S/4HANA als Enabler für Mehrwerte im Handel

SAP S/4HANA-Transformationen sind sicher nicht die einfachsten Projekte. Für manche Anwender bleibt es eine lästige Pflichtaufgabe, der sie keinen Mehrwert abringen können: Eine SAP S/4HANA-Umstellung sei viel zu teuer, dauere ewig und habe ein hohes Risiko zu scheitern, lauten daher weit verbreitete Vorurteile.

Bei Tchibo widmet man sich hingegen den positiven Seiten der Transformation und sieht die Chancen für das Unternehmen und die Kunden. Man entschied sich, das SAP-Retail-System europaweit auf die neue Generation SAP S/4HANA umzustellen.

Christoph Kastaun (Director IT | Tchibo) und Thorsten Raquet (Geschäftsleitungsmitglied | q.beyond) räumen im Expert-Talk gemeinsam mit den Vorurteilen rund um die S/4HANA-Transformation auf und skizzieren, wie der Umstieg zum Erfolg wird. Registrieren Sie sich hier für diesen Expert-Talk mit Christoph Kastaun und Thorsten Raquet. Gerne können Sie in der Livesendung individuelle Fragen an die Gäste stellen. Thorsten Raquet stellten wir im Vorfeld der ITOK22 einige Fragen.

 

Herr Raquet, wie hilft eine S/4HANA-Transformation einem Handelsunternehmen wie Tchibo, erfolgreicher zu werden?

Thorsten-RaquetThorsten Raquet: SAP S/4HANA ist das Rückgrat der zukünftigen Realtime-Prozesse, denn eine HANA-Datenbank bietet entscheidende Vorteile, zum Beispiel für virtuelle Integrationsmodelle. Das bedeutet eine wesentlich geringere Fehlerhäufigkeit im Tagesgeschäft. Es müssen zukünftig keine Daten mehr über Systeme repliziert und redundant gehalten werden.

Für den Fachbereich heißt das: Alle Mitarbeitenden schauen auf dieselbe „Realtime-Wahrheit“ der Daten. Auch die Möglichkeit, einen Datenwürfel zu drehen, ist „on your fingertip“ verfügbar, was eine wesentlich schnellere Analyse der Ist-Situation ermöglicht. Für ein Handelsunternehmen liegt der entscheidende Vorteil darin, dass sich über die Commodity-Themen hinaus neue Möglichkeiten ergeben, Predictive Analytics zu betreiben und auf dieser Basis die Bedarfe des Kunden noch gezielter zu decken.

Nur wenn Kundenverhalten noch genauer vorhergesagt werden kann, ist es möglich, die richtige Ware zum richtigen Preis an den richtigen Ort zu bringen.

 

Welche Rolle spielt die Cloud dabei — für Tchibo, aber auch für andere SAP-Kunden?

Die Cloud hat heute so viele Facetten, dass wir vor der Antwort eine kurze Definition für das gemeinsame Verständnis benötigen. Es gibt drei Modelle: Partner Managed Cloud (PMC), SAP Private Cloud, Public Cloud.

Die Cloud-Modelle sind für jedes Unternehmen spezifisch abzuwägen. Große Unternehmen, die einen hohen Individualisierungsgrad aufweisen, entscheiden sich oft für eine hybride Cloud-Variante. Das bedeutet, Teile der Systemlandschaft stehen in der Private Cloud und andere Teile in der Public Cloud.

 

Drei Weichenstellungen für S/4HANA-Projekte

Welche größten Herausforderungen sehen Sie bei der Umstellung für Entscheider?

Hier möchte ich auf drei grundlegende Punkte eingehen.

Erstens: Die Grundsatzentscheidung: Brownfield versus Greenfield

Als Unternehmen muss ich mich fragen, ob meine Prozesse aktuell dynamisch und auf das sich ändernde Geschäftsmodell anpassbar sind. Sind mir Geschwindigkeit und Risikominimierung wichtig und eine Trennung zum Business-Optimierungsprojekt? Dann kann der Brownfield-Ansatz eine gute Wahl sein.

Wenn ich als Unternehmen eher „alte Zöpfe“ abschneiden und mich von historischem Ballast befreien möchte oder zum Standard entwickeln und Business Value generieren will, kann der Greenfield-Ansatz die bessere Wahl sein. Dafür müsste ich dann eine längere Laufzeit, höhere Komplexität und einen großen Unternehmens-Change in Kauf nehmen.

Zweitens: Das Umdenken: Auswahl des Deployment-Modells

Viele IT-Abteilungen möchten nicht, dass ihre Systeme in die Cloud gehen, weil sie dann eine ihrer Kernkompetenzen aufgeben. Das erfordert ein massives Umdenken auf CIO-Seite, weil die Skills der IT neu ausgerichtet werden müssen. Ein Problem kann auch sein, dass ein Unternehmen jahrelange Hosting-Verträge geschlossen hat, aus denen es nicht kurzfristig ausscheiden kann.

Früher oder später wird es allerdings mit zunehmender Verbreitung der Cloud-Instanzen immer weniger wirtschaftlich, eigene Systeme zu betreiben und den Betrieb dafür mit allen SLAs zu gewährleisten. Letztendlich geht es darum, welches Deployment-Modell für mich als Unternehmen zukunftsfähig ist und was am besten zu meiner Infrastruktur passt.

Drittens: Die Projektmethodik: Agil versus Waterfall

Vor der Transformation sollte geklärt werden, wer intern die Verantwortung übernimmt und am Steuer sitzt. Mache ich die Konversion nur, weil die Wartung ausläuft oder fordert das Business Mehrwerte? Zudem muss man sich als Unternehmen fragen, ob man in der Vergangenheit nach der Wasserfallmethodik eingeführt hat, z. B. durch Schreiben von Lastenheften und mit langer Implementierungsphase, oder ob man aktuell schon agiler aufgestellt ist. Hier gibt es kein richtig oder falsch.

Die agile Arbeitsweise versucht, das Business und alle Stakeholder schneller einzubauen und schnelle Feedback-Zyklen zu haben, z. B. mit kürzeren Release-Zyklen. Für eine SAP-Implementierung existiert jedoch noch kein agiles Modell, das einfach aus dem Lehrbuch übernommen werden kann. Es ist wichtig, agile Instrumente so zu nutzen, dass es zur Organisation passt.

 

S/4HANA-Einführung bei Handelsunternehmen

Und wie begegnen Sie diesen Herausforderungen in Projekten?

Thorsten Raquet: Gute Vorbereitung auf die Konversion ist eine unerlässliche Basis. Es gibt im Vorfeld viel zu beachten und es sind Grundvoraussetzungen zu schaffen, um überhaupt mit einer Konvertierung beginnen zu können. Das ist höchst individuell und wir unterstützen unsere Kunden mit unserem Transformation Launchpad, damit sie die relevanten Handlungsfelder erkennen.

Zudem führen wir regelmäßig Vorstudien durch und helfen unseren Kunden dabei, die zentralen Eckpfeiler zu bewerten und individuell auf den Unternehmenskontext auszuprägen. Diese Vorstudie bietet dann eine technische sowie fachliche Entscheidungsgrundlage für die Konversion.

 

Was erfahren wir in Ihrem Beitrag bei der ITOK22?

Wie eine große S/4HANA Transformation „in time and budget“ gelingen kann. Zusätzlich wird Christoph Kastaun deutlich machen, was Tchibo aus der Umstellung an Mehrwerten generiert hat. Hier registrieren …

 

S/4HANA als Enabler für Omnichannel

Wer sind die größten Zweifler in Bezug auf die SAP S/4HANA-Transformation? Sprich: Wem würden Sie den Tchibo-Erfahrungsbericht ganz besonders ans Herz legen?

Die größten Zweifler sind die Personen, die einen Business-Case damit rechnen wollen, nur das Core SAP auf S/4HANA zu konvertieren. Gelangweilt von den SAP Marketing-Slogans für S/4HANA fehlt es ihnen oft an der konkreten Adaption, was beispielsweise „In-Memory Geschwindigkeit“ wirklich bedeuten kann.

Zusätzlich gehört zur Transformation immer eine Vision, die zeigt, wo ich als Unternehmen hinwill und wie ich mir neue Technologien zunutze machen kann, um meinen Kunden noch besser zu verstehen. Insbesondere im Retail ist S/4HANA ein Enabler für Omnichannel-Prozesse im SAP CAR und ein Muss für die Zukunft.

 

Was wird 2022 das dominierende Thema in der SAP-Community?

Die Anzahl der Kunden, die eine S/4HANA-Transformation machen wollen, bisher aber abgewartet haben, weil sie keine Early-Birds sein wollten, wird weiterhin stark zunehmen. Das Ende des Supports für das alte ERP-System 2027 rückt näher und insbesondere komplexe Systemlandschaften benötigen eine gewissenhafte Planung und Durchführung der Transformation.

Rise with SAP wird weiterhin ein Thema sein und alte Hosting-Modelle auf Basis des geringen TCO – also niedrigerer Gesamtkosten – obsolet machen. Immer mehr Kunden werden sich mit der Cloud beschäftigen, wenn die Rahmenbedingungen passen.

Die SAP Public Cloud for Retail wird eine höchst standardisierte Lösung mit einem stark industrialisierten Implementierungsmodell zu Kampfpreisen in den Markt bringen. Das wird insbesondere für kleinere und bereits standardnahe Systeme eine echte Option.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Helge Sanden, Chefredakteur des IT-Onlinemagazins.

 

S/4HANA-Erfahrungsberichte bei der ITOK22

ITOK22-SAPSie können diesen und alle Beiträge der #ITOK22 live (24.01. – 27.01.22) oder als Aufzeichnung (sofern Sie sich für den jeweiligen Expert-Talk registriert haben) verfolgen und eigene Fragen an die Expertinnen und Experten stellen.

Beim siebten Gipfeltreffen der SAP-Community geben SAP-Kunden vier Tage lang Erfahrungsberichte aus S/4HANA-Projekten, SAP-Optimierungen, Business-Transformationen und zur Automatisierung. Zusätzlich gibt es vielfältige Interaktions- und Networking-Möglichkeiten.

 

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