
Mit dem Auslaufen von SAP Process Orchestration endet nicht nur ein Produkt, sondern eine ganze Integrationsphilosophie. Wer seine Systeme noch über gewachsene Punkt-zu-Punkt-Verbindungen koppelt, steht vor einer Weichenstellung, die weit über ein technisches Upgrade hinausgeht – und die in vielen Häusern unterschätzt wird, sagt Eduard Kumbeiz, Head of SAP Innovation & Cloud Transformation bei der COMLINE SE. Warum die SAP Integration Suite kein Eins-zu-eins-Nachfolger ist, sondern die Einladung, die eigene Datenlandschaft endlich zentral zu ordnen, erklärt er im Gastbeitrag für das IT-OnlineMagazin.
2027 ist näher, als die Roadmap glauben macht

SAP PI 7.5 und SAP Process Orchestration 7.5 sind das Ende der Fahnenstange: Es wird keine neue On-Premise-Release-Linie mehr geben. Die Mainstream-Wartung läuft bis Ende 2027, danach lässt sich der Support gegen eine deutlich erhöhte Wartungsgebühr bis Ende 2030 verlängern – ein teurer Aufschub, kein Zielbild. Einen direkten On-Premise-Nachfolger gibt es nicht. Der offiziell benannte Weg führt in die SAP Integration Suite, das Integration-Platform-as-a-Service-Angebot auf der SAP Business Technology Platform (BTP).
Das klingt nach komfortablem Zeitfenster, ist aber keines. Eine ausgewachsene PI/PO-Landschaft mit mehreren Hundert Schnittstellen migriert man nicht in einem Quartal. Wer 2026 nicht mit der Bestandsaufnahme beginnt, plant unter Zeitdruck – mit Folgen für Qualität und Verhandlungsposition.
Vom Schnittstellen-Dickicht zur zentralen Drehscheibe
Viele Bestandskunden verbinden ihre Systeme bis heute über direkte Punkt-zu-Punkt-Strecken: ERP an CRM, ERP an Lager, Lager an Versanddienstleister – jede Verbindung eigens gebaut und gewartet. Bei einer Handvoll Systeme funktioniert das. Mit jedem weiteren System wächst die Zahl der Verbindungen jedoch überproportional, bis niemand mehr sicher sagen kann, welche Schnittstelle welche Daten transportiert. Ändert ein System sein Format, reißt die Kette an unvorhersehbarer Stelle.
Die Antwort darauf ist keine neue Technologie, sondern ein Architekturprinzip: eine zentrale Integrationsschicht als Drehscheibe. Statt Systeme direkt zu verdrahten, laufen alle Datenflüsse über eine Plattform, die entkoppelt, übersetzt, routet und protokolliert. Genau das ist die Rolle der Integration Suite – und zugleich die technische Voraussetzung für die Clean-Core-Strategie von SAP: Integrationen und Erweiterungen gehören aus dem ERP-Kern heraus auf die BTP, damit S/4HANA upgrade-fähig und sauber bleibt.
Was die Integration Suite heute leistet
Die Plattform ist mehr als ein Mapping-Werkzeug. Cloud Integration übernimmt die Message-Verarbeitung über Integration Flows, das API Management stellt ein vollwertiges API-Gateway samt Developer-Portal bereit. Über Event Mesh reagieren Systeme auf Geschäftsereignisse in Echtzeit, statt nächtlich Batches zu schieben. Für B2B und EDI stehen Integration Advisor und Trading Partner Management bereit, dazu mehrere Hundert vorgefertigte Konnektoren.
Die jüngste Neuerung verändert die Arbeitsweise grundlegend: generative KI. Mit Joule beschreibt der Integrationsverantwortliche ein Szenario in natürlicher Sprache, und die Plattform schlägt den passenden Integration Flow vor – samt Mappings, abgeleitet aus den erkannten APIs. Integration verschiebt sich vom manuellen Zusammenklicken zum Beschreiben der fachlichen Absicht – ein realer Hebel gegen den Fachkräftemangel.
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„Von PI/PO zur SAP Integration Suite: Eine zentrale Datendrehscheibe für die Zukunft“
17. Juni, 10 Uhr
Welche Migrationsszenarien wirtschaftlich tragen, was On-Premise-Kunden zusätzlich klären müssen und wie sich der Weg von Punkt-zu-Punkt zur zentralen Integrationsplattform in einen belastbaren Fahrplan übersetzen lässt, vertieft COMLINE im Webinar „Von PI/PO zur SAP Integration Suite: Eine zentrale Datendrehscheibe für die Zukunft“. Anmeldung und Programm
Der Pferdefuß für On-Premise: Edge Integration Cell
Ein verbreiteter Einwand lautet: Unsere Daten dürfen die eigene Landschaft nicht verlassen. Dafür gibt es die Edge Integration Cell – eine hybride Laufzeitumgebung als optionale Erweiterung der Integration Suite. Entworfen und überwacht wird im Cloud-Tenant, ausgeführt im eigenen Rechenzentrum auf Kubernetes. So bleiben sensible On-Premise-zu-On-Premise-Strecken lokal – der Klassiker bei strengen Datenresidenz- und Compliance-Anforderungen.
Drei Punkte gehören dabei vorab auf den Tisch. Erstens: Die Edge Integration Cell setzt eine aktive Integration-Suite-Subscription voraus – sie ist eine Erweiterung, kein eigenständiges On-Premise-Produkt. Zweitens: Sie verlangt eine betriebene Kubernetes-Umgebung mit Hochverfügbarkeits- und Sizing-Konzept, eine neue Betriebsdisziplin für klassische PI/PO-Teams. Drittens: Nicht jeder Adapter steht von Tag eins bereit; die Feature-Parität wächst über die Roadmap.
Szenario A – überwiegend cloudfähige Szenarien: Wer hauptsächlich SAP-Cloud und externe Dienste anbindet, geht direkt auf Cloud Integration im Tenant. Schnellster Weg zum vollen Funktionsumfang, inklusive KI-Unterstützung und API Management.
Szenario B – On-Premise-lastig oder datenresidenzkritisch: Hier ist die Edge Integration Cell die hybride Brücke. Steuerung aus der Cloud, Verarbeitung im eigenen Rechenzentrum – mit dem genannten Mehraufwand für Betrieb und Sizing.
Szenario C – Neueinstieg oder Greenfield: API-led und event-driven von Tag eins, zentrale Drehscheibe statt Punkt-zu-Punkt, keine alten Mapping-Altlasten. Die teuerste Entscheidung ist hier, das alte Muster in neuer Technik zu wiederholen.
Was im Projekt wirklich entscheidet
Aus zahlreichen Projekten lassen sich vier Wirkprinzipien destillieren. Erstens: erst bewerten, dann bauen. Das Migration-Assessment-Werkzeug schätzt den Aufwand je Szenario und trennt Automatisierbares von Neu-zu-Entwerfendem. Zweitens: kein Lift-and-Shift – alte Mappings eins zu eins nachzubauen, konserviert die Schwächen der Vergangenheit. Drittens: API-led und ereignisgetrieben denken. Viertens: Governance vor Technik – ein Integration Center of Excellence mit ‚get clean, stay clean‘-Regeln verhindert, dass das alte Dickicht in der Cloud nachwächst.
Das größte Anti-Pattern bleibt das schnelle Abhaken der Migration als reines Technikprojekt. Wer die Bestandsschnittstellen nur umzieht, statt sie nach dem Drehscheiben-Prinzip neu zu ordnen, verschenkt genau den Nutzen, für den der Wechsel überhaupt lohnt.
Fazit: eine strategische, keine technische Entscheidung
Das Ende von PI/PO ist mehr als ein Wartungsstichtag. Es ist die Gelegenheit, eine über Jahre gewachsene Punkt-zu-Punkt-Landschaft durch eine zentrale Datendrehscheibe zu ersetzen – die Grundlage für Clean Core, Echtzeitprozesse und KI-Fähigkeit. Wer bis 2027 keinen Kurs gesetzt hat, riskiert eine brüchige Integrationslandschaft auf einer abgekündigten Architektur, mit Folgen für Betriebskosten, Ausfallsicherheit und Innovationstempo.
Die gute Nachricht: Der Wechsel ist planbar. Die weniger gute: Er verlangt eine Integrationsstrategie, kein bloßes Tool-Upgrade – und die Entscheidung, ob On-Premise-Strecken über die Edge Integration Cell hybrid abgesichert werden müssen.
Eduard Kumbeiz ist Head of SAP Innovation & Cloud Transformation bei COMLINE SE. Mit über 20 Jahren SAP-Erfahrung begleitet er Unternehmen bei der strategischen Modernisierung ihrer SAP-Landschaften – von klassischem Custom Code hin zu ABAP Cloud, RAP und Clean-Core-konformen Architekturen auf S/4HANA, Private Cloud und SAP BTP. Bei COMLINE SE verantwortet er die Entwicklung moderner SAP-Services und unterstützt Teams dabei, ihre vorhandene Expertise in zukunftsfähige, skalierbare Architekturen zu überführen.
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