
Der Begriff „Transformation“ bekommt gerade die Bedeutung, die er eigentlich schon immer hatte: eine strategische Neuausrichtung, die Geschäftsmodell, Prozesse und Organisationsstruktur gleichermaßen betrifft. Für SAP-Kunden heißt das: Die SAP Business Suite ist Kernelement der Vision einer durchgängig nutzbaren Systemlandschaft, in der Künstliche Intelligenz direkt in operative Geschäftsprozesse eingebettet wird, um dort autonom oder assistierend zu agieren.
Das von Christian Klein auf der Sapphire im Mai 2026 in Orlando vorgestellte Bild des autonomen Unternehmens hat die KI-Strategie von SAP nun noch weiter konkretisiert. Die Cloud als Basis mit KI-gesteuerten Geschäftsprozessen in der Zielarchitektur bleibt gesetzt. Neu angekündigt wurde ein möglicher zusätzlicher Motivator für alle On-Premises SAP-Kunden, die gerade noch zögern in die Cloud umzusteigen: Mit einem RISE-Vertrag zur Migration auf SAP Cloud ERP sollen sich ausgewählte SAP-AI-Szenarien schon in der lokalen Welt nutzen lassen.
Die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Das Problem: Unternehmen ringen in der Regel noch mit den dafür erforderlichen Grundvoraussetzungen. Das hat die 24. IT-OnlineKonferenz im Mai 2026 in vielen Kunden- und Expertenstimmen bestätigt. Es fehlt vor allem die nötige Datenbasis für den Einsatz von umfassender KI. Gewachsene Systemlandschaften und knappe interne Ressourcen gehören ebenfalls zu den großen Herausforderungen. Der Abstand zwischen dem, was technologisch möglich ist, und dem, was Organisationen heute tatsächlich umsetzen können, hat sich zuletzt weiter vergrößert.
Was bedeutet das für die Geschäftsbereiche (Lines of Business/LoBs) und Fachabteilungen in Unternehmen? Welche Themen müssen CIOs jetzt weiter antreiben? Auch darüber wurde diskutiert. Inhaltlich reichte das Spektrum von KI-getriebenen Transformationen und strategischen S/4HANA-Umstiegsprojekten über automatisierte Rechnungsverarbeitung und E-Invoicing-Einführungen bis hin zu KI-gestützter Finanzsteuerung, der SAP-EWM-TM-Integration in der Logistik und HR-Transformation mit SAP SuccessFactors. Einen eigenen Schwerpunkt bildete die Frage, wie KI-Agenten SAP-Transformationen als Plattform wiederholbar und skalierbar machen können.
Empfehlungen für die Transformation der LoB
Die Empfehlungen aus den rund 20 Konferenzbeiträgen folgen einem gemeinsamen Grundprinzip: Strategie vor Technologie. Neutrale Beratung vor der Partnerauswahl. Ein klares HR-Zielbild vor dem ersten Workstream. Prozessverständnis vor der Lösungsentscheidung.
1. Bei der Partnerwahl genau hinschauen
Die Wahl des richtigen Implementierungspartners ist eine der folgenreichsten Entscheidungen im gesamten Transformationsprojekt und sollte gut durchdacht sein. Branchenverständnis, methodische Reife und die Fähigkeit, auch nach dem Go-live verlässlich zu begleiten, sind erfolgskritisch.
2. Prozesse verstehen, bevor Lösungen gewählt werden
Prozessklarheit vor Projektstart ist in jedem Geschäftsbereich empfehlenswert und spart spätere Korrekturen. Wer E-Invoicing einführt, um einfach nur compliant zu sein, nutzt nur einen Bruchteil des Potenzials. Wer SAP SuccessFactors als reinen Systemwechsel versteht, übernimmt bestehende Komplexität in eine neue Welt.
3. Datenstrategie als Fundament für KI-Mehrwert
Überall dort, wo KI konkret eingesetzt werden soll, stellt sich dieselbe Frage zuerst: Sind die Daten belastbar genug? Ohne saubere Datenbasis erreicht man keinen Mehrwert. Die Datenqualität als nachgelagerte Aufgabe zu behandeln bedeutet, sie spätestens nach dem Go-live als Engpass wiederzufinden.
4. Transformation endet nicht mit dem Go-live
Fachbereiche, die zu spät eingebunden wurden, fehlende Governance-Strukturen, unterschätzte Komplexität bei SAP EWM: Der eigentliche Aufwand beginnt oft erst nach der Inbetriebnahme. Betrieb, Adoption und Weiterentwicklung sind keine Folgeprojekte, sondern Bestandteil einer Transformation, die sich als kontinuierlicher Prozess verstehen muss.
Erkenntnis: Transformation ist keine Systemfrage
Die Sapphire-Ankündigungen definieren den Rahmen von SAP, die IT-OnlineKonferenz zeigte vorhandene Lücken auf dem Weg dorthin auf. „SAP formuliert mit der Business Suite und KI-Szenarien via RISE ein kohärentes Zielbild“, kommentiert IT-OnlineMagazin-Chefredakteurin Maike Rose die aktuelle Entwicklung. „Der technologische Fortschritt läuft der Umsetzungsfähigkeit vieler Unternehmen aber weiterhin davon.“ Umso wichtiger sei es, eine Transformation nicht mehr als klassisches IT-Projekt zu planen, so ihr Konferenz-Fazit: „Die entscheidenden Weichen müssen in Strategie, Daten und Organisation gestellt werden, nicht im System.“
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