
SAP-Transformationen sind längst keine reinen IT-Projekte mehr, sondern ein strategischer Hebel für Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Skalierbarkeit – das ist die Sicht von SAP. Katrin Lehmann ist CIO bei Mercedes-Benz – mit einer langjährigen, eigenen Historie bei SAP. Wie sie aus dieser Doppel-Perspektive die SAP-Transformation bei Mercedes-Benz bewertet, welchen realen Mehrwert sie darin sieht und womit SAP den CIOs von Anwenderunternehmen tatsächlich Unterstützung bieten kann, schildert sie im Gespräch mit Michael Fuchs (Senior SAP-Analyst, IT-OnlineMagazin).
SAP: Rückgrat der Enterprise-IT bei Mercedes-Benz
Michael Fuchs: Welche Rolle spielt die Mercedes-Benz-IT heute konkret in der Digitalisierungsstrategie für Mercedes Benz? Und welcher Stellenwert kommt dabei den SAP-Lösungen zu?
Katrin Lehmann: IT ist ein wichtiger Bestandteil der Unternehmensstrategie – und IT ist für uns der unsichtbare Motor der Transformation. SAP spielt dabei eine zentrale Rolle in unserer Enterprise Architecture, weil die meisten unserer Kernprozesse – Finance, Supply Chain, etc. – darüber laufen. Für uns ist SAP ein Rückgrat, das verlässlich funktionieren muss und gleichzeitig genug Flexibilität bieten sollte, um neue Technologien wie AI oder automatisierte End-to-End-Prozesse sinnvoll einzubetten. Entscheidend ist aber nicht das einzelne System, der einzelne Partner, sondern das End-to-End-Zusammenspiel in einer zukunftsorientierten IT-Architektur.
Michael Fuchs: Wie hat die Arbeit bei SAP Deinen Blick auf Standardisierung versus Individualisierung von Geschäftsprozessen beeinflusst?
Katrin Lehmann: Meine Zeit bei SAP hat mich gelehrt, dass Standardisierung kein Selbstzweck ist – sondern eine Voraussetzung für Geschwindigkeit, Stabilität, Skalierbarkeit und Automatisierung. Gleichzeitig weiß ich aus der Anwendersicht heute: Individualisierung kann sinnvoll sein, aber nur dann, wenn sie einen klar belegbaren Mehrwert liefert und nicht zu zusätzlicher Komplexität führt. Wir vereinheitlichen gerade schrittweise unsere SAP-Landschaft, aber nicht dort, wo Differenzierung geschäftsrelevant ist.
Herausforderung: Basis für KI-Nutzen schaffen
Michael Fuchs: SAP positioniert Business-AI und Joule als Produktivitätshebel der nächsten Generation. Welche Herausforderungen siehst Du in der Praxis für eine konsequente Umsetzung dafür?
Katrin Lehmann: Die größte Herausforderung liegt weniger in der Technologie selbst als in den Voraussetzungen, die sie braucht, um Wirkung zu entfalten. KI funktioniert nur dann, wenn Datenqualität, einheitliche End-to-End-Prozesse und Governance stimmen. Solange wir als Unternehmen in hybriden, historisch gewachsenen Landschaften arbeiten, müssen wir gleichzeitig eine einheitliche Basis schaffen, um KI nahtlos in diese Realität zu integrieren.
Hinzu kommt: KI ist kein Werkzeug, das man einfach nur bereitstellt. Sie verändert Arbeitsweisen, Rollenprofile und Entscheidungslogiken. Das braucht Befähigung, Reife und klare Verantwortlichkeiten. Erst wenn all diese Grundlagen stehen, entfaltet sie ihren tatsächlichen Nutzen in SAP-Prozessen und kann gezielt als Co-Pilot unterstützen.
Michael Fuchs: Wie gehen Dein Team und Du diesen Weg? Was sind die wichtigsten Leitplanken dafür?
Katrin Lehmann: Wir setzen auf drei Stellhebel, um nachhaltig Wirkung aufzubauen.
- Erstens: Tone from the Top – AI ist bei Mercedes Chefsache und braucht maximale Aufmerksamkeit im Management. Das fängt beim Lernen an. Wir haben dafür die „DEAL Hour“ eingeführt: Drop Everything And Learn. Jeden Freitag nehmen wir uns bewusst eine Stunde, in der nur das Lernen zählt. Das gilt für Führungskräfte genauso wie für unseren technischen Teams.
- Zweitens: Es braucht eine belastbare AI- und Daten-Foundation. Ohne saubere Daten, klar definierte und einheitliche Prozesse und stabile Architektur entstehen keine skalierbaren Effekte.
- Und drittens: KI ist Kultur und braucht das richtige Mindset. Sie kann nur so gut sein wie die Menschen, die sie gestalten, trainieren und verantwortungsvoll einsetzen. Deshalb investieren wir in die Fähigkeiten unserer Mitarbeitenden.
Wunsch an SAP: Partnerschaft auf Augenhöhe
Michael Fuchs: Welche Erwartungen hast Du an SAP als Hersteller und strategischen Partner, damit Transformation für Kunden künftig messbarer und erfolgreicher wird? Was sind Deine drei Wünsche an SAP?
Katrin Lehmann: Hybride Architekturen sind Realität. Wir brauchen also zunächst weniger Fragmentierung und weniger Komplexität, wenn es um Integration und Betrieb geht. SAP-Services und -Komponenten anderer Anbieter müssen zudem konsistent zusammenspielen – dafür braucht es klare Leitplanken.
Zudem sollen Produkte nicht durch ihren Funktionsumfang überzeugen, sondern dadurch, dass sie End-to-End-Prozesse stabilisieren, beschleunigen, automatisieren und vor allem einfacher machen.
Und nicht zuletzt braucht es eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Sprich, offene Kommunikation, um schneller ins Doing zu kommen. Genau das erleben wir bereits in Formaten wie den Elevation Sessions zwischen SAP und unseren Teams – und darauf wollen wir weiter aufbauen.
Michael Fuchs: Immer wieder taucht im SAP-Markt die Frage auf, welche Rolle AI bei der operativen SAP-Implementierung spielt. Was erwartest Du, wie werden sich Implementierungsprojekte in der Zukunft ändern?
Katrin Lehmann: KI wird Implementierungen grundlegend verändern. Vieles, was heute noch manuell und zeitintensiv ist – Fit-to-Standard-Analysen, Konfiguration, Tests, Dokumentation und vor allem Schulungen und Trainings – wird künftig automatisiert, vorgeschlagen oder validiert. Damit verschieben sich Rollen: Weg vom reinen Konfigurieren hin zum Steuern, Entscheiden und Gestalten.
Erfolg ist, wenn Technologie im Alltag spürbar wird
Michael Fuchs: Wenn wir in zwölf Monaten zurückblicken – woran misst Du persönlich den Erfolg Deiner Rolle?
Katrin Lehmann: Daran, ob Technologie im Alltag spürbar wirkt. Wenn unsere Systeme stabil laufen, KI produktiv genutzt wird und unsere Teams täglich erleben, dass Technologie ihnen als Copilot den Rücken freihält, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Erfolg heißt für mich: IT macht den Unterschied – für die Teams, für unsere Prozesse und für die Zukunftsfähigkeit von Mercedes-Benz.
Michael Fuchs: Katrin, dann Dir noch einmal herzlichen Dank für den tollen Einblick in deinen CIO-Alltag und die Ziele bei Mercedes Benz. Ich wünsche dir weiterhin so viel Erfolg bei deiner Passion Technologie in messbaren Nutzen umzusetzen!
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