Supply Chain und Produktionsprozesse mit SAP weiter digitalisieren?

Innovationen und neue Technologien versprechen — als Enabler der Digitalisierung — Optimierungspotenziale in Produktionsunternehmen. SAP-Lösungen können hier mittlerweile im gesamten Lifecycle unterstützen, vom Produktdesign, über die Planung, Produktion, Logistik und auch im Betrieb.

Wir fragten Wolfgang Rüth, Leiter Business Development Produktion bei der SALT Solutions AG, in welchen Bereichen die Unternehmen aktuell investieren, wo er die größten Optimierungspotenziale sieht, wie gut die integrierten SAP-Lösungen passen und was er SCM-Verantwortlichen empfiehlt?

 

 

Herr Rüth, welche Themen werden aktuell in der produzierenden Industrie diskutiert – und wo wird investiert?

SALT-Solutions-Wolfgang-RüthWolfgang Rüth: Die Industrie beschäftigt sich heute vorrangig mit Maßnahmen, die dazu beitragen, den End-to-End-Prozess digital abzubilden. Unternehmen wollen Silos auflösen und so ihre Prozesse beschleunigen, vereinfachen und die nötige Transparenz schaffen. Investiert wird vorrangig in die Durchgängigkeit der Prozesse und die damit verbundenen Maschinen, die dazugehörige Technik und die Geräteanbindung. Ganz allgemein kann man sagen, dass Unternehmen das „Digitale Paradigma“ annehmen und individuell auf ihre Firma ummünzen müssen. Das ist ein hartes Stück Arbeit, denn viele Unternehmen wissen noch nicht, wo und wie sie mit der Digitalisierung starten sollen.

Außerdem wird natürlich SAP S/4HANA diskutiert. Denn damit hat die SAP ein neues ERP speziell für die Digitalisierungsstrategie auf den Markt gebracht und mit dem Wartungsstopp für das Vorgängersystem bereits im Jahr 2025 eine straffe Deadline für dessen Einführung gesetzt. Damit hat SAP die Beschäftigung mit der Frage „Wollen wir auf S/4HANA konvertieren, wie machen wir es (und gibt es Alternativen)?“ natürlich jedem ihrer ERP-Kunden auf die Agenda geschrieben.

 

Wo sehen Sie die größten Optimierungspotenziale oder Chancen durch Innovationen oder Technologien?

Grundsätzlich können Sie jeden Prozess optimieren, der noch nicht digitalisiert ist. Wenn Ihr Ziel „Operational Excellence“ lautet, dann reicht es auch aus, wenn Sie lediglich den Prozess optimieren. Wenn Sie aber „Business Excellence“ erreichen möchten, müssen Sie ganz neue digitale Geschäftsmodelle schaffen. Das größte Potenzial für Innovationen sehe ich im Umfeld der Künstlichen Intelligenz.

Im Produktionssektor ist etwa die Möglichkeit vielversprechend, durch Mustererkennung mit KI auf Fotos von gefertigten Werkstücken innerhalb von Sekundenbruchteilen Fehler zu erkennen. Durch diese Effizienzsteigerung kann eine Smart Factory jedes einzelne Produkt daraufhin genau prüfen, ob es gut ist, Ausschuss oder einer Nacharbeit bedarf, und nicht mehr nur eine Stichprobe. Das dürfte die Qualität des Outputs stark erhöhen.

 

In welchen Fällen hat SAP S/4HANA klare Vorteile gegenüber den älteren SAP-Lösungen?

S/4HANA wird einen wichtigen Beitrag dabei leisten, alle Prozesse zu digitalisieren und das ERP auf ein neues Level zu heben. Es hat eine bessere Datenbankgrundlage und ist gekapselter, also in sich geschlossener mit Zugriff nur über Schnittstellen, wobei der leistungsstarke Kern unangetastet bleibt. Das in Ablösung befindliche SAP ERP war eigentlich genau genommen ein Software-Development-Kit mit ERP-Anhang: Jeder hat sich sein ERP stark individualisiert und Anpassungen auch und vor allem im Kern der Lösung vorgenommen.

Der Ansatz mit S/4HANA ist genau umgekehrt. Bei SALT Solutions gehen wir von folgendem Modell aus: S/4HANA liefert einen stabilen Kern, den die Anwender mit Individualisierungen auf IoT-Plattformen außerhalb dieses Kerns ergänzen.

S/4HANA ist stabil und gut aufgestellt, daher belassen wir den Kern so wie er ist. Wir verlagern die Integration von kundenindividuellen Prozesse auf eine IoT-Plattform, wobei wir bei OpenShift von Red Hat und Microsoft Azure derzeit einen klaren Vorsprung bei der Abbildung von Supply Chain Aufgaben sehen. Damit setzen wir und unsere Kunden zur Ergänzung des SAP-Kerns auf IoT-Plattformen, die für schnelle Updates und Releases vorgesehen sind. Sie arbeiten mit modernen Verfahren und Werkzeugen, so dass ein enormer Geschwindigkeitszuwachs zu verzeichnen ist.

Das ist der Hauptvorteil, den S/4HANA bietet: Unternehmen entkommen dem monolithischen ERP-Kosmos, sie gewinnen mit S/4HANA einen starken Kern und profitieren bei der Nutzung von Individuallösungen von der herausragenden Leistung der IoT-Plattformen. Diese Kombination erzeugt den Wettbewerbsfaktor, von dem Unternehmen in hohem Maße profitieren.

Wer dieses Modell als erster umsetzt, der wird starke Wettbewerbsvorteile haben. Nicht zu vergessen ist auch, dass sich S/4HANA für den Einsatz in der Cloud und in unterschiedlichen Hybridszenarien bestens eignet. Wer sich jetzt dafür entscheidet, S/4HANA ohne Verbiegen zu nutzen, der kann irgendwann in der Zukunft auf Knopfdruck komplett oder auch in Teilen auf die S/4HANA-Cloud-Lösung umsteigen.

 

Wie gut passen die „Embedded“-Funktionalitäten von S/4HANA, beispielsweise bei IBP oder Embedded Analytics, zu den Anforderungen einer zeitgemäßen Produktion? Wie weit kommt man damit?

SAP selbst, aber auch Partner, stellen Embedded-Funktionen zur Verfügung, die den SAP-Standard anreichern und den stabilen S/4HANA-Kern ausdehnen. Zum Beispiel ergänzt Embedded EWM die gesamte Lagerlogistik in SAP sehr sinnvoll und Embedded TM das Transportmanagement. Das ist eine gute Methode, um Prozesse richtig schnell zu digitalisieren, speziell für den Mittelstand.

Die Embedded-Funktionen alleine werden aber nicht ausreichen, um alle Prozesse vollständig einzufangen. Ich spreche vor allem von der „letzten Meile“: Zwischen 70 und 90 Prozent ihrer Prozesse können viele Unternehmen mit dem SAP-Kern abbilden. Für den übrigen Rest – die oft die entscheidenden Anteile sind und das Herz des Unternehmens ausmachen – brauchen sie aber die Anreicherung von individuellen Lösungen auf IoT-Plattformen.

Eine Ausnahme können kleinere Mittelständler darstellen. Wenn diese einen vernünftig aufgestellten Prozess haben, können sie vielleicht mit dem SAP-Standard inklusive der Embedded-Funktionen zurechtkommen. Aber größere, komplexe Unternehmen haben meiner Meinung nach hier keine Chance.

 

Wo liegen die größten Knackpunkte, wenn Produktionsunternehmen über die S/4HANA-Umstellung nachdenken?

Sie müssen sich bewusst sein: Es ist eigentlich keine Umstellung, sondern eine Neueinführung. Deshalb kommt der von SAP bevorzugte Brownfield-Ansatz unserer Erfahrung nach für viele nicht in Frage. Wir müssen den Greenfield-Ansatz wählen und praktisch von vorne anfangen. Wir lagern dabei in einem ersten Schritt alle bestehenden Individualisierungen, die Z-Programme, aus dem ERP in eine IoT-Plattform aus und lassen nur die qualifizierten Embedded-Funktionen im Kern, etwa unsere Add-Ons wie den Leitstand.

Im zweiten Schritt begutachten wir die im ERP umgesetzten Prozesse. Ist ein Prozess dem Standard angenähert, dann migrieren wir ihn auf S/4HANA. Aber bei vielen Unternehmen wurden die Prozesse in den 90er-Jahren eingeführt und sind dementsprechend veraltet. Wir müssen sie überarbeiten und ganz neu einführen.

Es müssen also alle Prozesse auf den Prüfstand. Sie dürfen nicht von einer schnellen Migration ausgehen, sondern von einem zeitaufwendigen Prozess, der auch andere Systemkomponenten beziehungsweise auch ganze Subsysteme, wie Lagersysteme oder MES, betrifft.

 

Was empfehlen Sie SCM-Verantwortlichen bezüglich der weiteren Digitalisierung?

Einfach starten! Lassen Sie sich nicht von zu großen Projektvorhaben und von zu vielen Bedenken von den ersten Schritten abhalten. Fangen Sie klein an, Sie müssen (und können) nicht alle Probleme auf einmal lösen.

Suchen Sie sich einen Prozess aus, bei dem Sie ein gewisses Verbesserungspotenzial sehen und gehen Sie dann analog zum japanischen Prinzip des KAIZEN vor: Analysieren Sie die Erfolge eines jeden Schritts und passen Sie Ihre Strategie nach und nach an. Im Projektmanagement heißt das: agil statt Wasserfall.

Binden Sie die Fachseite von Anfang an mit ein, bilden Sie gemeinsame Teams. So stellen Sie sicher, dass sich das gesamte Unternehmen auf den Weg zur digitalen Fabrik begibt. Dabei sind erstmal gar keine großen Investitionen in Hard- oder Software nötig, vielmehr ist entschlossenes Handeln ein zentraler Faktor.

Am wichtigsten aber ist: Handeln Sie nie ohne wirtschaftliches Ziel, an dem Sie den Erfolg ihrer Digitalisierungsmaßnahmen messen können. Denn Digitalisieren ist keine Mode um jeden Preis, sondern ist nur dann sinnvoll, wenn Sie Ihr Unternehmen dadurch erfolgreicher machen. So wird Digitalisierung zum Asset.

 

Was wird für Sie in den kommenden 12 Monaten das dominierende Thema in der SAP-Community?

Ganz klar die S/4HANA-Conversion, aus zwei Gründen. Erstens gilt das für 2025 vorgesehene Wartungsende der Vorgängerversion immer noch als Deadline, zu der Unternehmen ihre ERP-Umstellung auf S/4HANA abgeschlossen haben sollten. Da tickt die Uhr, wenn man die oben beschriebene Komplexität der Conversion bedenkt.

Außerdem gibt es nur eine begrenzte Anzahl an Beratern am Markt, die S/4HANA einführen können. Es wird sehr bald ein Rennen um die guten S/4HANA-Berater geben. Dabei müssen zwangsläufig einige Unternehmen bei der anstehenden Conversion auf der Strecke bleiben, sie werden ihre ERP-Umstellung nicht schaffen. Wir haben gerade noch fünf Jahre vor uns, daher ist kein Thema so dominant wie dieses.

Sogar wer aus SAP aussteigen will, steht unter Zeitdruck, denn grundsätzlich gilt auch für ihn: 2025 muss er eine neue Lösung betriebsfertig haben, auch wenn sie von Microsoft oder anderen Anbietern stammt. Kleine Unternehmen schaffen es vielleicht auch ein bisschen schneller, wenn sie nahe am Standard arbeiten. Aber die Großen haben keine Chance auf einen Wechsel bis 2025, wenn sie nicht im kommenden Jahr anfangen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Helge Sanden, Chefredakteur des IT-Onlinemagazins.

 

 

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