Industrialisierte SAP S/4HANA-Einführung: Vorteile und Beispiele

Beim S/4HANA-Umstieg fragen sich Verantwortliche, wie Systeme und Daten effizient und sicher in die neue IT-Umgebung migriert werden, und wie mit bislang bewährten Eigenentwicklungen verfahren werden soll. Neben einer langfristigen strategischen Planung hat die Wahl des Migrationsansatzes große Auswirkungen auf den Erfolg und die Dauer eines Transformationsprojekts.

Von Jörg Kaschytza, VP Business Consulting bei SNP Schneider-Neureither & Partner, wollte ich wissen, was er bei der S/4HANA-Einführung empfiehlt und was man unbedingt vermeiden sollte. Er erläuterte auch, was hinter „industrialisierten“ S/4HANA-Projekten steckt. Herr Kaschytza ist Gast eines Expert-Talks zur IT-Onlinekonferenz 2021 „SAP S/4HANA, SAP-Optimierung, Effizienzsteigerung und Digitale Transformation“ und berichtet dort gemeinsam mit dem S/4HANA-Projektleiter der Schweizer Post über die Transformation der globalen SAP-Systemlandschaft.

 

Herr Kaschytza, was sollten Unternehmen bei der S/4HANA-Einführung unbedingt beachten — und was vermeiden?

Jörg Kaschytza: Wenn man die letzten fünf Jahre S/4HANA-Projekterfahrung Revue passieren lässt, haben sich meines Erachtens folgende kritische Erfolgsfaktoren herauskristallisiert, die es zu berücksichtigen gilt:

  1. Gute Vorplanung
  2. Beherzigung des Trends zur Standardisierung
  3. Beschleunigung von S/4HANA-Projekten durch Industrialisierung

Warum? Mit einer S/4HANA-Einführung werden wesentliche Weichen für die Zukunft gestellt. Versäumnisse bei der Analyse der strategischen Rahmenbedingungen und der Festlegung einer daraus abgeleiteten Roadmap rächen sich durch unnötige Komplexität und die Verfehlung wesentlicher Ziele.

Joerg-KaschytzaSoftwaregestützte Analysen helfen bei der Entscheidungsfindung des zur Kundensituation passenden Transformationsszenarios und sorgen für verbesserte Planungsqualität.

Standardisierung ist seit R/3-Zeiten ein Dauerbrenner. Viele hielten das für kaum möglich, andere haben es erfolgreich gemacht und auf der Kostenseite stark profitiert. Standardisierung bleibt von hoher Bedeutung. Das gilt insbesondere in Zeiten von verfügbaren detaillierten SAP Best Practice Konzepten und daran aufbauenden Cloud-Lösungen.

Der dritte kritische Erfolgsfaktor “Industrialisierung von S/4HANA-Einführungen” lehnt sich daran an. Immer weniger Unternehmen können sich extreme Langläuferprojekte leisten, dafür dreht sich die Welt mittlerweile zu schnell. Ziele müssen in absehbarer Zeit erreicht werden.

Szenarien-basierte Transformationssoftware mit vorgefertigtem Content sowie ein softwaregestütztes Projektmonitoring über alle Projektphasen hinweg unterstützen die “Industrialisierung” von Transformationsprojekten und komplexen S/4HANA-Einführungen. Natürlich steckt hinter dieser Beschleunigung durch “Industrialisierung” neben dem zeitlichen Aspekt typischerweise auch eine Kosteneinsparung.

Soviel zu den besonders beachtenswerten Punkten, die natürlich auch Hinweise darauf geben, was zu vermeiden ist. Vielleicht als Ergänzung:

Viele Unternehmen überlegen, ob sie bestehende SAP ERP auf S/4HANA migrieren können – oder ob es nicht von vornherein besser ist, komplett neu zu starten, um nicht durch “altes Denken” zu kurz zu springen oder sich nicht in alten kundenspezifischen Lösungen zu verheddern, die man eigentlich ablösen will. In sehr stark modifizierten SAP-Landschaften macht das viel Sinn.

Für viele Kunden gibt es aber auch einen Mittelweg “Keep the Best – Transform the Rest” ist das Motto. Dieser Ansatz ermöglicht es, erprobte Lösungen zu übernehmen, auch grundsätzliche Übernahmen mit punktuellen Anpassungen sind möglich. Das ist ein Ansatz, der zu Projektverschlankungen führen kann, ohne an Gestaltungsmöglichkeiten zu verlieren.

 

Was sind die Herausforderungen bei globalen SAP-Systemlandschaften?

Die Herausforderungen bestehen einmal in der Komplexität der globalen SAP-Systemlandschaften – diese sind typischerweise durch eine Heterogenität der ERP-Lösungen (SAP, Non-SAP) gekennzeichnet. Dazu kommt die Heterogenität der vor- und nachgelagerten Systeme, die über Schnittstellen angebunden sind.

Aus der Anzahl der unterschiedlichen SAP ERP Systeme ergibt sich die Frage, ob diese alle zu einzelnen S/4HANA Umstellungen führen sollen, oder ob es bevorzugt wird, Projekte zu bündeln.

Eine Bündelung führt in aller Regel nur dann zu Synergie-Effekten, wenn Konzepte und Prozesse harmonisiert werden – falls nicht würde die Komplexität der individuellen SAP-Landschaften inhaltlich nur schwer zu bewältigen sein. Letztlich würde man wieder bei einer Vielzahl einzelner S/4HANA-Umstellungen enden.

In der Quintessenz führt die Planung der S/4HANA-Einführung in globalen SAP-Systemlandschaften zu einem größeren Umstellungsprogramm, das häufig mindestens eine System-Konsolidierung beinhaltet. In manchen Fällen kommt auch die Ablösung von Non-SAP ERP durch SAP dazu, oder man nutzt die Gelegenheit zu Prozess-Harmonisierungen.

Dies ist der Grund dafür, dass in Großunternehmen bisher kaum flächendeckende Umstellungen auf S/4HANA durchgeführt wurden. Sie sind in aller Regel noch mit den Vorarbeiten beschäftigt.

Die zweite Herausforderung besteht in der Reihenfolgeplanung der Umstellung – kann ein Big Bang umgesetzt werden? Ist ein wellenbasierter Ansatz zielführender? Sind Interimslösungen erforderlich – und viele Fragen mehr.

Die dritte Herausforderung betrifft das Change-Management. Selbst bei Unternehmen, die bereits eine globale Single Instance SAP-Lösung haben, stellt sich die Frage, ob die Team-Kapazität ausreicht, die Umstellung global in ausreichender fachlicher Tiefe betreuen zu können. Sollte das nicht der Fall sein, stellt sich die Frage, wie man die S/4HANA-Einführung in diesem Single Instance System schneiden kann. Mit SAP-Bordmitteln wird das schwer.

 

Welche Vorteile bietet Ihre „Bluefield“-Transformation in Bezug auf Qualität, Kosten und Zeit?

Der BLUEFIELD-Ansatz wendet unsere erprobte SNP-Transformations Software CrystalBridge auf S/4HANA an. Was heißt das genau?

SNP führt seit mehr als 25 Jahren Restrukturierungen von SAP-Systemen durch. Die Umstellungen erfolgen auf der Datenbankebene und sind daher sehr flexibel, was die Umstrukturierung von Stammdaten, SAP-Organisations-Modellen oder Geschäftsprozessen angeht. Auch die konsistente Umstellung und Mitnahme von historischen Daten aus SAP sind möglich. Die gleiche Flexibilität bieten wir auch für S/4HANA Einführungen an.

In Bezug auf Qualität heißt das, wir können sehr flexibel anpassen und auf S/4HANA migrieren. So können wir für Single Instance Systeme sowohl Big Bang wie auch gephaste S/4HANA-Einführungen anbieten. Wir verfügen über erprobte Test– Mechanismen, langjährige Erfahrungen und zahlreiche Referenzen zu erfolgreich von SNP durchgeführten Transformationen.

Mittlerweile ist unsere Software im SAP-Beratungsmarkt bekannt und etabliert. Viele namhafte Beratungen haben zwischenzeitlich Partnerverträge mit SNP abgeschlossen, um diese Software auf ihren Projekten einsetzen zu können und mehr Projektgestaltungsmöglichkeiten zu erhalten.

Der Zeitbedarf für die tatsächliche Umstellung ist typischerweise erheblich niedriger als mit klassischen Projektansätzen. Einer der Gründe besteht darin, dass bestimmte Vorprojekte gebündelt werden können. So ist beispielsweise keine Vorab-Einführung von Business Partnern erforderlich. “Keep the Best – Transform the Rest” hatten wir bereits erwähnt und ist ein weiterer Grund.

Dieser niedrigere Zeitbedarf schlägt sich auch in entsprechenden Kostenvorteilen nieder. Letztlich können wir eine “Industrialisierung” der S/4HANA-Einführung mit entsprechenden Synergie-Effekten anbieten. Je komplexer die Umstellungsprogramme sind, desto größer ist typischerweise dieser beschriebene Nutzen.

 

Welche Fehleinschätzungen beobachten Sie in S/4HANA-Projekten?

Ich denke, dass viele ursprüngliche Fehleinschätzungen mittlerweile einer klareren Sicht auf das Thema S/4HANA gewichen sind.

Der Markt teilt sich auf, in die Unternehmen, die S/4HANA eher nur als neues Release sehen. Diese legen den Fokus auf die “Must Dos” und verschieben Innovationen in eine Anschlussphase. Ein gangbarer Weg zum Beispiel bei Single Instance Systemen. Die Innovationen sollte man später allerdings nicht vergessen.

Die anderen Unternehmen sehen S/4HANA als Gelegenheit, sich neu zu erfinden und durch frühen Einsatz von Innovation einen Konkurrenzvorteil zu erlangen.

Die meisten Großkonzerne sind aus den vorhin beschriebenen Komplexitäts-Gründen fast gezwungen, sich zumindest in Teilen ihrer globalen SAP-Landschaften neu zu erfinden und wissen das auch.

 

Was erfahren wir von Ihnen bei der IT-Onlinekonferenz 2021?

Wir wollen anhand eines unserer Kundenprojekte die gerade geschilderten Themen durchgehen. Am Beispiel der Schweizer Post wollen wir vorstellen, was die Herausforderungen zu Beginn und während des Projektes waren. Ich freue mich, dass wir unseren Kunden für dieses Gespräch gewinnen konnten: Das wird den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen guten Überblick geben, wie man einen standardisierten und industrialisierten Ansatz verfolgen kann.

 

Was wird 2021 das dominierende Thema in der SAP-Community?

Industrialisierte S/4HANA-Einführung!

Oder ausführlicher: Unter dem Eindruck der aktuellen Covid-Krise noch kostengünstiger, schneller und sicherer auf SAP S/4HANA umzusteigen und trotz allem Bereinigungen, Harmonisierungen und Innovationen in einem Projekt unterzubringen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Helge Sanden, Chefredakteur des IT-Onlinemagazins.

 

Ausführliche Informationen bei der IT-Onlinekonferenz 2021:

Sie können diesen und alle Beiträge der #ITOK21 live (25.01. – 28.01.) oder als Aufzeichnung verfolgen und eigene Fragen an die Experten stellen.

Bei der IT-Onlinekonferenz geben SAP-Kunden vier Tage lang Erfahrungsberichte aus S/4HANA-Projekten und SAP-Optimierungen. Zusätzlich gibt es vielfältige Interaktions- und Networking-Möglichkeiten.

 

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