SAP kündigt Branchenlösung IS-H für Krankenhäuser Ende 2030 ab

Krankenhäuser und Kliniken haben beim DSAG-Jahreskongress 2022 eine bedeutsame Nachricht von SAP bekommen: Die bisherige Branchenlösung IS-H, die Funktionalitäten für Patientenmanagement und Patientenaccounting umfasst, wird nur noch bis Ende der Wartung (2027 bzw. 2030) von ECC 6.0 verfügbar sein. Eine Nachfolgelösung auf S/4HANA wird es von SAP selbst nicht mehr geben. Das kommt einem Rückzug aus dem Healthcare-Bereich gleich.

Hermann-Josef Haag DSAGDie Auswirkungen sind weitreichend, beispielsweise nutzen in Österreich über 97 Prozent der Kliniken die SAP-Lösung, auch in Deutschland ist der Verbreitungsgrad hoch. SAP möchte den Krankenhäusern eine Nachfolgelösung über Partner anbieten und diesen mehrere Optionen zur Anbindung geben – eine über die SAP Business Technology Platform als FHIR-Schnittstelle (Fast Healthcare Interoperability Resources) und eine API direkt zu S/4HANA.

Von Hermann-Josef Haag (DSAG-Fachvorstand Personalwesen & Public Sector | Foto oben), Walter Schinnerer (DSAG-Fachvorstand Österreich) und Michael Pfeil (DSAG-Arbeitskreissprecher Healthcare) wollten wir wissen, was das für die Kliniken bedeutet und welche Strategien nun möglich sind.

 

Was wurde beim DSAG-Jahreskongress zu SAP IS-H verkündet?

Hermann-Josef Haag: Die Branchenlösung IS-H wird es nach 2030 nicht mehr geben. Stattdessen will SAP nach eigenen Angaben „Optionen“ für das modulare Krankenhaus-IT-System bieten.

 

SAP nimmt Abstand vom Healthcare-Bereich

Wie kommt die Abkündigung von SAP IS-H am Markt an?

Walter Schinnerer: Als Anwendervereinigung begrüßen wir, dass nun Klarheit herrscht. Dennoch wirkt dieser Schritt von SAP so, als würde der Software-Hersteller Abstand zur Branche nehmen.

Michael Pfeil: SAP kündigt eine gute, stabile, etablierte und akzeptierte Lösung ab. Eine Lösung, die wir im Tagesgeschäft brauchen. Das sorgt natürlich für Unzufriedenheit und Enttäuschung sowie für den Verlust von Vertrauen in die Entwicklungsstrategien von SAP.

 

Was bedeutet das für Anwenderunternehmen und für SAP Patient Accounting und SAP Patient Administration?

Walter Schinnerer: Die Folge der strategischen SAP-Entscheidung wird sein, dass jedes Krankenhausinformationssystem, wie z. B. i.s.h. med, nun von den Anwendern um die Patientenabrechnung und Patientenadministration erweitert werden muss. Für die Anwender bedeutet das einen erheblichen personellen und monetären Aufwand bei entsprechenden Projekten.

Hermann-Josef Haag: Insgesamt ist auch der Zeitplan mehr als sportlich. Es handelt sich ja nicht um kleine Lösungen, die man mal eben so ersetzen kann.

 

SAP-Partner sollen KIS-Integration vornehmen

SAP will Branchenlösungen zukünftig über branchenspezifische Datenmodelle und BTP-Schnittstellen unterstützen und Partnern damit die Ausgestaltung ermöglichen. Wie bewertet Sie das?

Michael-Pfeil-DSAGMichael Pfeil: Sicherlich sind zukunftsorientierte Lösungen und Angebote sinnvoll, allerdings ist in diesem Fall der zeitliche Aspekt ein wesentlicher Faktor. Wir sehen nicht, dass Partnerlösungen entsprechend bereitstehen, um in dem nun durch das Wartungsende vorgegebenen Zeitkorridor Bestandssysteme abzulösen.

Des Weiteren ist die Nutzung der BTP ein ganz entscheidendes Kriterium. Hierzu bedarf es noch Anpassungen, um eine Nutzung in dem Kontext „Patientendaten“ zu ermöglichen.

 

Welche Partner könnten die Lösung anbieten – und welche Voraussetzung müssten bezüglich der Cloud-Nutzung im Klinikbereich erfüllt sein?

Michael Pfeil: Die Politik muss eingreifen, Standards etablieren und Ressourcen bereitstellen. Verhandlung sollten nur im Beisein von Experten oder politischen Einrichtungen stattfinden. Cloud-Instanzen sollten für Behörden und entscheidende öffentliche Institutionen in Deutschland aufgesetzt werden. Der Datenschutz muss angepasst werden – das ist der entscheidende Part.

Walter-SchinnererWalter Schinnerer: SAP ermöglicht allen Partnern auf der Industry-Cloud entsprechende Lösungen zu entwickeln. Es wird spannend, ob KIS-Hersteller oder andere SAP-Partner diese Möglichkeit in Anspruch nehmen und eine neue Patientenabrechnung auf dieser Plattform entwickeln und zur Verfügung stellen.

Für den Einsatz potenzieller Cloud-Services für die Nutzung im klinischen Bereich müssen jedenfalls noch Rahmenbedingungen und Details geklärt werden. Hier erwarten wir uns eine offene und transparente Diskussion mit den Herstellern.

Hermann-Josef Haag: Zunächst muss abgewartet werden, was genau der Foundation Service auf der BTP bietet. Parallel müssen sich Krankenhäuser jetzt überlegen, wie sie die fehlende Funktionalität ersetzen. Das kann durch einen Partner von SAP erfolgen oder nicht.

 

Krankenhäuser mit SAP brauchen neue IT-Strategie

Welche Optionen haben Krankenhäuser jetzt noch — und wie schnell müssen sie handeln? In Österreich wird SAP IS-H ja nahezu flächendeckend eingesetzt.

SAP-IS-H-eingestellt-Ende-AnkündigungMichael Pfeil: Wir müssen gemeinsam agieren und es muss im gesamten DACH-Raum eine transparente Zusammenarbeit auf Augenhöhe stattfinden. Das ist die Chance!

Walter Schinnerer: Es ist wesentlich, dass sich der jeweilige KIS-Partner jetzt zur geänderten Strategie bzw. zum Wegfall der bisherigen Branchenlösung Healthcare äußert. Als Anwenderverband stehen wir allen Partnern als direkter Gesprächspartner zur Verfügung. Wir wollen unseren Mitgliedern Orientierung und Unterstützung für diese – von uns in dieser Form nicht erwartete – Transformation in die neue SAP-Technologie geben.

Eine konkrete Antwort auf die Frage können wir also erst geben, nachdem wir mit den KIS-Herstellern und SAP-Partnern gesprochen haben.

Hermann-Josef Haag: Die Entscheidung führt dazu, dass alle betroffenen Einrichtungen ihre IT-Strategien anpassen müssen. Das bedeutet, dass wir von SAP schnelle Antworten zu den möglichen Partnern und der Zielarchitektur brauchen.

Die DSAG wird ihre Mitgliedsunternehmen bei diesem Thema mit kurzfristigen Angeboten unterstützen. Den Auftakt macht die Interessenvertretung mit einer Online-Session am 24.10.2022 um 16:00 Uhr unter dem Titel „SAP Strategie Health“.

 

Die Fragen stellte Helge Sanden, IT-Onlinemagazin.

 

 

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