.

 

Das DSAG-Customer-COE-Info-Forum wird in Kombination mit dem DSAG-Globalization-Symposium veranstaltet. Vor welchen Herausforderungen stehen international agierende Unternehmen derzeit?

Das Thema globale legale Anforderungen stellt SAP-Anwenderunternehmen derzeit vor große Herausforderungen. Jeden Monat erhalten wir aus einem anderen Land der Welt neue Anforderungen, für die wir Zeit brauchen, um sie einzuführen.

Um das Ganze einmal mit Zahlen einzuordnen: Unsere DSAG-Arbeitsgruppe bearbeitet aktuell mit einem Kernteam zirka zwanzig globale legale Anforderungen mit Priorität – faktisch könnten es aber einige hundert sein.

 

Und wie steht es aktuell um die elektronischen Rechnungen im internationalen Umfeld?

Auf Basis der EU-Richtlinie 2014/55/EU „Elektronische Rechnungsstellung bei öffentlichen Aufträgen“ gibt es in Deutschland für jedes Bundesland sowie für den Bund uneinheitliche Regelungen hinsichtlich der Verpflichtung, des Empfangswegs und der Annahme. Das elektronische Rechnungsformat wird mit der xRechnung abgedeckt.

Obwohl es eine EU-Richtlinie gibt, herrscht hier keine Einheitlichkeit. Die elektronische Rechnung hat kein zentrales europäisches Format. Die EU liefert über die europäische Normierung (CEN) zwei europäische Formatbeschreibungen und darauf kann jedes Land ein eigenes Format bauen. Deshalb hat auch fast jedes Land in der EU ein eigenes elektronisches Rechnungsformat:

Deutschland hat  mit xRechnung und ZUGFeRD (CEN) sogar zwei Formate. Österreich wiederum nutzt das ebInterface mit eigenem Webservice und zusätzlich PEPPOL. Die Rechnungsformate, die auf den beiden Syntaxen basieren, müssen laut EU-Richtlinie von Behörden überall akzeptiert werden. Trotzdem gibt es klare Verpflichtungen bei Ausschreibungen zu den nationalen Formaten.

 

Was bedeutet das konkret für die DSAG-Mitgliedsunternehmen?

All das macht es für unsere Mitgliedsunternehmen nicht einfacher. Die Komplexität und die nationalen und internationalen neuen Anforderungen sorgen dafür, dass die Anwenderunternehmen bald nicht mehr mit der Umsetzung und Einführung hinterherkommen. Dieses Thema muss überall stärker in den Fokus gerückt werden.

 

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit SAP bei diesem Thema?

Wir sehen SAP im Kontext der Globalisierung als wesentlichen strategischen Partner, um die Digitalisierungsinitiativen der internationalen und nationalen Gesetzgeber zeitnah und für unsere Mitgliedsunternehmen kostenschonend umzusetzen. Daher befinden wir uns in intensivem und kontinuierlichem Austausch mit SAP, um gemeinsam Lösungen zu finden, die steigende Komplexität zu meistern.

 

Welche besonderen Aspekte gibt es bei globalen SAP-Systemen zu beachten? Beispielsweise bei der Harmonisierung von Daten und Prozessen oder beim gleichzeitigen Betrieb von Systemen in der alten und neuen Welt.

Der hybride Betrieb von SAP-Produkten stellt nicht nur die Customer COE vor neue Herausforderungen. Auch SAP ist massiv gefordert, Erfahrungswerte und Feedback aus dem Kundenmarkt aufzunehmen und in die Entwicklung neuer Services und Produkte einzubringen.

Vor allem bei der Nutzung von SAP-Produkten in der Cloud warten die SAP-Kunden noch auf die eine oder andere richtige Antwort – zum Beispiel hinsichtlich der Verfügbarkeit von Lösungen.

 

Was ist für Sie das dominierende Thema der nächsten zwölf Monate in der SAP-Community?

Ich bin gespannt, ob SAP die Ankündigungen ihres Managements hinsichtlich der Integration der SAP-Produkte zeitlich und inhaltlich halten kann. Ebenso interessant wird es sein, zu sehen, wie viele erfolgreiche S/4HANA-Projekte es am Ende des Jahres gibt.

 

Welche Frage möchten Sie für sich selbst klären?

Vor den Herausforderungen des hybriden Betriebs stellt sich mir vor allem folgende spannende Frage: Wird es uns gemeinsam mit SAP gelingen, das CCOE-Programm so verständlich und praxistauglich zu formulieren, dass es die SAP-Unternehmen bestmöglich unterstützt, um ihre Aufgaben zu erfüllen?

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Helge Sanden, Chefredakteur des IT-Onlinemagazins, im Vorfeld des DSAG-Customer-COE-Info-Forums und des DSAG-Globalization-Symposiums.

 

 

Weiterführende Informationen:

DSAG-Customer-COE-Info-Forum &
DSAG-Globalization-Symposium
Verschoben auf 2021
Zur Veranstaltungsseite …

 

Das IT-Onlinemagazin ist Medienpartner der Veranstaltung.

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