Wie organisiert man Tests bei S/4HANA-Migrationen?

Ein Erfolgsfaktor beim Umstieg auf SAP S/4HANA dürfte das Testen sein. Alle SAP-Geschäftsprozesse sollen auch nach der Transformation reibungslos und performant laufen. Muss man oder sollte man seine Teststrategie anpassen?

Von Thomas Köppner und Robert Kreher (beide Micro Focus) wollte ich wissen, wo die Herausforderungen liegen und welche Erfahrungen andere Unternehmen machen. Beide sind Gäste eines Expert-Talks zur IT-Onlinekonferenz 2020 „Wie machen es andere Unternehmen?“ und berichten dort, wie SAP-Kunden unterschiedliche Test-Anforderungen abdecken und Qualitätssicherung und Testvorhaben innerhalb des S/4HANA-Migrationsprojekts gestalten.

 

Herr Köppner, was sind — in Bezug auf Tests — die größten Herausforderungen bei der S/4HANA-Migration?

Thomas KöppnerThomas Köppner: Eine der größten Herausforderung sind die Testdaten. Zum einen sollen die Testdaten realistisch sein, zum anderen dürfen aber häufig aus rechtlichen Gründen keine Produktionsdaten verwendet werden. Alle Testdaten neu zu erzeugen wäre zu aufwändig. Zudem gibt es Abhängigkeiten zu Drittssystemen, in denen ebenfalls die passenden Testdaten vorhanden sein müssen.

Dabei sollten die Testdaten schon möglichst früh zur Verfügung stehen, um nicht erst in der letzten heißen Phase der Migration mit dem Testen zu beginnen. Die Herausforderung dabei ist, dass in frühen Phasen das Customizing noch gar nicht abgeschlossen ist, Schnittstellen noch nicht zur Verfügung stehen und auch die Drittsysteme noch nicht integriert sind.

 

Was testet man wann? Was kann man vorbereiten?

Generell gilt: Je früher man mit dem Testen beginnt, desto besser. Das Testen bis zum Projektende aufzuheben, ist keine gute Idee. Dann kommt es meistens zu kurz. In Folge leidet bleibt die Qualität auf der Stecke.

Daher sollte man auch mit der Vorbereitung schon so früh wie möglich beginnen. Testdaten können vorbereitet werden und Drittsysteme können virtualisiert werden, so dass man keine Probleme mit dem Anhängigkeiten oder nicht verfügbaren Schnittstellen hat.

Auch mit einer Testautomatisierung kann man schon relativ früh beginnen. Allerdings sollte dazu zumindest ein kleiner Teil bereits ausführbar auf einem Testsystem vorhanden sein. Sobald erste ausführbare Komponenten vorhanden sind, kann mit der Automatisierung begonnen werden. Der große Vorteil ist, dass man mit der Testautomatisierung den Aufwand in den Anfang des Projekts verlagert und dann gegen Ende umso schneller ist. Einmal automatisierte Tests müssen am Projektende nur abgespielt werden, laufen dann ziemlich schnell automatisch durch. Auf diese Weise hat man sehr schnell die Ergebnisse.

SAP Test S/4HANA Migration TransformationAber auch im gesamten Projektverlauf erhält man durch die immer wieder ausgeführten automatisierten Tests ein stetiges Feedback, ob Änderungen an einer Stelle nicht etwas an anderer Stelle kaputt gemacht haben, sogenannte „Seiteneffekte“. Durchdurch ist man sich ziemlich sicher, dass man durch Änderungen keine neuen Fehler eingeschleust hat und noch alles funktioniert.

Auch das Thema Last- und Security-Testing wird leider zu oft auf das Projektende verschoben, dabei ist ja auch hier einiges an Vorbereitung zu treffen, was bereits in frühen Projektphasen erledigt werden kann. So können Lasttest-Skripte und Szenarien zumindest für die Teile, die fertig sind, bereits auf einem Testsystem aufgebaut und durchgeführt werden.

Die Standard-SAP-Funktionen muss man dabei nicht testen, denn diese sind ja bereits von SAP mit den Micro Focus-Tools getestet worden. In Kundenprojekten muss das besondere Augenmerk daher auf Custom Code und Schnittstellen zu Drittsystemen gelegt werden. Auch hier gilt: Alles, was bereits irgendwie läuft, auch wenn noch nicht vollständig implementiert, kann schon getestet werden. Je früher man hier die wahren Problem aufdeckt, desto leichter sind sie noch zu beheben.

 

Herr Kreher, wie geht man das an, wenn man einfache SAP-Systemlandschaften hat?

Robert Kreher: Lassen Sie uns „einfach“ als eine SAP Systemlandschaft nahe am Standard definieren, idealerweise mit einem „clean core“. SAP schlägt ja hierfür als besten Ansatz die Neuimplementierung mit anschließender Datenmigration vor.

Dies ist auch vor dem Hintergrund der Qualitätssicherung ein wünschenswerter Ansatz, da ich die erforderlichen Last-, Funktions-, Sicherheits- und Akzeptanz-Tests unmittelbar in die Planung und den schrittweise Aufbau der neuen Landschaft integrieren kann. Auf diese Weise kommt man dem aktuellen Wunsch einer agilen, iterativen Implementierung wesentlich näher.

 

Worauf ist zu achten, wenn man große, hybride oder komplexe SAP-Systemlandschaften hat?

Robert KreherIm Gegensatz zur eben erwähnten „einfachen“ SAP Systemlandschaft müssen hier mehr Abhängigkeiten berücksichtigt werden. Wir reden in diesem Fall über SAP-Systeme, die üblicherweise an die jeweiligen Kundenbedürfnisse angepasst sind, eigene Entwicklungen und Erweiterungen aufweisen oder zur Datenverarbeitung mit anderen, in Regel ebenfalls komplexen Systemen verbunden sind. Nicht nur ist der Migrationsprozess anders (System Conversion), ich muss auch andere qualitätssichernde Maßnahmen betrachten.

Zusätzlich zu den bereits erwähnten Tests bei einfachen Systemlandschaften kommen noch Integrationstests hinzu, um die korrekte Interaktion mit Drittsystemen auch nach der Migration zu S/4HANA zu verifizieren. Ein weiterer Punkt ist, dass die bestehende Prozesse oder Erweiterungen ja mehr oder weniger 1:1 in die neue Welt übertragen werden (müssen). Hier sollte die Fachseite durch sogenannte Regressionstests sicherstellen, dass die Prozesse / Erweiterungen in der neuen Systemlandschaft noch dieselben Ergebnisse liefern wie vor der Umstellung.


Was wird für Sie in den kommenden 12 Monaten das dominierende Thema in der SAP-Community?

Robert Kreher: Taktisch S/4HANA-Migration. Strategisch C/4HANA.

Thomas Köppner: Für mich persönlich das Thema Teststrategie und Skalierung von agilem Vorgehen auf Unternehmensebene.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Helge Sanden, Chefredakteur des IT-Onlinemagazins.

 

 

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